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Hotelbranche in Erlangen bangt um ihre Existenz

"Die Situation ist schlecht, aber nicht ganz hoffnungslos" - 31.05.2020 11:00 Uhr

Foyer mit Desinfektions-Spender: Therese Langhammer, Geschäftsführerin des Hotels Grauer Wolf, in ihrem Haus in der nördlichen Erlanger Innenstadt. © Harald Sippel


Im Oktober wurde das Holiday Inn Express an der Westseite der "Erlanger Höfe" an der Güterbahnhofstraße eröffnet. Mit 186 Gästezimmern, einem Konferenzraum und einem Business-Center wollte das neue Haus insbesondere für Geschäftsleute attraktiv sein. Schnell wurden erste Erfolgsmeldungen verkündet, für 2020 wurde eine Auslastung von 80 Prozent prognostiziert, was rund 45 000 Übernachtungen entspricht – und die Zukunft sah genauso rosig aus. Dann kam Covid 19. Das Hotel wurde geschlossen. Vorübergehend. Für die Zeit ab dem 1. Juni, so ist der Homepage zu entnehmen, können Reservierungen online abgeschlossen werden. Eigentlich, so will es die bayerische Staatsregierung, dürfen Hotels aber für Privatleute unter Hygieneauflagen bereits zum Ferienstart am Pfingstsamstag wieder aufmachen. Und für wichtige nicht-touristische Zwecke musste nie geschlossen werden. Nur: Gäste gab es trotzdem kaum mehr.

"Was Trauriges wollen’s da schreiben, oder?" Bereits beim ersten Satz von Therese Langhammer, Geschäftsführerin des Hotels Grauer Wolf in der Erlanger Innenstadt, wird deutlich, wie ernst die Lage ist. Große Freudenstürme löst der offizielle Hotel-Eröffnungstermin am 30. Mai bei ihr nicht aus. Der Graue Wolf hat eine lange Tradition, wurde 1733 erstmals als Herberge erwähnt.

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Das neue Holiday Inn Express in Erlangen

Das Übernachtungsangebot in der Erlanger Innenstadt ist um ein Neubau-Hotel mit insgesamt 186 Gästezimmern erweitert worden. In der Nähe des Hauptbahnhofs gibt es nun ein neues Holiday Inn Express.


Seit fast 40 Jahren führt Therese Langhammer den Familienbetrieb, hat in diesem Zeitraum viel erlebt. Leicht war es nicht immer – die Wirtschaftskrise, der Umbau des Hauses und die damit einhergehende Teilschließung, all das hat die Familie bewältigt. Irgendwie ging es immer weiter. Und nun: das Coronavirus. "Es hat uns eiskalt erwischt", sagt die Geschäftsfrau. "Solche Zeiten treffen einen besonders hart." Von einem Tag auf den anderen blieben die Gäste weg. "Wir waren sehr breit aufgestellt", sagt Langhammer. Man sei eben nicht nur von großen Firmen abhängig, im Gegenteil, "wir haben die große, bunte Mischung." Hochzeiten, Klassentreffen, all das konnte nicht mehr stattfinden. Im Krankenhaus wurden viele Operationen verschoben, also blieben die Gäste weg, die sonst ihre Angehörigen in der Klinik besuchen. Ebenso die Gäste, die wegen ihrer an der Universität studierenden Kinder anreisten. Besucher des Theaters und des E-Werks, genauso wie Musiker, die dort Auftritte haben: Viele von ihnen übernachteten in dem Innenstadthotel. Doch die Veranstaltungen wurden gestrichen, im Hotel gingen die Stornierungen ein.

Aushang mit Hygiene-Vorschriften. © Foto: Sippel


Dass Geschäftsleute weiterhin im Hotel hätten absteigen dürfen, nützte nichts, denn von ihnen kamen keine Buchungen mehr. "Sie waren wohl im Home Office, haben Videokonferenzen gemacht, ich weiß es nicht." Therese Langhammer klingt ratlos, so etwas hat sie noch nie erlebt. Nun darf wieder für Privatleute geöffnet werden. Zwar zeichnet sich Erlangen nicht als Touristenmagnet aus, aber an Pfingsten ist der Graue Wolf zuverlässig immer ausgebucht, es ist die Zeit im Jahr, in der es die meisten Menschen nach Erlangen zieht: Der Berg "ruft", doch die Bergkirchweih wurde abgesagt. "Der Berg wurde komplett storniert", konstatiert Therese Langhammer. "Aber unsere Berggänger sind treu, sie haben alle gleich für 2021 gebucht. Da haben wir uns sehr gefreut."

