Pädagogin seit 1988 im Schuldienst 

Multitasking auch durch Corona: So hat sich der Lehrerberuf gewandelt

Sharon Chaffin
Sharon Chaffin

Redakteurin Erlanger Nachrichten

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13.9.2021, 17:40 Uhr
Im abgelaufenen Schuljahr 2020/2021 gab es in Bayern Präsenz-, Fern- und auch Wechselunterricht (Symbolfoto). 

Im abgelaufenen Schuljahr 2020/2021 gab es in Bayern Präsenz-, Fern- und auch Wechselunterricht (Symbolfoto).  © Matthias Balk/dpa, NN

Frau Zippelius-Wimmer, Sie sind seit fast 30 Jahren im Schuldienst, haben also viel Erfahrung. Wie haben Sie das vergangene Schuljahr erlebt?

Ich würde gar nicht mal so sehr nur auf das vergangene Schuljahr blicken, sondern auf die gesamte Zeit seit Beginn der Pandemie und dabei anschauen, wie Unterricht vorher ausgesehen hat. Wir wissen alle, dass es für guten Unterricht immer gute Beziehungen und die nötige Didaktik braucht. Wir haben jetzt oft genug gehört, dass die Beziehung augenscheinlich zunächst weggefallen ist und dass das nicht sehr entwicklungsförderlich für ein Kind ist. Aber eine gute Beziehung ist natürlich auch die Grundlage für die Arbeit der Lehrkraft. Denn sie agiert in Aktion, Reaktion und Interaktion.

Und das war im Distanzunterricht nicht möglich?

Die Pädagogin Martina Zippelius-Wimmer ist die Rektorin der Grundschule Bubenreuth und seit 1988 im Schuldienst. 

Die Pädagogin Martina Zippelius-Wimmer ist die Rektorin der Grundschule Bubenreuth und seit 1988 im Schuldienst.  © Heinz Reiß

Wir mussten uns urplötzlich viele Fragen stellen. Etwa, wie vermitteln wir Lerninhalte auf die Ferne unter Berücksichtigung unserer didaktischen Prinzipien und unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Lerntypen, die wir haben. Das ist in der Grundschule noch einmal ein viel breit gefächerter Kanon als an den weiterführenden Schulen. Dazu braucht man eine technische Ausrüstung und auch das Wissen darüber. Wir mussten auch schauen, wie wir Kinder damit erreichen: Es gibt welche, die durch Vortrag lernen, das funktioniert dann zum Beispiel mit Powerpoint-Präsentationen. Es gibt aber auch Kinder, die sich etwas mehrmals anhören und ansehen müssen, deshalb haben wir dann begonnen, Lernvideos zu drehen. Das sind aber ganz andere Aufgaben als die, die wir vorher hatten.

Dazu kommt die Schwierigkeit, dass manche Schüler mehr Förderung brauchen.

Natürlich, für mich ist die Lösung aber nicht die Sommerschule, sondern für mich ist es wichtig, die Förderung begleitend zu Wechsel- und Fernunterricht hinzubekommen. Dazu brauche ich als Lehrer aber Feedback-Möglichkeiten, um zu sehen, wo sie stehen. Das funktioniert aber wiederum nur durch Gespräche mit den Eltern und auch den Kindern. Und ich brauche dazu Kollegen, die die Förderung parallel zum Klassenunterricht halten und somit absolut flexibel in ihrem Einsatz sind. Da gibt es nichts mehr von einem starren Stundenplan, sondern da heißt es am Montag, diese Kinder müssen in dieser Woche besonders gefördert werden und dann muss das flexibel im Einsatz organisiert werden.

Fällt da der ganz normale Schulalltag mit seinen Ritualen weg?

Ja, auch das muss man ausgleichen und alle Rituale, die meine Kinder aus dem Unterricht kennen, in einen digitalen Unterricht hinüberretten. Nur so bleibt die Beziehung zur Schule, zum Lehrer, aber auch zur Klasse und zur Gemeinschaft. Eine Kollegin hat sich zum Beispiel mit digitalen Hausbesuchen durch das Kinderzimmer führen lassen und wusste so fast mehr über ihre Schüler als vorher.

Ein Lehrerbild, das man so nicht kannte.

