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Alte Forchheimer Medizin wird in Erlangen recycelt

Professor Heinrich und seine Studenten sammeln gebrauchte Arzneimittel und machen daraus Chemikalien - 21.11.2019 17:35 Uhr

Professor Heinrich (2.v.li.) und Doktorandin Anna Roggenhofer (re.) sichten mit der studentischen Arbeitsgruppe aus Erlangen, welche Alt-Medikamente sie verwerten können. © Foto: Ralf Rödel


Alte Arzneimittel dürfen im Landkreis Forchheim ganz offiziell im Hausmüll entsorgt werden. In diesem Fall werden sie mit anderen Rest-Abfällen im Müllheizkraftwerk Bamberg verbrannt. Pro Tonne Müll zahlt der Landkreis Forchheim dafür 163 Euro, die übrig bleibende Schlacke nimmt er anteilig wieder zurück und lagert sie auf der Deponie ein. Die Alternative: Arzneimittel, die abgelaufen sind oder nicht mehr gebraucht werden, können beim Schadstoffmobil im Rahmen der Problemmüllsammlung oder direkt auf der Deponie Gosberg kostenlos abgegeben werden. Dann nehmen sich ihrer Markus Heinrich aus Langensendelbach und seine Studentinnen und Studenten an. Heinrich ist Professor für Pharmazeutische Chemie an der FAU Erlangen. Sein Projekt "Altarzneimittel" hat zum Ziel, aus Tabletten, Pulvern und Co. die eigentlichen Wirkstoffe herauszudestillieren und diese anschließend sinnvoll weiterzuverwenden.

"Es funktioniert"

Nach zwei Jahren Forschungsphase im Labor, so sagt die Doktorandin Anna Roggenhofer, sei klar: "Es funktioniert, die Wirkstoffe sind gut zu trennen und wir haben auch einige Anwendungen für sie." Von rund 500 untersuchten Stoffen können etwa 100 verwertet werden. Als Beispiel nennt Professor Heinrich die große Stoffgruppe der Antibiotika. Die im Labor herausgelösten Wirkstoffe dienen als "Diagnostika" etwa bei Schnelltests zum Nachweis von Antibiotika-Resistenzen.

Das heißt: Die Altarzneien werden nicht wieder am Menschen angewendet, sondern als Analysechemikalien im Labor. Das sei technisch machbar und auch noch wirtschaftlicher als der herkömmliche Weg, nämlich der Kauf von Chemikalien. Überdies, so rechnet Heinrich vor, erzeuge die Herstellung von einem Kilo Arzneimitteln nach einer gängigen Faustformel etwa 250 Kilogramm Abfall. Mit der Wiederverwertung der Wirkstoffe könne dieser Abfallberg verkleinert werden.

Das Projekt wird von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) gefördert. Heinrichs Arbeitsgruppe geht folgenden Fragen nach: Welche Arzneistoffe können in welchen Mengen im Großraum Erlangen-Forchheim-Nürnberg gesammelt werden? Für welche dieser Arzneimittel gelingt eine Rückgewinnung der Inhaltsstoffe in ausreichender Reinheit und unter ökologisch vertretbarem Aufwand? In welchen Forschungsbereichen können zurückgewonnene Wirkstoffe angewendet werden? Dieses Projekt, so Heinrich, sei in Deutschland das einzige, das sich mit der Wiederverwertung von Arzneimitteln befasst.

"An unserem Institut haben wir einen eigenen Sammelcontainer", fährt er fort. Dort liefern auch Apotheken Arzneimittel ab, allerdings nur nach Absprache. Auf der Deponie Gosberg wurden in den letzten drei Monaten Fläschchen, Packungen und Röhrchen gesammelt, die von Privatpersonen abgegeben wurden. Sieben Kunststofftonnen mit einem Fassungsvermögen von je 120 Litern kamen dabei zusammen. Markus Heinrichs Arbeitsgruppe war gestern zum zweiten Mal an der Deponie, um das Material zu sichten. Von der Veröffentlichung des Projektes in den Medien erhofft sich das Team nun auch höhere Mengen.

Deponieleiter Gerhard Raab vermutet, dass etwa 80 Prozent der Altarzneien im Landkreis über den Restmüll entsorgt und nur 20 Prozent abgegeben werden. Wichtig sei, so Raab, dass die Medizin nicht mehr, wie früher üblich, in die Toilettenspülung gekippt wird: "Dann landet sie in der Kläranlage und später über den Klärschlamm wieder auf den Feldern." Aber auch die Entsorgung über den Restmüll sei jetzt nicht mehr nötig, weil die Erlanger Forscher alles abnehmen, was kommt.

Landrat Hermann Ulm (CSU) entdeckte sofort einen übergreifenden Ansatz: "Da profitieren letztlich ja alle davon: die Umwelt, die Forschung, aber auch wir als Deponiebetreiber, weil wir die Arzneimittel nicht entsorgen müssen."

Anna Roggenhofer spricht von der "Modellregion Erlangen-Forchheim-Nürnberg", in der nun in Sachen Altarzneien "etwas Nachhaltiges" (so Professor Heinrich) auf die Beine gestellt werden soll.

InfoNähere Informationen auf der Website www.medchem.uni-erlangen.de/heinrichlab/altarzneimittel.shtml

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