Debatte

Rassismus-Vorwürfe und die Folgen für Museen

9.6.2021, 23:31 Uhr
Russisch Kegeln im Außenspielbereich des Spielzeugmuseums in Nürnberg.

Russisch Kegeln im Außenspielbereich des Spielzeugmuseums in Nürnberg. © Günter Distler

Das Museum in Erlangens Nachbarstadt hatte diskriminierendes Spielzeug kommentarlos ausgestellt, darunter den „Alabama Coon Jigger“. Die Blechfigur zeigt einen schlaksigen Schwarzen, der nach dem Aufziehen zu tanzen beginnt.

Ob dies gleich einen Rassismus-Vorwurf rechtfertigt, sei einmal dahingestellt. Jedenfalls hat dieses Exponat, wenn auch ungewollt, die Gefühle einer Besucherin verletzt und wurde zusammen mit weiteren vorerst aus dem Sortiment genommen. Es folgten: ein (Nicht)-Diskriminierungsworkshop für alle Mitarbeiter, die Überprüfung der Ausstellung mit Sichtung 70 weiterer problematischer Spielwaren und einer im Juli geplanten Sonderschau zu (anti-)rassistischem Spielzeug. „Frau Falkenberger hat in dieser Hinsicht mustergültig reagiert“, meint Prof. Dr. Charlotte Bühl-Gramer, Inhaberin des Lehrstuhls für Didaktik der Geschichte an der FAU. Die Rassismus-Vorwürfe an Frau Falkenberg und ihr Haus sind ihrer Meinung nach ungerechtfertigt.

Der über 100 Jahre alte

Der über 100 Jahre alte "Alabama Coon Jigger", ein schwarzer Tänzer als Blechspielzeug, sorgte für Ärger: Eine amerikanische Besucherin sah in dem Ausstellungsstück Rassismus. © Spielzeugmuseum Nürnberg

Doch anstatt hier wieder in langem Hin und Her zu erörtern, wie die Ereignisse in Nürnberg zu bewerten seien, ist doch viel grundsätzlicher die Frage zu stellen, welchen Platz Museen in unserer Gesellschaft einnehmen wollen. Sind sie nur noch alte Gemäuer, in deren Innerem zwar interessante, aber im Wesentlichen unnahbare Objekte hinter verstaubten Vitrinen lagern? Orte, die Besucher mit derselben stillen Ehrfurcht betreten, mit der sie auch Kathedralen betreten? Orte, an denen die Vergangenheit einen muffigen Geruch ausströmt?

Museen mit Imageproblem?

Gerade kleinere Museen müssen sich abmühen, um die breite Öffentlichkeit anzusprechen. Vor dem geistigen Auge tauchen Eltern auf, die ihre lustlosen Kinder mit ins Museum schleppen – frühe Bildung sei ja so wichtig –, ganze Schulklassen, die es nicht über den zweiten Ausstellungsraum hinausgeschafft haben, weil Instagram interessanter ist oder Ehepaare, die gähnend von einem Objekt zum nächsten spazieren. Ist das Übertreibung? Vielleicht ein bisschen. Doch es ist nicht wegzuleugnen, dass das Image einiger Museen nicht gerade strahlend ist.

Das eben gezeichnete Bild von Museen ist das Gegenteil dessen, was sie laut Bühl-Gramer sein sollten: Orte der lebendigen Auseinandersetzung. Dafür müssten Museen ihre „eigenen Bestände prüfen und Provenienz bzw. die Migrationsgeschichte der Objekte intensiver erforschen“. Es reiche zum Beispiel nicht zu sagen, der „Alabama Coon Jigger“ sei 1912 von der Firma Ernst-Paul Lehmann produziert worden. „Es ist wichtig, die Objekte zu kontextualisieren“, sagt Bühl-Gramer. Man müsse sie im historischen Kontext, in dem sie entstanden sind und verwendet wurden, präsentieren und eine Verbindung zum Jetzt herzustellen. Eine Arbeit, die nie endet, denn mit dem Wandel der Gesellschaft fällt immer wieder ein neues Licht auf die Geschichte. Neue Zeiten, neue Ideen, neue Kontexte. Corona nickt.

Durch diese Kontextualisierung sei es auch nicht sinnvoll, Objekte mit Konfliktpotenzial, also zum Beispiel rassistisches Spielzeug oder nationalsozialistische Figuren, wegzusperren. Lieber die Debattenkultur fördern als die Geschichte zu zensieren. Dass die Problematik schon länger existiert, zeigen zahlreiche Leitfäden des Deutschen Museumsbundes, darunter ein 2018 erschienener Leitfaden zum „Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“. In ihm werden die neuen Anforderungen an (Rezeptions-)Objekte aus der Kolonialzeit aufgefasst.

„Für eine lebendige Debattenkultur bedürften Museen auch der Ressourcen, um ihre Zielgruppen – gerade die jüngeren – schnell und direkt ansprechen zu können“, sagt Bühl-Gramer. Darunter fällt auch das Betreiben eines (oder mehrerer) Social Media Accounts. Ein Online-Auftritt kommt für viele junge Menschen einer Visitenkarte gleich. Über den Account, sei es Instagram, Twitter oder Facebook, können spezielle Events und Aktionen schneller publik gemacht werden. Außerdem kann es bei Netzdiskussionen über das Museum – wie im Fall des Nürnberger Spielzeugmuseums – helfen, sich zeitnah zu positionieren. Ohne Moderation droht aus einer Debatte nämlich schnell ein Shit-Storm zu werden.

Doch bei all den guten Ideen mangelt es den Museen laut Bühl-Gramer vor allem an einem. „Museen brauchen mehr Personalressourcen“, sagt sie. Es sei kein Mangel an Wille oder Kompetenz, dass manche Museen Verbesserungspotenzial hätten. Nur sei es schlicht unmöglich, in einem kleinen Museum mit einigen wenigen Mitarbeitern für regelmäßige Erneuerung in der Ausstellung zu sorgen, Sonder-Events zu organisieren und parallel auch noch auf den Sozialen Medien unterwegs zu sein.

Im aus personeller Sicht kleinen Nürnberger Spielzeugmuseum waren die Kritik an Objekten und dadurch verletzte Gefühle der Anlass, einen anderen Blick auf die Objekte zu richten und das Spielzeug unter dieser neuen Perspektive zu analysieren. Der „Alabama Coon Jigger“ soll jedenfalls bald wieder zu sehen sein, dieses Mal mit Kommentar. In der Hoffnung, dass er jetzt lebhafte Diskussionen und keine Rassismusvorwürfe provoziert.

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