Mittwoch, 25.11.2020

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Fitzeks Thriller und das Heimwegtelefon

Ehrenamtliche aus Walkersbrunn sitzt regelmäßig an der Begleit-Hotline - 22.11.2020 06:00 Uhr

Es sind häufig Frauen, die das Heimwegtelefon anrufen, wenn sie allein unterwegs sind. Viele fühlen sich im Gespräch mit jemandem dann einfach sicherer.

20.11.2020 © Sarah Munker/oh


Seit März sitzt Iris Trautner im idyllischen Walkersbrunn (Landkreis Forchheim) regelmäßig am Telefon und wartet auf Anrufe. Aber nicht von Freunden oder Familie, sondern von Fremden, von Frauen und Männern, die nachts oder am frühen Morgen unterwegs sind und sich so mutterseelenallein in oder vor der Dunkelheit fürchten.

Halt und Hilfe finden sie dann unter der Nummer 030/12074182 bei der 52-jährigen Geschäftsführerin von Obst Trautner. Mit rund 60 anderen Ehrenamtlichen ist sie für den bundesweiten Verein "Heimwegtelefon" tätig.

Für ihren Einsatz erhalten die Freiwilligen immer wieder Schulungen: sowohl für das Technische als auch, fast noch wichtiger, für das Psychologische, die Gesprächsführung. Für das Ehrenamt muss man ein Bewerbungsgespräch absolvieren. Schließlich geht es im schlimmsten Fall um Leben oder Tod.

Bis der Anrufer im Haus ist

Pro Schicht bedienen etwa drei bis vier Freiwillige, am Wochenende auch mehr, die Telefonhotline. "Wir teilen uns die Gespräche auf. Wenn ich eines entgegennehme, frage ich, wo sich der Anrufer oder die Anruferin gerade befindet und wo er oder sie hin möchte", erzählt Iris Trautner. Sie bleibt dann solange am Hörer, bis der Anrufer sicher daheim angekommen ist. Sie legt erst auf, wenn er wirklich in der Wohnung ist.

Sinn und Zweck ist einfach und leuchtet ein: "Wenn Du am Telefon bist, quatscht Dich auf der Straße keiner an", betont Trautner, "das ist unsere Erfahrung." Die Gefahr, dass ein gezücktes Handy einen Dieb womöglich erst anlockt, sieht sie hingegen nicht: "Auf so eine Idee ist noch nie jemand gekommen." Zudem habe heutzutage ohnehin jeder ein Smartphone, da müsse ein potenzieller Dieb nicht warten, bis jemand damit telefoniert.

Gespräche bis zu zwei Stunden

Für Iris Trautner ist der Telefondienst das perfekte Ehrenamt.

20.11.2020 © privat


Zwischen zehn und 30 Minuten, bisweilen aber auch schon mal zwei Stunden spricht Iris Trautner mit den Anrufern "über Gott und die Welt", wie sie selbst sagt. "Wir sind kein Navigationssystem", betont sie, "die Anrufer haben ja selber alle ein Handy, die brauchen keinen, der ihnen den Weg erklärt, sondern jemanden, der ihnen das Gefühl gibt, nicht allein zu sein."

Klar verfolgen die Heimwegtelefon-Helfer zugleich auf Google Maps die Route der Anrufer und lassen sich dabei immer wieder den aktuellen Standort erläutern. "Ich frage dann, bist Du an dieser oder jener Kreuzung? Falls er oder sie ja sagt, ist alles okay".

Was aber, wenn es anders ist, wenn plötzlich keine Antwort mehr kommt? "Falls tatsächlich etwas passieren sollte, können wir die Notdienste, die Polizei oder einen Rettungswagen zum Standort des Anrufenden hinleiten." Außerdem sind die Freiwilligen ja über ihre Software in der Lage, den Anrufenden schon vorab einen anderen, sicheren Weg zu zeigen.

In 99 Prozent aller Anrufe ist aber noch nichts passiert, berichtet Iris Trautner. Und das, obwohl sie selbst viele Dienste übernimmt.

