Virtuoser Furor und zartes Erwachen

10.12.2018, 18:37 Uhr

Das klingt zunächst nach Salonstücken aus der französischen Hauptstadt. Der Weißrusse Michel Gershwin – Namensvetter des berühmten amerikanischen Komponisten – lebt seit langem in Frankreich, verehrt die französische Kammermusik. So liegt ein Programm mit französischen und französisch geprägten Kompositionen aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert nahe.

Das Publikum in der mäßig besuchten Konzertwerkstatt ist begeistert von dem perfekten Duo, das – überraschend – mit einem "Encore"-Stück, der berühmten "Meditation" aus Jules Massenets "Thais", die Zuhörer einnehmend empfindsam und fein verhalten begrüßt.

Die "Spanische Serenade" von Cécile Chaminade fällt eher in die Kategorie gepflegtes Salonstück, welches das Duo elegant vorträgt. Heikel ist Tschaikowskis "Meditation" aus den "Souvenir d’un Lieu Cher". Voller Sentiment klingt dieses elegische Werk mit der für Tschaikowsky typischen Melancholie. Gershwin erweist sich hier als geschmackvoll pathetisch gestaltender Musiker, der auch die höchsten, diffizilen Pianissimo-Lagen klangschön hinbekommt.

Volles Vibrato

Mit der berühmt-berüchtigten "Tzigane" von Maurice Ravel geht es zu einem gefürchteten Werk virtuoser Geigenliteratur. Michel Gershwin setzt im solistischen ersten Teil auf großen Klang, volles Vibrato, meistert das Ganze folkloristisch, intensiv. Bizarr wird der Einsatz der jungen Pianistin Anna Tyshayeva, die mit wunderbarem Klangverständnis und Bravour das "Luthéal" (eine Art Hackbrett) am Flügel charakterisiert. Ihre Klangfarben und ihre rhythmische Pointierung, die munteren Akzente verstärken das zigeunerhafte Element dieses Bravourstücks. Das gelingt im temperamentvollen, freudig musizierten Miteinander des Duos glanzvoll, mitreißend, akkurat, evoziert spontane Bravo-Rufe und begeisterten Beifall. Paris und Ungarn und Rumänien geben sich hier mit der Ukrainerin und dem Weißrussen fabelhaft geeint die musikalische Hand.

Nach der Pause erläutert die sympathische Pianistin humorvoll und kundig Liszts "Vallee d’Obermann" aus den "Jahren der Pilgerschaft". "Drei Hände bräuchte man/frau dafür bisweilen", ulkt sie. Anna Tyshayeva schafft es mit zwei Händen und Füßen, und das souverän und vor allem mit einer reichhaltigen dynamischen Palette und nobler Anschlagskultur. Sie entfaltet das Liszt’sche Klaviergemälde zwischen erzählender Einzelstimme und virtuosem Furor, romantisches Fließen und Schwelgen inklusive. Tyshayeva bleibt auch in der technischen Virtuosität musikalisch, klangschön.

Einnehmendes Erblühen

Diese Kultiviertheit bestimmt auch die bekannte A-Dur-Sonate für Violine und Klavier von César Franck. Es ist ein weiches, zartes Erwachen des Themas im ersten Satz. Das Erblühen der Violinkantilene, der Austausch des Duos sind vorbildlich, einnehmend. Sinnfällig ist immer wieder der Mottobezug dieses Hauptthemas, einer Art "idée fixe". Drängend entwickelt sich der zweite Satz, das "Allegro". Das Duo bleibt auch hier in der Ausbildung "con sentimento".

Geheimnisvolle, wagnerhafte Harmonik machen das Zuhören spannend. Subtil sind die Bezüge zum Kernthema im dritten Satz ausgelotet, klangfarblich reich schillernd zwischen Violine und Klavier. Musikantische, Dvorak’sche Melodik vermeint der Zuhörer im Finale zu erkennen. Virtuos und leidenschaftlich steuert das Duo auf die mitreißende Stretta am Schluss zu. So hört sich befreites, gekonntes Musizieren an!

Dieses Konzert war eine Bereicherung für das kammermusikalische Erleben in Erlangen – mehr wünschte sich die neue Klavierlehrerin des EMI – und vor allem Pianistin – Anna Tyshayeva in ihrer Ansprache zu Beginn auch nicht. Das Publikum verlangte nach mehr: Die Zugabe mit Fritz Kreislers hübschem "Kleinen Wiener Marsch" wird vom Duo Gershwin/Tyshayeva, geistreich gekonnt, mit musikalisch umfassendem Charme musiziert.

Keine Kommentare