Wenn man das damit vergleicht, wie ein Lehrer früher gearbeitet hat, merkt man. dass sich da ganz vieles gewandelt hat. Der Wandel war zum Distanzunterricht und jetzt kommt der zweite Wandel. Es ist nicht wünschens- oder erstrebenswert wieder in alles zu verfallen, was vorher war. Jetzt muss man gucken, welches Bild man aufbauen kann von einem Präsenzunterricht, in dem man die durchaus wertvollen Kompetenzen, die man jetzt erreicht hat, integriert. Somit kann ein moderner und tragfähiger, auch zum Teil digitaler Unterricht erhalten bleiben. Es wird nie mehr so werden, wie es war.

Müssen Lehrer noch mehr Multitasking leisten?

Genau, es ist eine totale Methodenerweiterung, heutzutage steht der kooperative Unterricht ja im Zentrum, das wurde im Fernunterricht auch erschwert, wir mussten auch da nach neuen Wegen suchen. Auch im kommenden Schuljahr wird eine unserer ganz wichtigen Aufgaben sein, dass wir unsere Erstklässler erstmal fit machen im Umgang mit MS Teams und im Umgang mit dem Tablet, damit sie für den Ernstfall genauso gerüstet sind wie die anderen und sich zurechtfinden. Das ist völlig neu.

Die Arbeitsverdichtung ist also beim Lehrerberuf in den vergangenen Pandemie-Monaten vorangeschritten?

Absolut. Auch die eigene Fortbildung darf man nicht unterschätzen, klar ist es immer Aufgabe eines Lehrers, sich fortzubilden. Aber jetzt mussten wir massivst dranbleiben, um unseren Kindern die Möglichkeiten zu bieten. Unsere Planungen selbst funktionieren auch jetzt digital, wir können immer auf eine gemeinsame Plattform zurückgreifen und uns dort austauschen.

Aber ist der Lehrerberuf nicht schon länger im Wandel, etwa mit Blick darauf, dass die erzieherische Komponente immer wichtiger wird?

Ja, das ist sicherlich ein ganzes Stück weit so. Aber das ist etwas, das sich sehr schleichend breit gemacht hat, mit verursacht auch durch die Ganztagsbetreuung. Es sind einfach immer mehr Aufgaben auch aus diesem Bereich auf die Schulen zugekommen. Der Lehrerberuf hat sich in den letzten Jahren gewandelt, vom Frontalunterricht hin zur Lernbegleitung. Es war ja viel in der Kritik gestanden, ob die Kinder damit bei ihrem Lernen zu sehr allein gelassen werden. Aber letztendlich hat sich diese Selbstständigkeit im Lernen, die die Kinder gerade in der Grundschule erwerben, jetzt als absolut heilsam und profitabel erwiesen.

Haben das die Eltern auch so empfunden?

Die Rückmeldungen waren bei uns sehr, sehr positiv, die Eltern haben gesagt, die Kinder machen das alles allein, die brauchen uns gar nicht. Wir haben auch im Fernunterricht sehr schnell damit begonnen, unseren Kindern einen verlässlichen Vormittag zu bieten, einen festen Zeitplan von 8 bis 12.30 Uhr, mit dem sie beschäftigt waren. Das war für unsere Eltern eine große Entlastung.

Und die Kinder selbst?

Die Kinder waren natürlich froh, als sie wieder in die Schule gehen konnten. Aber es gibt durchaus auch Kinder, denen der Fernunterricht gut getan hat. Das sind Kinder, die sich im Klassenverband vielleicht schnell ablenken lassen oder sich wenig sagen trauen und hier ein neues Setting erfahren. Das hat ihnen richtig gut getan. Wir haben die Kinder auch immer gefragt, wie es für sie ist, und ihre Antworten waren immer positiv. Was sie sagen, wenn sie mit den Eltern allein sind, wissen wir natürlich nicht, aber uns gegenüber haben sie immer betont, dass es ihnen gut geht und der Unterricht klappt.

Wie waren die Rückmeldungen Ihrer Lehrerinnen und Lehrer?

Wir sind über große Strecken am Zahnfleisch gegangen, man hat gerade in den Distanzzeiten das Gefühl gehabt, man sitzt von früh bis abends am PC, denn es sollte ja immer die Möglichkeit gegeben werden für Einzelgespräche, Nachfragen und Feedback. Man hat sich auch im Team ausgetauscht, darüber gesprochen, was sich bewährt hat und was nicht. Das war ein enormer Aufwand, und die Ferien waren ja nicht immer unbedingt Ferien.

