Raum für Malerei

Junge Generation stellt im Kunstmuseum Erlangen aus

Peter Millian

Erlanger Nachrichten

13.11.2021, 18:30 Uhr
Beeindruckend: Im Neuen Saal sind große Formate der Koreanerin Migyeong Yun ein Blickfang.
 

© Harald Hofmann, NN Beeindruckend: Im Neuen Saal sind große Formate der Koreanerin Migyeong Yun ein Blickfang.  

"Raum für Malerei. Junge Künstler*innen aus der Metropolregion“ lautet der eher unspektakuläre Titel einer Ausstellung von neun Kunstschaffenden im Kunstmuseum im Loewenichschen Palais. Sie versammelt Absolventen der Nürnberger Kunstakademie, die sehr verschiedene Ansätze, Motive und Arbeitsweisen für ihren künstlerischen Ausdruck gewählt haben – Figuratives, Abstraktes, Mischformen daraus und faktisch Gegenständliches.

Berühmte Frage

Das beginnt schon im Foyer der Ausstellungsräume im Obergeschoss des Palais, wo der Besucher geneigt ist, sich eine berühmte Frage zu stellen: Ist das Kunst oder kann das weg? Denn der 35-jährige Marco Stanke hat den Raum mit Installationen aus Holzrahmen und manchmal bemalter Leinwand bestückt, dass starke Irritation entsteht – bis der Witz zündet und in befreiendes Schmunzeln mündet. Geknickte Bilder, schiefe Rahmen und verschobene Perspektiven eröffnen eine schräge Sicht auf die Welt.

Malerei auf der Höhe der Zeit: Blick in die Ausstellung.

Malerei auf der Höhe der Zeit: Blick in die Ausstellung. © Harald Hofmann, NN

Doch der Reihe nach. Im Kabinett I versteckt die gerade mal 30 Jahre alte Münchenerin Hannah Lang in ihren auf den ersten Blick sehr abstrakten Bildern richtige kleine Geschichten, so man denn das Figürliche herauszudestillieren versteht – oder durch die anwesende Künstlerin hingeführt wird. Ihre „Nachbarin“, Anna Maria Schönrock im Kabinett II, geht den umgekehrten Weg: Sie lässt die Wirklichkeit in ihrer gegenständlichen Malerei verschwinden, ihre großformatigen Bilder von floralen Landschaften und Motiven haben etwas Unwirkliches.

Malerei auf der Höhe der Zeit: Blick in die Ausstellung.

Malerei auf der Höhe der Zeit: Blick in die Ausstellung. © Harald Hofmann, NN

Formale Strenge und hintergründiger Humor zeichnen die Kunst der Mariko Tsunoka aus Nagoya (Japan) aus, bei der die Interaktion von Bild und Raum wichtig ist, was sich besonders an einer Installation zweier „Halbbilder“ ausdrückt, die wie ein aufgeklapptes Buch eine Ecke einnehmen. Eine ebenfalls von ihr stammende Plastik erinnert an ein Notenpult oder aufgeschlagenes Lexikon.

Traditionelle Themen

An das Foyer grenzt der Zugangsbereich zum Barocksaal an, in dem Nazzarena Poli Maramotti eigentlich traditionelle Themen malt, die aber geheimnisvoll verdeckt bleiben. Überraschend dann ihre Keramiken, die wie farbige (und handwerklich sehr gelungene) Entsprechungen ihrer Bilder wirken.

Malerei auf der Höhe der Zeit: Blick in die Ausstellung.

Malerei auf der Höhe der Zeit: Blick in die Ausstellung. © Harald Hofmann, NN

Zweifellos von den Katastrophen der letzten Jahre beeinflusst sind die Gemälde der Fürtherin Julia Frischmann, bei deren monumentalen, eine ganze Wand einnehmenden Waldbrand „lodernde“ Bilder auf einer düsteren Fototapete besonders eindrucksvoll wirken. Ihre eher lichten Bilder aus fließenden und springenden Farben vermitteln aber eine eher heitere Grundstimmung.

Lodernde“ Bilder auf düsterer Fototapete: Julia Frischmann vor ihrem Werk.
 

Lodernde“ Bilder auf düsterer Fototapete: Julia Frischmann vor ihrem Werk.   © Harald Hofmann, NN

Im Neuen Saal sind große Formate der Koreanerin Migyeong Yun ein Blickfang. Ihre gegenständlichen Motive werden durch schwungvolle, fast tanzende Pinselstriche verfremdet und interessant gemacht, ein Bild einer Wartenden an einer Bushaltestelle lässt aufgrund der hinzugefügten Details Raum für Interpretationen. Geschädigte unzuverlässiger Verkehrsverbindungen fühlen automatisch mit ihr.

Endzeitstimmung eines heiteren Gesellen: Künstler Jan Gemeinhardt.
 

Endzeitstimmung eines heiteren Gesellen: Künstler Jan Gemeinhardt.   © Harald Hofmann, NN

Was dem „Modern Man“ Simon Kellermann passiert (ist), zeigt er deutlich: Auf seinen fotorealistischen Selbstporträts geht es mit Öl, Ei und allerlei Flüssigkeiten zur Sache – beschädigte Männlichkeit könnte man meinen. Zum Elefantenmenschen mutiert er mit aufgeklebtem Rüssel; so viel Mut zur Selbstentstellung muss man erst einmal haben. Und dann auch noch detailreich malen können.

Im Kabäuschen schließlich, im Einbau im Neuen Saal, lässt der Nürnberger „Kreis“-Künstler Jan Gemeinhardt an seinen dystopischen Empfindungen teilhaben. Vor dunkel gestrichenen Wänden geht ein Blutmond auf, Leuchtfeuer zerschneiden eine düstere Nacht, Endzeitstimmung herrscht. Der Künstler kontrastiert dazu zu seinem Werk als heiterer Geselle, der aber weiß, dass ein Epochenende eingeläutet worden ist, für das Pessimismus viel zu spät kommt.

Die Kunstmuseum-Kuratorinnen Sophia Petri und Jannike Wiegand haben mit ihren neun Kunstschaffenden einen guten Griff getan und eine Schau zusammengestellt, die auf der Höhe ihrer Zeit ist. Die Ausstellung ist ein weiteres Kooperationsprojekt zwischen dem Kunstmuseum und dessen Freundeskreis.

„Raum für Malerei. Junge Künstler*innen aus der Metropolregion“, Kunstmuseum, Nürnberger Str. 9. Bis 12. Dezember. Es gelten die aktuellen Corona-Regeln, geöffnet Mi., Fr., Sa. 11 bis 15, Do. 11 bis 19, So. 11 bis 16 Uhr. Es liegt ein Katalog auf. Der Eintritt ist frei, Spenden sind erwünscht.

www.kunstmuseumerlangen.de

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