Kettenhemd

Ein Hemd, sie alle zu bekleiden: Erlanger ist der Herr der Ringe

9.5.2021, 14:51 Uhr
Sebastian Völk ist der Herr der Ringe aus Erlangen. Er hatte die Idee, seine Faszination für Kettenhemden in die Tat umzusetzen und selbst welche zu produzieren.

Sebastian Völk ist der Herr der Ringe aus Erlangen. Er hatte die Idee, seine Faszination für Kettenhemden in die Tat umzusetzen und selbst welche zu produzieren. © Foto: Andrea Schrottenloher

Die beiden Kletterer beauftragte Sebastian Völk aus Erlangen, um seine Kettenhemden zu bewerben. Die mittelalterliche Burg setzte sein Kettenhemd perfekt in Szene. Völk stellt die ungewöhnlichen Hemden selbst her. Angefangen hat seine Leidenschaft für das handwerkliche Arbeiten schon als Kind, sagt er. Egal ob Leder, Metall oder Holz, alles verwendete er zum Basteln.

Durch den Film "Herr der Ringe" begann seine Faszination für die Kettenhemden, auch Ringpanzer genannt. Das erste Hemd versuchte er aus Draht zu fertigen, merkte aber schnell, dass das nicht funktioniert. Also fing er an, Informationen zu sammeln. Doch im Internet gab es bis dahin nicht viel darüber zu lesen. Das war der Moment, als er beschloss seine Website "ironskin.com" aufzubauen, um andere Menschen zu informieren und um eine Plattform zum Austausch mit anderen zu schaffen.

Völk sprach mit verschiedenen Menschen wie zum Beispiel Museumsleitern, um mehr über die Herstellung von Kettenhemden früher zu erfahren. Durch Stücke, die er in Museen studieren durfte, erfuhr Völk, wie alte Kettenhemden aufgebaut waren. Er bestellte sich Ringe und fuchste sich in die Arbeit hinein. Dabei half ihm sein Studium der Materialwissenschaften und Nano-Technologie, die sich speziell mit der Feinheit von Materialien beschäftigt.

In Vollzeit für Hemden

Sind so viele Ringe: Die Nahaufnahme lässt erahnen, welche Arbeit hinter der Produktion eines solchen Kleidungsstückes stecken muss.

Sind so viele Ringe: Die Nahaufnahme lässt erahnen, welche Arbeit hinter der Produktion eines solchen Kleidungsstückes stecken muss. © Foto: Andrea Schrottenloher

Mittlerweile ist der 31-jährige mit seiner Ein-Mann-Firma "ironskin" selbstständig, arbeitet Vollzeit an den Hemden und hat einen großen Kundenstamm. Er fertigt die Kettenhemden allerdings kaum mehr von Grund auf, denn dafür würde er über 2000 Arbeitsstunden benötigen. Das sind mehr als acht Monate, wenn er jeden Tag acht Stunden daran arbeitet.

Zusammen mit dem Material wäre der Preis viel zu hoch. Also hat er sich darauf spezialisiert, vorhandene Hemden anzupassen. Seine Kunden kaufen diese meist in Mittelalter-Onlineshops oder Ähnlichem und Völk arbeitet sie so um, dass sie perfekt sitzen. Für ein von ihm angepasstes Hemd zahlen seine Kunden etwa 500 bis 1800 Euro, je nach Aufwand. Sebastian Völk braucht dafür circa 100 bis 200 Arbeitsstunden, also zwei bis drei Monate. Insgesamt hat er schon 25 Hemden umgearbeitet.

Selbstbausätze sind in den USA beliebt

Außerdem gibt es bei ihm Selbstbausätze zu kaufen, mit Ringen, Werkzeug und Anleitung, damit auch andere Menschen die Kunst des Kettenhemd-Knüpfens lernen können. Vor Allem in der USA sind diese Sets beliebt. "Ich bin sehr offen und helfe jedem, der Fragen hat.", erklärt Sebastian Völk.

Ritter Peter Würth klettere in voller Montur am Felsen der Ruine Neideck, um die Kettenhemden aus der Manufaktur von Sebastian Völk in Szene zu setzen.

Ritter Peter Würth klettere in voller Montur am Felsen der Ruine Neideck, um die Kettenhemden aus der Manufaktur von Sebastian Völk in Szene zu setzen. © Foto: Tom Thudium

Deshalb möchte er in Zukunft sein Wissen auch in einem Buch weitergeben, an dem er zurzeit arbeitet. Völks Kunden sind zumeist geschichtlich interessiert und wollen das Gefühl der Kettenhemd-Träger von früher nachempfinden. Sie zeigen ihre außergewöhnlichen Hemden bei Museumsvorführungen und auf Mittelaltermärkten, um anderen Menschen die Geschichte lebendig wiederzugeben. Dabei stört sie das Gewicht von acht bis zwanzig Kilogramm pro Hemd nicht.

Drei Kollegen weltweit

Insgesamt kennt Völk nur drei weitere Macher von maßangepassten Kettenhemden. Je einen aus Schweden und den USA und ein Team aus Russland. In Deutschland gibt es einige Gruppen, vor allem in den Elektronischen Medien, die sich mit der Geschichte und der Herstellung der Hemden beschäftigen. "Die sehen mich als den Ober-Guru an, dabei habe ich mir das Wissen auch nur angeeignet", sagt Völk. Er enteckte die Marktlücke in Deutschland und nahm das Risiko auf sich, selbstständig zu werden. Bis jetzt bereut er es keine Sekunde, seine Leidenschaft zum Beruf gemacht zu haben.

"Es hat noch nie aufgehört mich zu faszinieren: Das Material der Hemden ist hart wie Ziegelstein, aber es fällt dennoch wie Stoff – einfach ein sinnliches Erlebnis", erzählt Völk schmunzelnd, während er das Stück eines Kettenhemdes durch seine Finger gleiten lässt. In Zukunft möchte er eventuell sogar einen Kollegen einstellen, verrät er. Momentan hat er eine kleine Werkstatt in seinem Keller, doch sein Business wächst immer weiter. Auf Instagram folgen mittlerweile über 18 000 Menschen seiner Seite "chainmail_ironskin" und freuen sich darüber Bilder wie die von der Neideck zu sehen.

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