Dennoch: Bis Pfingsten 2021 ist es noch lang, vorerst sind 90 Prozent der Buchungen für die nächsten Monate weg. Gleichwohl bereitet man sich vor. Um die Abstandsregeln im Frühstücksraum einhalten zu können, wurden Tische und Stühle umarrangiert, Desinfektionsmittelspender aufgestellt. Therese Langhammer hofft auf Buchungen, 42 Zimmer hat der Graue Wolf. Trotz der Corona-Auflagen dürfen Hotels in Bayern ihre Zimmer komplett vermieten.

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Seit Ende Mai lockert die bayerische Regierung die Maßnahmen zur Einschränkung der Corona-Pandemie Schritt für Schritt. Durch die Verlängerung der Sperrstunde und andere Erleichterungen seit dem 16. Juni geht es für die Bürgerinnen und Bürger wieder ein Stück mehr Richtung Normalität.


Dass sein Creativhotel Luise in der nächsten Zeit ausgebucht sein wird, kann Ben Förtsch allerdings nicht glauben. "Ich erwarte keine rettenden Folgemonate", sagt er. Viele Stammgäste, die vom Gesetz her auch in den letzten beiden Monaten hätten kommen können, weil sie etwas Dringliches zu tun gehabt hätten, "durften nicht kommen, weil ihre Firma ein Reiseverbot ausgesprochen hat", so der Hoteldirektor. Der Anteil an Individualreisenden in Erlangen beträgt laut dem Erlanger Tourismus und Marketin Verein (ETM) lediglich 20 bis 25 Prozent. Der August, so Förtsch, sei deshalb für Hotels in der Hugenottenstadt der traditionell deutlich schlechteste Monat im Jahr. Der Großteil aber sind Geschäftsreisende. Damit die Hotels in Erlangen die Krise überstehen, ist es dringend notwendig, dass die Firmenmitarbeiter zurückkehren. "Viele der großen Unternehmen haben es in der Hand, wie es den Hotels geht", meint Ben Förtsch.

Die Corona-Pandemie trifft auch das familiär geführte Creativhotel Luise sehr hart. "Wir haben gerade einen Riesenumbau gemacht und Millionen investiert", sagt Eigentümer Ben Förtsch. Zur Rädli am 1. Mai hätte eröffnet werden sollen – eigentlich sollten es 97 Zimmer werden, jetzt sind es 93 Zimmer, "ein Geschoss im Rohbau ist leer, weil unsere Rücklagen weg sind". Und "seit die Dachterrasse mit schönen neuen Außenbereichen für Events fertig ist, war noch kein Gast darauf".

Erst seit 2014 ist Förtsch Geschäftsführer, vor zwei Jahren hat er das Hotel von seinem früh verstorbenen Vater vollständig übernommen. Mit viel Ideen und Elan führt er das auf Nachhaltigkeit setzende Konzept weiter. Die meisten seiner 35 Mitarbeiter musste er in Kurzarbeit schicken, darunter sind fest angestellte Reinigungskräfte, "wir arbeiten nicht mit einer Fremdfirma zusammen", sagt er. Dem Corona-Virus sei kein Arbeitsplatz zum Opfer gefallen, er selbst habe, wie es viele Selbstständige tun, auf sein Gehalt verzichtet. Der Druck und die psychologische Belastung für alle seien groß.

Sowohl Ben Förtsch als auch Therese Langhammer sind entschlossen, ihre Betriebe heil durch die Corona-Krise zu führen. "Die Situation ist schlecht, aber nicht ganz hoffnungslos", sagt Therese Langhammer. Doch Hoffnung ist das eine, konkrete Hilfen wären das andere. Wenn sie denn funktionieren würden. "Wir haben vor sechs Wochen Soforthilfe beantragt, letzte Woche haben wir sie endlich erhalten. Doch diese deckt nicht einmal die Fixkosten von einem Monat", sagt Förtsch. Und Therese Langhammer erzählt, dass sie am 16. März Kurzarbeitergeld beantragt hat. Es sei bestätigt worden, dass der Antrag bearbeitet wird. Aber: "Bis heute haben wir noch keine Bearbeitungsnummer."

 

EVA KETTLER

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