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Die Sehnsucht nach der Forchheimer Sportinsel

Die Leichtathleten haben Winter hart trainiert und befürchten jetzt einen Totalausfall der Saison - 06.04.2020 15:15 Uhr

Malerisch, aber nicht wirklich zielführend für einen Top-Leichtathleten: Jan Schindzielorz demonstriert hier Hürdentraining vor der malerischen Kulisse der Obst-Versuchsanlage in Dietzhof. © Ralf Rödel


Den ganzen Winter hatte der einstige Hürdensprinter der deutschen Spitzenklasse (Bestzeit 13,50 Sekunden, mit denen er in der ewigen Deutschen Bestenliste immer noch auf Platz 22 rangiert) gemeinsam mit seinen jungen Schützlingen das ungeliebte Grundlagentraining absolviert, einige wenige Hallenwettkämpfe als Standortbestimmung bestritten und war nun freudig gespannt, wie sich die Sportler der LG Forchheim in der neuen Saison schlagen würden.

Natürlich freue man sich als Leichtathlet auf den Wechsel von der Halle ins Freie, nach der Zeitumstellung hätte man wieder richtig Gas geben können, so Schindzielorz, der mit seiner Lebensgefährtin Christine Priegelmeir seit einigen Jahren die erfolgreiche Leistungsgruppe der LG Forchheim leitet.

"2019 wird schwer zu übertreffen sein" lautete die Überschrift über einem Interview, das die Nordbayerischen Nachrichten mit dem Ex-Profi Anfang Februar geführt hatten. Diese Schlagzeile wird sich wohl – anders als damals gemeint – bewahrheiten. Heute wäre Schindzielorz schon froh, wenn heuer überhaupt noch Wettkämpfe stattfinden könnten.

Den eigenen Crosslauf hat die Leichtathletikgemeinschaft, seit Anfang 2019 ein eigenständiger Verein mit rund 200 Mitgliedern, Mitte März bereits abgesagt, als klar wurde, welch eine Bedrohung das neuartige Corona-Virus darstellen würde. Dem Forchheimer Sportfest kurz vor Pfingsten droht wohl das gleiche Schicksal, die oberfränkische Mannschaftsmeisterschaft im September hat für Schindzielorz schon bessere Chancen und der Forchheimer Nikolauslauf, die Traditionsveranstaltung des Vereins, zu der alljährlich 600 bis 700 Teilnehmer aufschlagen, sollte hoffentlich wieder möglich sein.

Im Moment aber geht gar nichts auf der schönen Anlage auf der Forchheimer Sportinsel. Schindzielorz hat sich dort erst dieser Tage umgeschaut und fand die Drehtür am Eingang mit einem Vorhängeschloss verriegelt. "Das ist schon bizarr: Auf der gegenüberliegenden Seite auf dem Kanalweg drängen sich Spaziergänger, Jogger, Radfahrer und Inlineskater dicht an dicht. Und wir dürfen nicht mal allein oder zu zweit auf unsere Bahn, wo wir leicht jeden Kontakt vermeiden könnten."

Dass Gruppentraining mit dem Nachwuchs nicht zulässig sein könne, sei ihm klar. Aber für seine ambitionierten Sportler lässt er nichts unversucht und hat auch schon beim Ordnungsamt der Stadt, der die Sportinsel gehört, vorgefühlt wegen Ausnahmeregelungen. Doch der Zuständige sei im Urlaub gewesen, diese Woche will es der Leichtathletik-Enthusiast noch einmal probieren.

Denn: Sport solle ja sein und in Feld und Flur seien ja alle unterwegs. Doch für manche Disziplinen und Übungen brauche man eben den Tartanuntergrund. Einige Wochen lang könne man den sportlichen "Shutdown" sicherlich mit alternativem Training überbrücken, doch wenn die Anlagen auch im Mai noch geschlossen seien, könne man von einem sinnvollen Formaufbau nicht mehr reden.

Ärgerlich sei das auch, weil in anderen Bundesländern die Leistungszentren für die Sportler geöffnet blieben – wie in Leipzig oder Wattenscheid. München und Fürth seien hingegen dicht. "Da herrscht auch keine Chancengleichheit mehr", klagt Schindzielorz, der für den Bayerischen Leichtathletikverband auch als Kadertrainer im Einsatz ist.

Gerade für diese Talente, die auf dem Sprung sind, sieht der Forchheimer große Gefahren zukommen. Sie hatten heuer das große Ziel U18-Europameisterschaft vor Augen und könnten in ein Motivationsloch fallen. "Wie soll man diese Jugendlichen bei der Stange halten, wenn diese Ziele wegfallen. Die meisten trainieren auch viel lieber in der Gruppe. Wer diese Altersgruppe kennt, weiß genau, dass sich da viele nicht aufraffen können, alleine ein straffes Trainingsprogramm durchzuziehen. Ich fürchte, da wird nicht nur ein Riss in der Karriere entstehen es werden wohl auch einige ganz aufhören", sagt er.

Er selbst wird wohl nicht zu dieser Gruppe gehören. Mit inzwischen 41 Jahren rennt er immer noch munter mit und kann sich auch jetzt fürs tägliche Training motivieren. Rund um seinen Wohnort Dietzhof nutzt er Rad- und Feldwege zum Lauftraining. Aber wirklich sprinten traut er sich nicht: "Wenn da ein Hund oder Radfahrer um die Ecke kommt, wird es gefährlich." Und die Hürden für seine Spezialdisziplin hat er nur fürs NN-Foto aufgestellt.

HOLGER PETER

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