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Sonntag, 21.07.2019

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Doping-Experte Sörgel auf Spurensuche in Forchheim

Sucht nach kleinen Helfern hat Tradition in vielen Bereichen der Gesellschaft - 27.06.2019 10:56 Uhr

Fritz Sörgel hielt seinen Vortrag im Plauderton und verbrachte wenig Zeit am starren Rednerpult. © Foto: Franka Struve/Klinikum Forchheim


Alarmiert äußerte sich der 68-Jährige im Frühjahr in der Öffentlichkkeit zum Skandal bei der Langlauf-WM, als die dreisten Methoden eines kriminellen Netzwerks um einen Erfurter Arzt ans Licht kamen. Sörgel ist ebenso bei Ermittlungsbehörden gefragt und damit in manchen Fällen involviert, ehe die Öffentlichkeit davon Kenntnis erhält. Einblick in die Arbeit gab jetzt ein von arte ausgestrahlter TV-Beitrag über Doping im Fußball auf Zypern.

Dass es die Koryphäe aber auch eine Nummer kleiner kann, zeigt sich beim Besuch im Forchheimer Klinikum. Vor knapp zwei Dutzend Zuhörern im Konferenzsaal, darunter einige Ärzte und tatsächlich zwei langjährige ehrenamtliche Doping-Kontrolleure, gibt sich Fritz Sörgel Mühe, nicht ins fach-chinesisch abzudriften. Den einstündigen Vortrag mit dem Titel "Doping – schneller, höher, weiter in Sport und Gesellschaft" gestaltet der Gast aus Heroldsberg im Plauderton.

Anschauung bei den Rolling Stones

Inhaltlich spannt er den Bogen von den Rolling Stones, deren "Mother‘s little helper" die Anfänge des Arzneimittel-Missbrauchs mit Valium oder Ritalin in Privathaushalten akustisch untermalen, über bewusstseinserweiternde Drogenexperimente in Militär und Kunst bis zum Doping im Leistungssport. Obwohl manches Beispiel der digitalen Bilderserie in die Jahre gekommen ist, bleiben die Verlockungen aktuell, die juristischen Grenzen bei der Belebung von Körper und Geist (Beispiel Schnupf-Tabak im Eishockey, Hirn-Stimulanzmittel im Schach) fließend. "Das hat es alles schon in der Antike gegeben."

Eine mehrfach wiederholte US-amerikanische Studie beschreibt im sogenannten Goldman-Dilemma, wie sich einer von zwei Leistungssportlern für den eigenen Tod binnen fünf Jahren entscheidet, wenn er dafür Olympia-Gold bekäme. Und auch einem Amateursportler oder einem Büroangestellten, der sich überfordert fühlt gehe es laut Sörgel um den simplen Zweck der Selbstoptimierung. Moralisch will er keine Bewertung vornehmen, konstatiert daher allgemein: "Die Verantwortung fängt bei der Frage nach dem Sinn von Protein-Mischungen an. Ein Herzenswunsch wäre, dass Sportvereine eine eindeutige Sprachhygiene pflegen." Bei Werbesprüchen wie ,Hirndoping‘ oder ,Doping für die Haare‘ beklagt Sörgel falsche und verharmlosende Begriffsverwendung.

Betrug unter Todesgefahr

Von der Politik fordert er mehr finanzielle Unterstützung für Kontrollmaßnahmen, die sich umso komplexer und für faire Sportler unwürdiger ausdifferenzieren, je perfider die chemischen Betrugsmaschen voranschreiten. Um Fälle von Blutdoping effizient nachzuweisen, müsste inzwischen zwei Stunden vor dem Wettkampf geprüft werden. "Früher hätte man es für undenkbar gehalten, dass der Sportler in einen Flieger steigt und unter Todesgefahr selbst zum Transporteur von Eigenblut wird." Dagegen spielte sich Sörgels erster Kontakt zur Materie in der Jugend, als er 1967 ein Foto des toten Radfahrers Tom Simpson sah, in der Steinzeit ab. Mit der Zahnpaste-Affäre um den deutschen Ausdauerläufer Dieter Baumann 2000 hielt die Doping-Analyse Einzug in seinen Berufsalltag.

Eine Ausnahme von der nüchternen Objektivität gönnt sich der Nürnberger, der einmal selbst von der Profi-Karriere träumte, nur beim Lieblingshobby Fußball. Der eingefleischte Club-Fan vermutet in der Fallhöhe nach dem Verlust des üppigen Gehaltseinen Grund, warum die bedeutendste Bewegungsbranche dem Anschein nach noch relativ unbefleckt daherkommt. 

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