Bei Ihnen klingt das alles recht problemlos. Was war denn die größte Herausforderung?

Wir mussten uns Schritt für Schritt hineinfinden, etwa in die digitale Technik. Wenn es Schwierigkeiten gab, haben wir eben versucht, diesen zu begegnen. Das ist Stück für Stück gut gelungen. Ich habe weder ein IT- noch ein Medizinstudium. Da war es für mich als Schulleitung zum Beispiel eine ganz große Schwierigkeit, dass in diesen Bereichen viele Entscheidungen zu treffen waren, die ich eigentlich nicht treffen konnte. Sprich, welche Plattform soll für die Videokonferenzen gewählt werden. Das war eine ganz große Herausforderung.

Das waren aber doch eher Versäumnisse aus München, die Schulen und Rektoren mit solchen Entscheidungen alleine gelassen haben.

Ich bin nicht so der Mensch, der irgendjemandem Vorwürfe machen möchte, auch sie standen zum ersten Mal vor der Situation und mussten sehen, was die Schulen brauchen und was sie zur Verfügung haben. Man kann so eine Zeit nur bewältigen, wenn man immer wieder merkt, wo es eine Grenze gibt, an der man eine Weiche neu stellen und verändern muss. Dann muss man das nutzen, was man an Ressourcen im Kollegium hat. Die Zusammenarbeit im Kollegium ist da unheimlich wichtig, es gibt Jüngere, die technikaffiner sind und viele an die Hand nehmen konnten. Aber auch Ältere haben sich gut eingebracht.

Dennoch gab es auch Kritik an Lehrern, sie würden sich nicht kümmern und die Schüler und deren Eltern im Distanzunterricht allein lassen. Vorurteile gegenüber Pädagogen kennt man ja, aber wie gehen Sie gerade jetzt mit solchen Vorwürfen um?

Das ist zunächst einmal Ärger. Manche Eltern, die so etwas sagen, sind vielleicht mit der Situation völlig überfordert und wissen auch nichts über den Lehrerberuf. Zudem hieß es in der Öffentlichkeit ständig, es falle so viel Unterricht aus. Dazu kommt das, wie Sie sagen, landläufige Lehrerbild. Um so etwas entgegenzutreten, muss man eben einfach mehr informieren. Wir an der Schule haben keine einzige derartige negative Rückmeldung bekommen, das muss man so sagen, im Gegenteil, wir haben sehr viel positives Feedback bekommen, das uns auch einfach trägt.

Das vergangene Schuljahr ist, wie Sie sagen, bei Ihnen positiv gelaufen. Wie blicken Sie auf 2021/22?

Wir haben viele Erfahrungen gesammelt, wir haben einen Plan für Distanzphasen, wir haben einen Plan für Wechselunterrichtphasen und damit eine Grundlage, die wir von heute auf morgen anwenden und weiter ausbauen können. Wir haben organisatorisch wieder alles so vorbereitet, dass im Wechselunterricht zum Beispiel die Geschwisterkinder wieder gemeinsam an einem Tag in der Schule sind, so dass die Eltern arbeiten und planen können. Aufgrund der Erfahrungen, sagen wir, es war hart und wenn es wieder so kommt, wird es wieder hart. Aber wir denken schon, dass wir stolz sein können auf das, was wir jetzt an Grundkonzepten haben und nicht gelassen, aber doch zuversichtlich ins neue Schuljahr blicken.

Wäre für Sie ein weiterer Lockdown mit Schulschließung der worst case?

Wir sind dafür gerüstet, auch technisch, aber es wäre mit Sicherheit keine Wunschvorstellung, das bräuchten wir nicht mehr, aber es wäre kein solcher worst case mehr wie zu Beginn. Denn das in Bayern Schulen zumachen, war bis dahin doch unvorstellbar.

Zur Person

Die Grundschullehrerin Martina Zippelius-Wimmer (56) ist Pädagogin mit Leib und Seele und stammt aus einer richtigen Lehrerfamilie, auch ihr Vater war Lehrer und ihre Schwester. Die Baiersdorferin ist seit 1988 im Schuldienst, seit 2011 ist sie Rektorin der Grundschule Bubenreuth. Sie ist verheiratet und hat eine Tochter. Ihre Hobbys sind Fahrradfahren, Musik machen, Tanzen und Lesen.