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Imam Idriz: „Toleranz ist der höchste Grad von Stärke“

Muslimischer Geistlicher predigt in der Hugenottenkirche: Pfarrer Johannes Mann muss Morddrohung aushalten - 23.11.2012

Im Dialog: Imam Benjamin Idriz (Mitte) mit Lektor Peter Scheer, Pfarrer Mann und Professor Hartmut Bobzin in der Hugenottenkirche. © Bernd Böhner


„Lass Dich in den Arm nehmen“, sagte Mehmet Sapmaz und drückte Pfarrer Johannes Mann fest an sich. „Für deinen Mut“, sagte der Muslim und CSU-Stadtrat. Wie viele andere an diesem Abend war Sapmaz erfüllt von dem Gottesdienst in der Hugenottenkirche und der Kanzelrede des Imams Benjamin Idriz.

Zum Buß- und Bettag, der zur Besinnung und Neuorientierung aufruft, hatte Pfarrer Johannes Mann den muslimischen Geistlichen und Gelehrten Benjamin Idriz von der islamischen Gemeinde aus Penzberg in das evangelisch-reformierte Gotteshaus zum interreligiösen Dialog eingeladen. Ein gewagter Schritt war das, für manche gar ein Tabubruch, der schon vorab heftigste Reaktionen hervorgerufen hatte. Bis hin zur Morddrohung („Du gehörst aufgeknüpft“) gingen die Angriffe, die Pfarrer Mann nach seinen eigenen Worten über sich ergehen lassen musste. Unter Polizeischutz — so Mann — fand der Gottesdienst statt.

Wohl zum ersten Mal hat eine protestantische Gemeinde in Bayern einen Imam von der Kanzel predigen lassen. Um Irritationen auszuräumen, betonte Mann, und um allen Fanatikern zu zeigen: „Wir gehen hier miteinander mit Offenheit, Respekt und Vertrauen um.“

Benjamin Idriz zeigte sich als aufgeklärter Muslim, der zur Toleranz aufforderte: „Denn Toleranz erfordert Mut. Toleranz ist der höchste Grad von Stärke und Intoleranz das erste Zeichen von Schwäche.“ Dies gilt für den Imam auch für die Freiheit des Glaubens. Idriz betonte die Entscheidungsfreiheit zwischen Glauben und Nichtglauben mit dem Koran. Er zitierte aus Sure 18, Vers 29: „Lasse denn an sie glauben, wer will, und lasse sie verwerfen, wer will.“ Der Imam hob ebenso hervor, dass Islam Frieden bedeute. „Der wahre Muslim ist derjenige Mensch, der in Frieden mit Gott, mit sich selbst, seiner Umgebung, mit allen Menschen lebt.“

Idriz betonte in seiner Rede auch die Wandelbarkeit von Religionen und die Notwendigkeit einer kontextuellen Auslegung der Quellen: „Die Muslime sind Veränderungen unterworfen, weil sie auch weiterhin abhängig bleiben von der gesellschaftlichen Struktur und den anthropologischen und soziologischen Begebenheiten der Völker. Aufgrund dessen muss eine zeitgemäße Interpretation des Islam in Deutschland entwickelt werden, die dem Wandel der Zeit Rechnung trägt.“ Der Imam sprach sich daher für eine plurale Gesellschaft aus, für die Gleichberechtigung der Geschlechter, für soziale Gerechtigkeit in „unserem gemeinsamen Rechtsstaat“.

Idriz und seine Gemeinde ist in bestimmten Kreisen umstritten. Der Verfassungsschutz hatte die Islamische Gemeinde mehrere Jahre beobachtet; im Bericht der Behörde 2011 wurde die Gemeinde nicht mehr erwähnt. Idriz wurde allerdings von vielen Seiten — etwa vom evangelischen Altbischof Johannes Friedrich oder Münchens OB Christian Ude — unterstützt. Sie halten ihn für einen liberalen Vertreter des Islams, der für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit stehe.

Pfarrer Johannes Mann war nach der Veranstaltung erleichtert und glücklich: „Wir haben ein neues Kapitel im interreligiösen Dialog aufgeschlagen.“ 

rak

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