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Logopädie-Ausbildung in Erlangen ist durch Corona teils lahmgelegt

Der praktische Teil des Modellstudiengangs findet derzeit fast nicht statt - 07.04.2021 15:30 Uhr

Vor Corona, wie auf unserem Bild, funktionierte das mit der praktischen Ausbildung noch. Nun ist das Modellprojekt zu großen Teilen unterbrochen worden.

06.04.2021 © Archivfoto: Löffler


"Wie kann so die Qualität der Ausbildung aufrechterhalten werden?", fragt sich die Studentin und spricht damit für die Fachschaft der Berufsfachschule für Logopädie. Die Antwort kann sie sich im Grunde selbst geben: Gar nicht. Denn sie weiß, dass bei ihr ebenso wie bei ihren Mitstudierenden bereits deutlich über 100 Praxisstunden weggefallen sind. Diese nachzuholen, wird immer schwieriger, solange sich an der Situation nichts ändert.

Die Situation hat zwar oberflächlich betrachtet mit Corona zu tun, bei genauerer Betrachtung offenbart sich jedoch ein anderes Bild. "Absurdistan lässt grüßen", fasst Sabine Degenkolb-Weyers das Ganze in drei Worten zusammen, wobei eine gehörige Portion Bitterkeit mitschwingt. Die Leiterin der Staatlichen Berufsfachschule für Logopädie in Erlangen muss aber zuvor etwas ausholen, um gewissermaßen den Rahmen für das Bild zu liefern.

Im Schwebezustand

Die Logopädie in Erlangen befindet sich seit Jahren in einem Schwebezustand zwischen Schule und Universität. Im Jahr 2011 wurde der Modellstudiengang Logopädie eingeführt, einer von bundesweit sechs Modellstudiengängen. Auf der Homepage der Schule heißt es: "Die Berufsfachschule für Logopädie bleibt bis zum Ende der Modellphase eine staatliche Berufsfachschule unter dem Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus, gleichzeitig ist sie als Studiengang an der Medizinischen Fakultät der FAU angesiedelt."

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Bis zum Ende der Modellphase haben die Studierenden einen Doppelstatus, "wir sind Studierende und Schülerinnen in Personalunion", sagt Carla Schramm. Die Schulstruktur mit Jahrgängen und Zeugnissen wurde umgewandelt in Module und Modulprüfungen, wie an der Uni üblich. Nach dem sechsten Semester muss das Staatsexamen abgeleistet werden. Zuvor aber hat neben den theoretischen Fächern die praktische Ausbildung einen hohen Stellenwert. Die Studierenden behandeln ab dem zweiten Semester mehrere logopädische Patienten unter Ausbildungssupervision durch die Lehrkräfte.

Eineinhalb Jahre Pause

Das aber dürfen sie seit eineinhalb Jahren kaum noch. Denn die Behandlungen finden an der Schule statt, wo sich die fachpraktischen Räume befinden. Wenn für die bayerischen Schulen aufgrund hoher Corona-Inzidenz Distanzunterricht angeordnet wird, darf auch die Berufsfachschule für Logopädie keine Studierenden mehr in ihre Räume lassen oder, so wie zuletzt, nur die Abschlussklassen – um genau zu sein also die Studierenden im sechsten Semester. Sobald die Studierenden wegbleiben müssen, springen die Lehrkräfte ein und übernehmen die Behandlung der logopädischen Patienten.

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Nachvollziehen lasse sich diese Regelung nicht, zumal wenn man wisse, dass niedergelassene Logopädie-Praxen ganz normal therapieren dürfen, meint Carla Schramm.

Oder wenn man in Betracht ziehe, dass Schülerinnen und Schüler anderer Berufsfachschulen zur gleichen Zeit weitermachen dürfen mit der praktischen Ausbildung. Ein paar Beispiele dafür gibt es vor Ort: etwa die Berufsfachschulen für Krankenpflege und Kinderkrankenpflege oder auch die Berufsfachschule für Hebammen. Sowohl Pflegeschüler als auch Hebammen absolvieren den praktischen Teil ihrer Ausbildung nicht in den Schulgebäuden, sondern im Universitätsklinikum. "Und während wir zuhause bleiben müssen, dürfen sie weiterhin Praxisunterricht machen", sagt Carla Schramm. Eine massive Ungerechtigkeit sieht man in der Berufsfachschule für Logopädie darin.

"Unsere Vorstellung ist, dass wir fürs Therapieren eine Genehmigung kriegen und dass uns garantiert wird, dass wir regelmäßig Therapien durchführen können", formuliert die Studentin die Forderung der Fachschaft. Bisher wurden die Studierenden und die Schulleiterin jedoch nicht erhört. Und das, obwohl man mit den Virologen der Universität sogar eigens ein Hygienekonzept erarbeitet hat und obwohl sowohl Studierende als auch Lehrkräfte geimpft sind.

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Das Kultusministerium delegierte die Entscheidung an das lokale Gesundheitsamt, dieses wiederum an das städtische Ordnungsamt. "Das sollte nun die Entscheidung treffen, ob wir praktizieren dürfen, und entschied mit einer für uns undurchsichtigen Begründung, dass wir es nicht dürfen", so Carla Schramm.

"Kein Anlass für Ausnahmen"

Das Ordnungsamt habe mitgeteilt, dass es keinen Anlass für eine Ausnahme gebe, denn für die Schulen sei alles geregelt, führt die Schulleiterin das näher aus. Ihr Fazit: Die Ausbildung sei somit nicht gesichert. "Man findet keine Lösung", das sei zum Verzweifeln, sagt Sabine Degenkolb-Weyers. Einer verweise auf den anderen, das Ministerium am Ende wieder auf die Politik. Und so fragt sie sich nun: "Sind wir der Politik eigentlich nichts wert?"

Das will der Erlanger FDP-Landtagsabgeordnete Matthias Fischbach so nicht stehen lassen. Die Logopädie-Ausbildung dürfe nicht länger behindert werden, fordert er. Fischbach will das Thema in den Landtag bringen und hat außerdem eine Anfrage an das Kultusministerium gerichtet, um zu erfahren, wie viele Ordnungsämter im Gegensatz zu Erlangen eine Ausnahmegenehmigung für ihre logopädischen Berufsfachschulen erteilt haben.

EVA KETTLER

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