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Herrmann Radteam hört auf: "Die Grenze war erreicht"

Der Hauptsponsor spricht im Interview über den Rückzug aus dem Profi-Radsport - 01.09.2019 11:00 Uhr

Es ist die letzte Bundesliga-Saison: Das Herrmann Radteam hört nach diesem Jahr im Profi-Bereich auf. © privat


Gerade treten die besten Rad-Profis bei der Deutschland Tour an. Auch das Herrmann Radteam wollte dabei sein, qualifizierte sich aber nicht. Seit einigen Wochen steht fest: Es wird die letzte Saison für die Mannschaft aus Baiersdorf.

Herr Herrmann, haben Sie geweint?

Nee, geweint nicht. Es ist klar, dass man sich so einen Entschluss nicht einfach macht. Wie man sich in der Firma gewisse Gedanken macht, wo es hingehen soll, startet man auch so ein Projekt. In der Bundesliga waren wir jetzt drei Jahre, vorher waren es zwei Jahre im Elite-Bereich. Wir haben uns kontinuierlich nach vorne entwickelt. Vor dem Schritt in den KT-Profi-Bereich haben wir gesagt, dass auch das Drumherum wachsen muss.

Das haben Sie uns im letzten großen Interview im Herbst 2018 auch erzählt.

Wir wollten 2020 die Mannschaft hinter der Mannschaft stärker und das Rennprogramm noch intensiver im U23-Bereich ausbauen. Dabei ging es nicht darum, in die nächste Klasse aufzusteigen. Ich wollte nur eines der besten Teams unserer Klasse werden. Dafür fehlt Geld.

"Es ist fast wie in einem Reisebüro"

Sie bräuchten einen neuen Sponsor.

Ich habe Mitte dieses Jahres gemerkt, dass es vom Aufwand her immer mehr wird. 2018 sind wir drei oder vier größere Rundfahrten gefahren, jetzt waren es acht. Dazu kommt die Bundesliga. Grischa (Janorschke, der Teammanager, d. Red.) und ich haben das alles nebenher gemacht. Es ist fast wie in einem Reisebüro. Bei uns war die Grenze erreicht.

Sie können so nicht mehr weitermachen?

Ich habe mir vorgenommen, vor dem 31. Juli zu regeln, wie wir das Orga-Team breiter aufstellen.

Warum dieses Datum?

Mit einem neuen Sponsor müsste man ja Gespräche führen. August und September musst du anfangen, die nächste Saison zu planen. Die guten Fahrer schauen sich jetzt um. Doch man braucht erst Geld, um Leute konkret ansprechen zu können. Wenn kein neues Geld kommt, musst du irgendwann sagen, dass es nicht mehr geht. Ein Jahr wie dieses Jahr hätten wir noch einmal durchziehen können, auf dem gleichen Niveau. Doch mit unserem Budget tappen wir auf der Stelle.

Mehr investieren wollten Sie nicht?

Mir als mittelständigem Unternehmen aus Baiersdorf bringt die Plattform, die ich mit dem Radsport geschaffen habe, wenig. Zur Montage fahre ich nicht weiter als 50 Kilometer. Diese Plattform wäre für einen Sponsor eine gemähte Wiese, der europa- oder deutschlandweit unterwegs ist. Ich hätte auch kein Problem damit, wenn der Name "Herrmann" verschwindet im Team.

Sie haben nach einem neuen Sponsor gesucht?

Ich glaube, man kann uns nicht nachsagen, wir hätten nicht alles versucht. Es waren welche dabei, die einen hohen Millionenbetrag in den Sport investieren. Doch es ging immer der König Fußball vor.

War immer mit Leidenschaft dabei: Stefan Herrmann.


Radsport war für niemanden interessant?

So konkret sagt es einem keiner ins Gesicht. Das sind alles Unternehmen, die Marketing-Strategien haben. Bei uns wären sie zwar nicht nur Trikotsponsor, sondern auch Namensgeber fürs Team. Doch das bringt ihnen nicht so viel wie ein Engagement im Fußball. Die Plattform für den Radsport stirbt. Obwohl ich überzeugt bin, dass der Sport wieder kommt. Man sieht das auch an der Deutschland Tour.

Klingt nach einer rationalen Entscheidung Ihrerseits. Ist es Ihnen so leicht gefallen?

Die Entscheidung muss jemand treffen. Ich bin ehrgeizig. Wenn ich sehe, dass ich nicht weiterkomme, mache ich lieber so einen Schritt. Es waren mehrere Faktoren entscheidend. Ich habe eine Firma, die funktionieren muss, die Baubranche boomt. Dann fordert die Familie ihren Tribut. Der Radsport war ein Hobby. Wenn das Hobby keinen Spaß mehr macht, sondern zur Arbeit wird, muss man sich davon trennen.

