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Tandem des Herrmann Radteam will zu den Paralympics

Peter Renner und Tim Kleinwächter kämpfen um die Qualifikation für Tokio 2020 - 10.07.2019 19:00 Uhr

Pilot auf dem Weg zu den Paralympischen Spielen? Peter Renner (vorne auf dem Tandem) möchte sich mit Tim Kleinwächter für Tokio qualifizieren.


Zum Abschluss gab es noch ein Geburtstagsständchen. Alle Sportler, Helfer und Organisatoren im großen Festzelt sangen für ihn. Auch das ist Roth, der Challenge-Triathlon, die Wohlfühl-Veranstaltung für so viele gute Athleten auf dieser Welt. Gestern, am Tag nach dem großen Rennen, feierte Tim Kleinwächter seinen 30. Geburtstag. Trotzdem war er zur abschließenden Siegerehrung gekommen und war danach sichtlich gerührt.

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Unglaublich, was diese Menschen geleistet haben. Und doch sehen sie am Folgetag so aus, als hätten sie nicht 180 Kilometer Radfahren, 42,195 Kilometer Laufen und 3,8 Kilometer Schwimmen hinter sich. Sie waren die schnellsten in ihrer jeweiligen Kategorie: Das sind die Sieger des Datev Challenge Roth 2019.


Teilgenommen am Triathlon hat Kleinwächter, obwohl er fast blind ist. Gemeinsam mit Peter Renner fuhr er in der Staffel die 180 Kilometer lange Radstrecke mit dem Tandem. Natürlich richtig schnell. Denn Kleinwächter und Renner machen das nicht nur einmal im Jahr zum Challenge, sondern sie machen das beinahe täglich. Das Ziel heißt Tokio. Die Paralympischen Spiele 2020.

Bis dahin aber ist es ein weiter Weg. Ein Triathlon-Fest wie der Challenge Roth tut mitten in der Saison dabei ganz gut. Es ist ein Wettkampf für die Seele. Roth ist immer "etwas Besonderes", sagt Peter Renner. "Bei diesem Event trifft man so viele Leute, es hat ein besonderes Flair." In der Staffel war das Duo angetreten mit Schwimmer Tobias Heining, viermaliger Sieger beim Erlanger Triathlon, und Läufer Markus-Kristan Siegler von der LG Erlangen. Mit einem Wohnmobil war Renner für das Wettkampf-Wochenende in die Nähe der Strecke gezogen, hat Freunde und Kollegen getroffen.

Doch auch sportlich hat das Radrennen für das Tandem einen Stellenwert, denn die Fahrer wollen sich auf der Strecke immer verbessern, immer schneller sein. Im Vergleich zu 2018 hat das nicht geklappt, die 4:10:10 Stunden bedeuten keinen neuen Rekord des Herrmann-Tandems, das zum Radteam aus Baiersdorf gehört. "Trotzdem sind wir insgesamt zufrieden." Eine schnellere Zeit sei schwierig gewesen, auf der Strecke hatten die Sportler mit viel Gegenwind zu kämpfen. "Außerdem trainieren wir eigentlich nicht für so lange Distanzen", sagt der 32-Jährige. Das Tandem fährt auf Welt- und Europacups Strecken zwischen 30 und 40 Kilometer.

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Raus aus dem kühlen Nass und rauf auf's Rad: Für einige Triathleten ist Radfahren die liebste Disziplin, schließlich kann man auf zwei Rädern, verhältnismäßig, immerhin mal besser durchschnaufen. Andere müssen aber unbedingt noch wichtige Sekunden aufholen.


Hier liegt auch der Fokus. Denn Kleinwächter und Renner wollen sich in der Weltspitze etablieren. Für das Duo ist es das dritte gemeinsame Jahr. Erstmals ist das Team vollständiges Mitglied im Nationalkader, für die Weltmeisterschaft im September sind sie bereits nominiert. Zum Weltcup-Auftakt in diesem Jahr gab es gleich einen sechsten Platz im Zeitfahren, ein achter Rang kam später hinzu. "Wir sind zufrieden", sagt Renner. Nach dem Roth-Triathlon nehmen sich die Sportler zwei Wochen Pause, anschließend beginnt die Vorbereitung für die WM.

"Das ist das große Highlight, der wichtigste Wettkampf." Die Konkurrenz dort wird stark sein. In anderen Nationen, England, die Niederlande, Spanien oder Polen zum Beispiel, können Tandem-Fahrer professionell Sport treiben, müssen also wegen der guten Sportförderungen nicht nebenher arbeiten gehen. Ein Ticket für Tokio können die Baiersdorfer bei der WM allerdings nicht gewinnen. Selbst eine Medaille würde nicht für die direkte Qualifikation reichen, die Chancen aber deutlich verbessern. Anders als in anderen Sportarten entscheidet bei den Paracycling-Fahrern der Bundestrainer über den olympischen Traum.

Vielleicht fährt gar kein deutsches Tandem nach Tokio

Die Athleten sammeln bei Welt- und Europacups Punkte für das National-Konto. Alle aus dem Radsport von körperlich eingeschränkten Athleten. Je mehr Punkte sie sammeln, umso mehr Startplätze bekommt Deutschland bei den Paralympics. "Der Bundestrainer sucht dann aus, wer mit darf", sagt Renner. "Die Deutsche Nationalmannschaft ist breit aufgestellt." Gibt es nicht genügend Startplätze für alle Klassen, kann es beispielsweise passieren, dass gar kein deutsches Tandem nach Tokio fährt. Obwohl, wie Kleinwächter und Renner, das Team zu den Top Ten in der Weltrangliste gehört.

Es ist also kompliziert und vor allem: kaum planbar. "Für uns ist das schwierig", sagt Renner, "doch wir machen das Beste daraus." Der Arzt hat sich für den Sport sogar beruflich umorientiert, arbeitet jetzt in der Erlanger Praxis von Doktor Leonard Fraunberger und nicht mehr im Nürnberger Südklinikum. "Wir versuchen für Tokio das Bestmögliche herauszuholen. Wenn die maximale Leistung nicht reicht, liegt es nicht mehr in unserer Hand."

Schichtdienst und Leistungssport ging auf Dauer nicht zusammen

Die Entscheidung, seinen Job zu wechseln, sei schwierig gewesen. Doch Schichtdienst und Leistungssport zusammen, das ging auf Dauer nicht gut. Peter Renner aber wollte mit Tim Kleinwächter weitermachen. Beide haben nun auch mehr gemeinsam trainiert. Immer zu zweit. "Es ist natürlich viel enger als bei normalen Sportskollegen, alleine durch Tims Behinderung", sagt Renner. "Man muss alles gemeinsam machen." So war das auch gestern im Festzelt in Roth.

Bislang erschienen in der Serie "Erlanger Olympiaträume": BMX-Fahrerin Nadja Pries, Leichtathletin Laura Gröll und Kletterer Alexander Megos.

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