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Mit ihren Händen spürt sie Tumore auf

Blinde junge Frau ist Bayerns erste „Medizinische Tastuntersucherin“ - 28.02.2011 11:30 Uhr

Andrea Windbichler arbeitet als „Medzinische Tastuntersucherin“. Das Bild zeigt sie beim Abtasten, nachdem sie die Klebestreifen aufgebracht hat. © Bernd Böhner


Andrea Windbichler ist sich ganz sicher: „Ein Tumor muss nur drei Millimeter groß sein, dann erkenne ich ihn.“ Zwei Patientinnen hatte sie bis heute, in deren Brust sie kleine Knoten ertastete, die sich am Ende als bösartig erwiesen.

Die ungewöhnliche Sensibilität, zu denen der Tastsinn blinder Menschen fähig ist, hat der 27-Jährigen zu einem Beruf verholfen, den sie als ideal empfindet. „Er ist anspruchsvoll, und ich kann Menschen helfen“, sagt die gebürtige Bambergerin, die von Geburt an blind ist, aber ihr Leben couragiert und eigenständig meistert.

Nur wenige Stellen

Nach ihrem Schulabschluss hatte sie zunächst Glück. Mit einer Büro- und Telefonie-Ausbildung in der Tasche, fand sie eine der für Blinden raren Stellen, wurde später aber gekündigt. Andrea Windbichler heiratete — einen ebenfalls blinden Mann — und wurde Mutter. Als dann der Kleine in den Kindergarten kam, suchte sie eine neue Herausforderung.

Von ihrer Schwester und einem Prüfer ihres Blindenhundes kam der entscheidende Tipp: Beide hatten von einer ungewöhnlichen Ausbildung gehört, die das Nürnberger Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte seit Januar 2010 anbietet und die ein nordrhein-westfälischer Frauenarzt zur Verbesserung der Brustkrebs-Früherkennung entscheidend mitentwickelt hatte.

Andrea Windbichler arbeitet als „Medzinische Tastuntersucherin“. Das rechte Bild zeigt sie beim Abtasten, nachdem sie die Klebestreifen aufgebracht hat. Das linke Bild zeigt sie bei der Nachbesprechung mit Dr. Madeleine Haas. © Böhner


„Das ist es“, dachte Andrea Windbichler. Sie bestand den schwierigen Eignungstest und begann kurz nach dem Jahreswechsel 2010 als damals einzige und erste Schülerin eine fordernde Ausbildung. Sie paukte sechs Monate Anatomie und medizinische Terminologie, die Pathophysiologie der weiblichen Brust, das medizinische Schreiben am PC und übte das Tasten in der Praxis. Dann kamen wochenlange Praktika, am Ende die Abschlussprüfung.

Über Querverbindungen kam im Herbst der Kontakt zu der Erlanger Gynäkologin Dr. Madeleine Haas zustande, die gerade ihre Räume vergrößerte und neben einer Dependance in Baiersdorf eine Gemeinschaftspraxis in der Hauptstraße und in der Nürnberger Straße führt. Seit Mitte November ist Andrea Windbichler in den beiden Erlanger Praxen tätig und hat dort einen gut gefüllten Terminkalender. Selbst aus Frankfurt, Würzburg und Augsburg seien schon Patientinnen gekommen, um sich von ihr abtasten zu lassen, berichtet sie.

Frauen, die sich zu dieser Vorsorge entschließen, befragt Andrea Windbichler zu Beginn nach der Krankengeschichte. Am nackten Oberkörper tastet sie die Lymphknoten ab, anschließend legt sich die Patientin hin. Auf die Brust bringt Andrea Windbichler spezielle Klebestreifen auf, die ihr bei der Orientierung helfen. So kann sie beide Brüste spiralförmig und in drei Druckstärken, aber exakt abtasten. Nach etwa 30 Minuten ist die Untersuchung beendet; sollte etwas auffällig gewesen sein, zieht Andrea Windbichler die Ärzte der Gemeinschaftspraxis hinzu.

„Ich empfehle dieser Untersuchung jeder Frau“, sagt die 27-Jährige, die weiß, dass Brustkrebs schon in jungen Jahren auftreten kann. Die Frauen selbst empfänden das Abtasten als angenehm und würden auf diese Vorsorge sehr aufgeschlossen reagieren.

Das kann Dr. Madeleine Haas bestätigen. Dieses besondere Angebot ihrer Praxis werde von Frauen oft angenommen, da es ihnen eine zusätzliche Sicherheit biete. Zumal eine blinde Abtasterin wesentlich intesiver fühlen könne als ein Arzt: „Da ist sie uns meilenweit überlegen,“

Frauen ab 50 rät Haas zu einer Vorsorgekombination aus Mammographie, Ultraschall und Abtasten, jüngere Frauen sollten regelmäßig zu Ultraschall und Abtasten. Allerdings zahlen die Kassen kaum noch für die Vorsorge. Wer sich von Andrea Winbichler untersuchen lässt, muss dafür 30 Euro bezahlen. Lediglich SBK und BKK Mobil Oil übernehmen die Kosten.

GERLINDE GUTHMANN

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