Viel Kritik: Bürger schimpfen über wichtige Helikoptereinsätze

23.8.2018, 06:15 Uhr

© Foto: News 5/Herse

Es gibt Momente, in denen Ralf Rupp der Frust packt. So wie in der Nacht von Montag auf Dienstag, als der 1. Polizeihauptkommissar der Inspektion Erlangen der Leiter der Ermittlungsgruppe ist, die einen vermissten Mann sucht. Als der Polizeihelikopter am Montag zwischen 22 und 23.30 Uhr über dem Stadtgebiet kreist, gehen mehrere Anrufe ein. "Störung der Nachtruhe" – die Empörung ist groß. Und richtig hoch schlagen die Wellen der Aufregung in den sozialen Netzwerken.

"Wir fliegen doch nicht aus Jux und Tollerei herum", sagt Ralf Rupp gegenüber den Erlanger Nachrichten (EN). Es ist ihm anzumerken, dass es nicht einfach für ihn war, sich mit derart wütender Kritik auseinanderzusetzen. Denn bei Einsätzen wie diesem, das weiß er, geht es manchmal um Leben und Tod. Den Anrufern habe er gesagt: "Denken Sie daran, wie es wäre, wenn Sie einen Sohn, einen Mann, Ihren Vater, Ihre Mutter vermissen würden. Dann würden Sie doch auch wollen, dass alles getan wird, diese wieder zu finden." Als er das gesagt habe, so fügt er hinzu, seien die Beschwerden "gleich vom Tisch gewesen".

Dennoch stellt sich die Frage: Mangelt es den Bürgerinnen und Bürgern an Empathie? Wer in dieser Nacht die Äußerungen in den sozialen Netzwerken las, konnte zu diesem Schluss kommen. Empathie — das ist die Fähigkeit und Bereitschaft, die Erlebnisse und Gefühle anderer nachzuempfinden. Das Leben aus den Augen anderer zu sehen. "Empathie geschieht dort spontan, wo Menschen einem anderen Menschen begegnen", sagt Oliver Schultheiss, Professor für Psychologie an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen.

Kein Empathie-Defizit

Als der Helikopter der Polizei über der Stadt flog, sei dies für die Erlanger jedoch eine ganz andere Situation gewesen, meint Prof. Schultheiss. Eine Situation, in der man vielleicht froh gewesen sei, dass man gerade sein Kind zum Schlafen gebracht habe. Oder in der man sich selbst zum Schlafen hingelegt habe. Eine Situation also, in der der laute Helikopter als nervig empfunden wurde, "Empathie spielt hier keine Rolle", so Prof. Schultheiss. Ganz anders jedoch die Reaktion der Leute, als der Leiter der Ermittlungsgruppe ihnen den Grund für den Polizeieinsatz erklärt habe. "Da hat’s geklickert, da wurde das Ganze unmittelbar, da setzt der Empathiereflex ein." Der gleiche Reflex, der sich zeigt, "wenn mir jemand gegenüber steht und in Tränen ausbricht". Und der Psychologe meint: "Ich würde den Erlangern jedenfalls kein Empathie-Defizit unterstellen."

Die Situation darzustellen und zu erklären, warum der Hubschrauber über den Häusern knattert — dafür gibt es währenddessen allerdings keine Gelegenheit. Das ist das Dilemma, mit dem sich Ralf Rupp auseinandersetzen muss. "Wir fliegen nur dann, wenn Gefahr in Verzug ist", sagt er. Um Vermisste zu finden, nach Einbrüchen. "Der Hubschrauber ist für uns ein absolut probates Einsatzmittel. Man kann großflächig und in relativ kurzer Zeit absuchen", erklärt der Polizeihauptkommissar. Und nachts eben auch mit einem Nachtsichtgerät. Der Helikoptereinsatz habe jedenfalls immer wieder zu Ermittlungserfolgen geführt.

Immer aus einem Anlass unterwegs

Dem Vorwurf, dass der Hubschrauber nachts Routineflüge absolviert, tritt Rupp entschieden entgegen. "Der Helikopter ist immer aus einem besonderen Anlass unterwegs", sagt er. Der Flug muss beim Polizeipräsidium Mittelfranken angefordert werden, zuständig für die Durchführung ist die Flugstaffel Roth. Ein solcher Flug sei nicht billig, so Rupp. Eine Flugstunde koste einen mittleren vierstelligen Betrag. "Die Leute würden sich aber auch beschweren, wenn wir nicht alle zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen würden."

Zuvor jedoch erfolgen bei einer Vermisstensuche immer noch andere Schritte. So haben Polizeibeamte am Montag, nachdem am Nachmittag die Vermisstenanzeige aufgegeben worden war, erst alle Orte aufgesucht, an denen die Person vermutet werden konnte, und Kontakt mit zahlreichen Verwandten aufgenommen. Dann schließlich kam der Hubschrauber zum Einsatz. Noch in der gleichen Nacht wurde die Fahndung mit einer Suchhundestaffel und der Feuerwehr fortgesetzt, am nächsten Tag kam die Wasserwacht hinzu, und auch eine Drohne wurde verwendet.

Viele Vermisste pro Jahr

Ungefähr 20 bis 30 Vermisstensuchen in dieser Größenordnung bewältigt die Erlanger Polizei jedes Jahr. Bis zu 250 Vermisstenanzeigen werden jährlich aufgegeben. Eine hohe Zahl — zurückzuführen auf das Klinikum am Europakanal, aber auch orientierungslose Demenzkranke "sind ein zunehmendes Problem", so Rupp. "Die Vermissten beschäftigen uns relativ stark. Wir haben einen Sachbearbeiter, der überwiegend mit diesen Fällen zu tun hat." Wenn eine vermisste Person nach einer Woche noch nicht gefunden ist, wird der Fall an die Kriminalpolizei abgegeben.

Den Mann, der am Montag als vermisst gemeldet wurde, hat die Polizei am Dienstagnachmittag schließlich im Bahnhof gefunden. Wohlbehalten, glücklicherweise. Die Polizei hat ihn zunächst "in Gewahrsam" genommen. "Das heißt nichts anderes, als dass wir ihn in Sicherheit gebracht und geklärt haben, ob er heim kann oder ärztliche Hilfe braucht", sagt Rupp. Kosten bekommt der Mann nicht auferlegt, da es sich um einen Hilferettungseinsatz handelte.

Der nächste Vermisstenfall kam noch am gleichen Nachmittag. Ein Kind war von einem Spielplatz verschwunden. Die Polizei konnte den Jungen schnell aufspüren. "Wenn wir ihn drei Stunden nach seinem Verschwinden nicht gefunden hätten, dann hätten wir das große Besteck ausgepackt", sagt Ralf Rupp.

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