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Auch die Pferde im Raum Forchheim haben zu knabbern

Corona macht allen im Reitsport zu schaffen: Die Einnahmen bleiben aus, die Kosten bleiben. - 30.03.2020 18:24 Uhr

Anna Dürrbeck vom Reit- und Therapiezentrum Thurn führt ihre Ponys derzeit in Dreiergrüppchen spazieren, damit sie genügend Bewegung bekommen. © Ralf Rödel


Anna Dürrbeck, die Besitzerin des Reit-und Therapiezentrums Thurn, berichtet davon, dass vor allem ihre sechs Therapie-Ponys leiden: "Die vermissen ihre Kinder, die sonst zum Füttern und Putzen kommen und verstehen das nicht. Ihre Ponys führe sie jetzt täglich in Dreier-Gruppen spazieren, damit sie ihren Bewegungsdrang wenigstens etwas stillen können." Gerade bei dem derzeitig ständigen Wetterwechsel mache sie sich Sorgen um den Gesundheitszustand ihrer Tiere.

Aber auch die Zweibeiner fühlen sich ziemlich ausgebremst. Anna Dürrbeck: "Corona knockt uns gerade total aus." Therapiestunden und Schulbetrieb sind komplett eingestellt – doch die Kosten bleiben. Die Pferde müssen gepflegt und bewegt werden. Das übernehmen für die Ponys und die 16 Schulpferde die 13 Festangestellten des Reitstalls, der schon zu den größeren in der Region zählt. Anna Dürrbeck, die den Stall erst vor kurzem von ihrem Großvater übernommen hat, berichtet, dass sie schon staatliche Soforthilfe für ihr Unternehmen beantragt hat.

"Ich sehe die Maßnahmen ein, weil es hier um Menschenleben geht – ich habe selbst zwei Großmütter, die um die 90 Jahre alt sind – aber ich hoffe auch, dass das in ein paar Wochen vorbei ist – unsere Existenz steht auf dem Spiel, auf Dauer können wir das nicht durchhalten", sagt sie.

Als Mutter zwei kleiner Kinder, die nicht mehr mit auf die Anlage dürfen und Ehefrau eines berufstätigen Mannes hangele sie sich in dieser schwierigen Zeit durch. Denn zu den eigenen Tiere gibt es noch etwa 40 Einstellpferde, für deren Besitzer sie einen strikten Zeitplan erstellt hat. Jeder hat ein 80-minütiges Zeitfenster, um sein Pferd zu pflegen und es zu bewegen.

Angelika Werner-Engl hat auch einen Reitstall. In Poxdorf. Und hat ebenfalls Nöte, die jedoch ganz anders gelagert sind. Denn ihre Anlage ist ein Zentrum für das Voltigieren und beherbergt sechs Pferde für die Sportler, die auf dem Rücken der Tiere turnerische und akrobatische Übungen ausführen. Der Voltigier- und Pferdesportverein Rathsberg-Erlangen ist sozusagen Dauergast bei Familie Werner (auch der Ehemann als Hufschmied und die Tochter als Pferdewirtin sind vom Fach). Auf etwa 200 bis 300 Kinder schätzt Angelika Werner-Engl die Anzahl der Aktiven.

Schon seit drei Wochen entfallen die Trainingsstunden, und sollten die Eltern die Mitgliedsbeiträge nicht mehr zahlen können oder wollen, "trifft das zuerst den Verein und dann mich", sagt die Reitstallbesitzerin.

Wie in Heroldsbach gelte: Die Kosten bleiben, die Einnahmen bleiben aus. Die Familie Werner hat – in diesem Fall zum Glück – nur zwei eigene Pferde und 30 Einstellpferde, die nach einem über eine WhatsApp-Gruppe koordinierten Pflegeplan betreut werden. Ausreiten sei nur alleine gestattet, auch im Stall sollen sich möglichst wenige Menschen zur gleichen Zeit aufhalten. So dürften auch die Eltern oder Freundinnen nicht mit ihren Kindern zur Pflege in den Stall mitkommen. Glücklicherweise habe man ein Laufführmaschine, so dass alle Pferde ausreichend bewegt werden können. Angelika Werner-Engl: "Den Pferden geht es wie den Menschen: Sie brauchen Bewegung. Nur noch dringender. Sie bekommen schnell Koliken und können daran sterben."