Haben Sie das ganz alleine beschlossen?

Ich habe es mit meiner Frau besprochen, das ganze Jahr schon, weil Firma und Radteam uns so fordern.

"Meine Frau hat es mir zuliebe gemacht"

Hatte Ihre Frau Verständnis? Sie ist ja auch verbunden mit dem Team.

Ja. Für sie war das alles auch immer viel Arbeit. Sie hat es mir zuliebe gemacht. Doch sie hat mit dem Verein genug zu tun. Es war ein Mosaikstein nach dem anderen, dann habe ich gesagt: Jetzt ist Schluss.

Von Ihren Söhnen als Herrmann-Radteam-Elite-Fahrer haben Sie nicht geträumt?

Was die Top-Athleten mitmachen, wie oft sie stürzen und sich schinden - da weiß ich nicht, ob man das jemandem wünscht. Mein großer Sohn, Lukas, hat sich schon zweimal das Schlüsselbein gebrochen. Grischa hat sich in seiner aktiven Karriere sechsmal das Schlüsselbein gebrochen. Ab der U23 ist es ein Riesenpensum, bis zu 30 000 Kilometer pro Jahr, dazu die Disziplin beim Essen. Und wer schafft es schon zum Profi-Vertrag? Die anderen bekommen ein paar Hundert Euro. Es gibt wenige Sportarten, in denen es so brutal zugeht wie im Radsport.

Spielte für Sie auch die Nicht-Nominierung zur Deutschland-Tour eine Rolle?

Das war ein großer Knackpunkt. Man erfüllt die Regeln, die aufgestellt werden, doch dann wird die Wildcard über finanziellem Weg vergeben. Da bist du gefrustet. Es war ein Steinchen im Entscheidungsprozess, aber nicht der ausschlaggebende Grund.

Mit Lotto-Kernhaus und Dauner-Akkon haben zwei finanzstarke Teams die Wildcard bekommen.

Wenn einer 150 000 Euro an den Veranstalter zahlt, dann ist das eben so. Sportlich kann ich es mir nicht erklären. Immer wird gesagt, dass die U23-Fahrer gefördert werden sollen. Wir haben den Deutschen Vizemeister U23, sind Deutscher Meister U23 im Zeitfahren, sind Deutscher Meister im Mannschafts-Zeitfahren, wir haben drei U23-Nationalfahrer. In der Bundesliga haben wir es nicht geschafft, die Nummer eins zu werden. Dann hätten wir uns direkt qualifiziert. Doch warum der Zweite nicht genommen wird und dafür Nummer drei und vier, kann ich mir nicht erklären.

"Ich wollte fair mit den Jungs umgehen"

Warum haben Sie Ihre Entscheidung so früh verkündet? Üblich ist das nicht.

Ich wollte den Jungs nichts verbauen und fair mit ihnen umgehen. Alle haben Ein-Jahres-Verträge. Jetzt können sie sich nach neuen Teams umschauen.

Haben Sie keine Angst, dass die jetzt nicht mehr voll mitziehen?

Wir können nur noch gewinnen, können nur mit der besten Saison aufhören. Vier Bundesliga-Rennen haben wir noch, die uns alle liegen.

Das klingt fast ein wenig trotzig.

Puh. Genugtuung wäre ein Bundesliga-Sieg nicht. Doch natürlich wollen sich die Fahrer beweisen. Das finde ich super! Und sie wollen mir etwas zurückgeben.

War der Entschluss befreiend für Sie?

Als ich es den Ersten verkündet habe, war es schwer. Aber je mehr ich darüber gesprochen habe, umso befreiender ist es.

Die Möglichkeit, dass es doch weitergeht...

Momentan müsste da sehr viel passieren. Es müsste eine große Summe auf dem Tisch liegen.

Der Verein bleibt davon unbehelligt?

Ja. Es geht nur um die Bundesliga- und die KT-Mannschaft. Verein und Jugendarbeit bleiben weiter bestehen. Da werden wir uns künftig vielleicht sogar mehr einbringen. Über weitere Dinge kann man dann im Oktober reden. Doch wir werden dem Radsport treu bleiben, ich werde selbst wieder mehr Radfahren. Ich gebe mein Hobby ja nicht auf.

(Nach dem Interview schickt Stefan Herrmann nochmal eine Sprachnachricht bei WhatsApp:)

Ich möchte mich bedanken bei meiner Frau, meiner Familie, Grischa und bei dem Team hinter dem Team. Sie haben mich unterstützt und alle verrückten Ideen mit durchgezogen. Das muss noch mit rein.

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