Samstag, 17.04.2021

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Studierende in Erlangen gehen ungern an die Urne

Trotz gestiegender Beteiligung an den Hochschulwahlen 2020, bleiben die absoluten Zahlen gering - 23.08.2020 18:00 Uhr

Studierenden-Mitbestimmung anno 1968. Damals diskutierten Studierende und Professoren im Redoutensaal über eine neue Universitätssatzung.

21.08.2020 © Stümpel


Dass die Studierendenvertretung (Stuve) der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg sich nicht bemüht hat, ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen an die Wahlurnen zu bringen, kann man gerade nicht behaupten. Gerade im Gegenteil. On- und Offline rührte die Stuve die Werbetrommel kräftig und auch in den Sozialen Medien betrieb die Studierendenvertretung großen Aufwand, um das Wahl(jung)volk zu mobilisieren.

Sogar ein witziges Video hat die Stuve dazu eigens produziert, dass Studierende beim Einwerfen der Briefwahlunterlagen in einen Postkasten zeigt. Während bei den jungen Damen das locker von der Hand geht, müht sich ein Student, die Unterlagen in den Briefschlitz zu befördern. Ohne Erfolg. 

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Die Studentenbewegung in Erlangen

Die Proteste der Studierenden Ende der 1960er Jahre, welche die gesamte deutsche Hochschullandschaft erfassten, wandten sich in Erlangen zunächst gegen rein universitäre Probleme wie etwa schlechte Studienbedingungen. Ab 1969 radikalisierten sie sich in Richtung einer allgemeinen politischen Systemopposition.


Erst nachdem er allerlei Zusatzausrüstung wie Fahrradhelm, Brille oder Taucherschnorchel angelegt hat, gelingt die Stimmabgabe, unterlegt mit dem Slogan: "Es ist nicht wichtig, wie Du wählst. Es ist wichtig, dass Du wählst."

Studierende und Promovierende der FAU konnten in diesem Jahr bis zum 14. Juli ihre Stimme abgeben – aufgrund der Corona-Pandemie allerdings ausschließlich per Brief. Gewählt wurden dabei die Vertreterinnen und Vertreter für die Fakultätsräte und Fachschaftsvertretungen der fünf Fakultäten, die direkt gewählten Mitglieder des studentischen Konvents und die studentischen Vertreter im Berufungsrat am Fachbereich Theologie sowie die Mitglieder in den Promovierendenvertretungen.

Doch während Studenten was die Hochschulwahlen angeht, in den vergangenen Jahren eher wahlmüde waren, stieg die Wahlbeteiligung in diesem Jahr um durchschnittlich rund 50 Prozent, an. Ein Riesenerfolg.

Mit fast 27,5 Prozent lag sie bei der Wahl zum Fakultätsrat in der Medizinischen Fakultät dabei am höchsten. Den stärksten Zuwachs bei der Wahlbeteiligung konnte bei der Wahl des Berufungsrates im Fachbereich Theologie verzeichnet werden. Während dort die Wahlbeteiligung im vergangenen Jahr noch bei 6,61 Prozent lag, stieg sie 2020 auf 20,64 Prozent an.

Anders an der Naturwissenschaftlichen Fakultät. Hier sank die Wahlbeteiligung auf 18,88 Prozent. Im vergangenen Jahr hatten noch 22,61 Prozent ihre Stimme abgegeben.

An der Philosophischen Fakultät und Fachbereich Theologie haben 19,70 Prozent und an der Technischen Fakultät 17,68 Prozent gewählt, die Beteiligung lag dabei auf einem ähnlichen Niveau wie im Vorjahr (20,10 und 17,58 Prozent). Nicht gewählt wurde hingegen an der Medizinischen und an der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. Es fehlten schlicht die Wahlvorschläge.

Das Geheimnis für die vergleichsweise hohe Wahlbeteiligung liegt dabei offensichtlich in der Briefwahl. Zwar wurde schon in der Vergangenheit die Möglichkeit zur Abstimmung per Post angeboten, jedoch mussten die Wahlunterlagen separat beantragt werden. Ein Aufwand, den viele offenbar scheuten. 

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Die bewegte Geschichte der Friedrich-Alexander-Universität

Über 300 Jahre ist das Markgräfliche Schloss in Erlangen alt. Bereits 1743 verkehrten rund um die Stadtresidenz die ersten Studenten. Seither hat die FAU einen Brand, zwei Weltkriege und mehrere bauliche wie politische Umwälzungen erlebt. Von NS-Propaganda bis Studentenbewegung: Wir haben die Geschichte der Erlanger Uni zusammengefasst.


Dieses Mal bekamen die Studierenden die Wahlunterlagen coronabedingt frei Haus geliefert. Ein Modell, dass sich die Stuve auch für zukünftige Urnengänge vorstellen kann. "Wir hoffen, dass einige das auch für die nächste Wahl als Option sehen, da es unkompliziert möglich und für einige Studierende wohl praktischer ist. Wir werden die Möglichkeit der Briefwahl in jedem Fall im nächsten Jahr noch gezielter bewerben."

Ganz grundsätzlich leiden die Hochschulwahlen aber unter einem ganz anderen "Makel". Hartnäckig hält sich nämlich das Gerücht, dass es wahrscheinlich keinen Nutzen hat zu wählen, da die Studierendenvertretung nicht viel zu sagen hat. "In einigen Themenbereichen sind unsere Einflussmöglichkeiten tatsächlich beschränkt", so die Studierendenvertretung, "aber in anderen Prozessen ist unsere Mitbestimmung gesetzlich festgeschrieben und ermöglicht uns eine direkte Einflussnahme."

Bayern ist allerdings das einzige Bundesland in Deutschland, das keine verfasste Studierendenschaft hat. Das ist die größte Hürde einer Studierendenvertretung. "Wir können uns nicht besser für die Studierenden einsetzen, da es uns ,offiziell‘ nicht gibt und alle Verhandlungen, die wir führen wollen, immer über die Universitätsleitung oder das Studentenwerk geführt werden."

Zwar habe man "das Glück", dass Uni-Leitung und Studentenwerk die Interessen der Stuve "weitgehend vertreten", was an anderen Hochschulen nicht immer der Fall sei. Auch würden die Studierendenvertreter an der FAU in vielen Gremien gehört, "aber obwohl wir die große Mehrheit der FAU-Angehörigen vertreten, sitzen wir immer am kürzeren Hebel". Die Nutzung der Infrastruktur beispielsweise werde der Stuve aktuell an vielen Stellen unkompliziert ermöglicht, "ist uns aber rechtlich nicht zugesichert und hängt viel von Sympathie ab".

MARKUS HÖRATH

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