Trotz des Ausnahmezustands: Noch hat sie keine Finanzhilfe für ihr Unternehmen mit den drei Angestellten beantragt. Sie hofft darauf, dass sich die Lage bald normalisiert. Auch im Interesse ihrer Eltern, die normalerweise auf dem Hof noch fleißig mithelfen. "Aber die müssen wir derzeit wegsperren", sagt sie mit etwas Wehmut in der Stimme.

Wer derzeit am meisten unter der Situation leidet, sind die Reitlehrer. Denn Unterricht in Zeiten von Corona ist passé. Sind sie bei einem Verein oder einem Stall fest angestellt, kassieren sie wenigstens ihr – meist eher karges – Grundgehalt, das sie jedoch in aller Regel mit Einzeltraining aufbessern müssen, um über die Runden zu kommen.

Fred Schweiger kennt diese Sorgen aufgrund unglücklicher Umstände nicht. Der 72-jährige Trainerfuchs ("zu mir bringen sie immer die vermeintlich schwierigen Pferde, bei denen die anderen nicht mehr weiterkommen") hat aus seinem früheren Berufsleben noch gute Einnahmen. Aber er kennt viele Kollegen, die von der Hand in den Mund leben und sich nichts zur Seite legen konnten. Auch Schweiger darf derzeit nicht in den Stall; eigene Pferde hat er nicht, die sind alle in Vollberitt an ambitionierte Reiter gegeben. "Angesichts der jetzigen Situation geht es den Pferden aber gut", sagt er. Die Bewegung komme keineswegs zu kurz, hätten ihm seine Reiter berichtet. Man sei viel im Gelände unterwegs.

Was wegfalle, sei halt das gezielte Training; "und das hätten viele eigentlich nötig". In Zeiten von Corona blieben Pferd und Reiter dann halt zwangsweise auf ihrem alten Stand stehen. Schweiger: "Das muss man halt später nachholen."

Auch bei seinem zweiten Steckenpferd ist er zum Nichtstun vergattert: Seit 35 Jahren ist er Parcourschef in der "Sandgrube" nahe Forchheim. Da waren er und seine Mitstreiter schon fleißig dabei, den Vielseitigkeitskurs für kommende Wettbewerbe vorzubereiten. Doch jetzt ruhen die Maschinen, die Hindernisse bleiben unberührt. Fred Schweiger sieht es gelassen: "Wenn das Turnier stattfinden kann, findet es statt, wenn nicht, dann nicht. Da dürfen wir nichts übers Knie brechen."

Denn gerade das Vielseitigkeitsreiten stelle hohe Ansprüche an Pferd und Reiter. Und derzeit seien beide zwangsläufig nicht wirklich gut vorbereitet. Es fehlten Kondition und Praxis an den Hindernissen. Bei solch einem Trainingsrückstand seien Verletzungen fast programmiert. Und das kann bei allem Ehrgeiz kein Pferdeliebhaber wollen.

Die erwähnte "Sandgrube" ist die Sportanlage des RC Forchheim. Dessen Vorsitzender Reinhard Niersberger ist noch relativ entspannt. Die meisten der über 300 Mitglieder haben sich der Vielseitigkeitsreiterei verschrieben. Da herrscht zwar Zwangspause, aber große Ausgaben fielen nicht. Der größere Kostenfaktor für den Verein seien die zwei Voltigierpferde für die etwa 60 Jugendlichen und Kinder. "Noch halten die Eltern aber die Füße still, keiner hat bisher Beiträge zurückverlangt", berichtet Niersberger. Falls sich das ändere, habe man ja immer noch die Möglichkeit, sich einen Teil davon vom BLSV zurückzuholen.

Die Vielseitigkeitsreiter könnten ja weiterhin – in Zweiergruppen – ins Gelände gehen. Und da der Verband pro Pferd 200 Quadratmeter Fläche verlange, "könnten in der Sandgrube ganze Kompanien reiten", so der Vereinschef. Aber man erlaube nur drei oder vier Paare gleichzeitig. Niersberger: "Da ist der Abstand definitiv um ein Zigfaches größer als in der Schlange beim Einkaufen."

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