Doch auch ohne wirkliche Gefahr: Wer allein mitten in der Nacht unterwegs ist, fühlt sich am Telefon stärker und sicherer. Das gelte vor allem für Frauen: "Wenn Du als Mädchen oder Frau mit einem Handy in der Hand und einem laufenden Gespräch an einer Gruppe Männer vorbeigehst, wirst Du nicht angesprochen", betont sie, "das ist so."

Schichten gehen bis in den Morgen

Die Schichten gehen am Wochenende bis früh um drei Uhr: "Da wollen manche auf dem Heimweg nicht unbedingt Eltern oder Lebenspartner anrufen, sondern lieber einen anonymen Ansprechpartner, um sich von ihm begleiten zu lassen."

Unter den Anrufern sind überwiegend Frauen, aber auch etwa 30 bis 40 Prozent Männer, die Alterspanne geht von 18 bis etwa 50 Jahre. Die meisten Anrufe kommen überwiegend aus Städten und aus dem ganzen Bundesgebiet, darunter natürlich auch aus der Region.

Durch Corona ist es derzeit etwas ruhiger, aber auch jetzt gibt es noch etliche Männer und Frauen, die nachts von der U- oder S-Bahn heimlaufen, von der Arbeit kommen oder eine Freundin besucht haben.

Iris Trautner kennt auch Stammanrufer, die sich an jedem zweiten Tag immer mit und in der gleichen Situation an das Heimwegtelefon wenden, zum Beispiel immer von der S-Bahn-Haltestelle bis vor die Haustür oder bei ihrem nächtlichen Spaziergang mit dem Hund. "Sie fühlen sich dann wirklich sicherer", betont die Oberfränkin.

Ehrenamt als "Corona-Hobby"

Sie selbst bezeichnet ihr Ehrenamt gerne als "Corona-Hobby". Während des ersten Lockdowns konnte man ohnehin nichts machen, außer zuhause bleiben. Jetzt ist es wieder ähnlich. "Das ist für mich eine gute Möglichkeit, mich zu engagieren, ich kann von zuhause aus ganz einfach Menschen helfen." Ihrer Verantwortung ist sie sich bewusst: "Ich möchte, dass einem jungen Erwachsenen, den ich in der Leitung habe, nichts passiert."

Was passiert mit den Daten?

Wer bei dem Verein anruft, hinterlässt Nummern und Standort-Koordinaten. Doch werden diese Daten eigentlich wieder gelöscht? "Es kommt darauf an", antwortet Conny Vogt, die Erste Vorsitzendes des Vereins auf Anfrage.

"Wenn man sich in unsere Datenbank aufnehmen lassen möchte, wird die Nummer gespeichert, dann erkennen wir den Anrufenden wieder, dazu holen wir natürlich die notwendigen Genehmigungen ein und man kann sich jederzeit löschen lassen." Es sei auch keine Bedingung für das Telefonat. "Wer nicht gespeichert werden möchte, dessen Daten werden nach dem Telefonat direkt gelöscht", stellt sie klar.

Sebastian Fitzeks aktueller Thriller heißt "Heimweg" (Verlage Droemer) und wie kann es anders sein: Auch ein Heimwegtelefon spielt darin eine Rolle. Schon im Vorwort macht der Bestseller-Autor auf den gleichnamigen Verein aufmerksam. Das Lob des Schriftstellers dürfte die Initiative bekannter machen.

Den neuen Krimi  indes liest Iris Trautner in ihrer Wartezeit auf den nächsten Anruf sicherlich nicht. "Das ist absolut nicht mein Genre", sagt sie,  "Sebastian Fitzek hat schon seine Klientel, man muss es mögen, aber ich mag es nicht." Sie greift da lieber zum Bügeleisen – bis das Telefon wieder klingelt.

 Mehr dazu lesen Sie hier www.heimwegtelefon.net

SHARON CHAFFIN sc

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