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Freitag, 18.10.2019

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FGL und BN kämpfen für Biotop in Forchheims Süden

Forchheimer Grüne Liste befürchtet Gewerbegebiet auf geschützter Wiese - 17.05.2019 06:00 Uhr

Ortstermin auf der Biotopfläche südlich der Sandäcker: Forchheims BN-Chef Ulrich Buchholz (links) mit einem Bild des Schwarzblauen Wiesenknopfbläuling. Daneben: die FGL-Stadträtinnen Annette Prechtel und Heike Schade (rechts). © Roland Huber


Gerade mal drei Zentimeter misst die Flügelspannweite des Schmetterlings. Zwei Besonderheiten bringt beziehungsweise flattert das unscheinbare Insekt mit sich: Er ist extrem selten geworden und gehört zu den sogenannten Spitzenarten. „Diese Arten repräsentieren einen ganzen Lebensraum“, erklärt Ulrich Buchholz, Vorsitzender der Forchheimer Ortsgruppe des Bund Naturschutz (BN).

Mit dem Spitzenarten-Konzept spart man sich den Aufwand, sämtliche wirbellosen Tiere in einem Gebiet zu bestimmen. Stattdessen werden eben solche herausgegriffen, die eine Schlüsselposition einnehmen – weil andere Tiere und Pflanzen mit ihr wechselwirken. Buchholz: „Wenn ich also sehe, diese Spitzenart ist da, kann ich annehmen, dass der Lebensraum intakt ist.“

Hochkomplexes Ökosystem

Am Beispiel des Ameisenbläulings sieht das so aus: Im Hochsommer legt der Schmetterling seine Larven auf die Blüten des Großen Wiesenknopfs (aus der Familie der Rosengewächse). In der Blumenblüte entwickelt sich die Larve, wächst und fällt irgendwann zu Boden – wo sie über Duftstoffe Ameisen anlockt, die die Larve in den Ameisenbau tragen. Dort überwintert die Larve, häutet sich und wird im Frühjahr zum Schmetterling.

Auf die Blüten des Großen Wiesenknopfs legt der Schmetterling seine Larven. © Roland Huber


„Das Dasein des Ameisenbläulings bedeutet für uns also: auch die Ameisen und die Pflanzen gedeihen“, so Buchholz. „Weil die Schmetterlingsart ihren Verbreitungsschwerpunkt bei uns in Süddeutschland hat, kommt auf uns eine besondere Verantwortung zu.“
Die äußert sich nicht zuletzt darin, dass der Ameisenbläuling unter deutschem wie europäischem Artenschutz steht, laut Bundesnaturschutzgesetz dürfen auch die Lebensstätten dieser geschützten Tiere nicht zerstört werden.

Und: die fragliche Wiese im Süden des Gewerbegebiets Sandäcker ist städtischer Grund und Boden, der als geschütztes Biotop gekennzeichnet ist. Umso irritierender war es da vor allem für die FGL-Fraktion, als die Verwaltung am 31. Januar eine Beschlussvorlage in den Stadtrat brachte, die vorsah, das Gewerbegebiet zu erweitern und für die Biotop-Fläche „Planungsrecht“ zu schaffen. Ein neues Gewerbegebiet namens „Bertelsweiher“ sollte entstehen, für das Biotop seien „entsprechende Maßnahmen zu treffen“, heißt es in der Vorlage.

"In einem Federstreich"

„Am 14. Januar hatten wir in Forchheim die Auftaktveranstaltung zum erfolgreichen Artenschutz-Volksbegehren ,Rettet die Bienen’, an der auch der Oberbürgermeister und der Stadtplaner teilgenommen haben“, erzählt FGL-Stadträtin Annette Prechtel. „Doch nur 16 Tage später sollte dieses neun Hektar große Biotop in einem Federstreich als Gewerbegebiet ausgewiesen werden.“
Prechtel kritisiert, dass das Vorhaben zuvor weder im zuständigen Ausschuss besprochen wurde, noch hätte vorab „eine fachliche Diskussion oder Bewertung“ stattgefunden.

„Wir haben daraufhin den Antrag gestellt, diese Vorlage von der Tagesordnung zu nehmen – was dann glücklicherweise auch passiert ist“, sagt die Grünen-Politikerin. Gleichwohl ist sie sich durchaus bewusst, dass freie Gewerbeflächen rar sind, „langsam wird es schwierig, die Nachfrage zu stillen “. Sie verweist auf das geplante Gewerbegebiet im Forchheimer Norden: Unweit Polizeiinspektion soll auf 14 Hektar Bauland geschaffen werden, bereits jetzt haben schon über 40 Handwerksbetriebe ihr Interesse angemeldet.

Der gesamte Stadtrat („auch wir“, wie Prechtel betont) hat sich für eine schnelle Beplanung des Geländes im Stadtnorden ausgesprochen. „Dort zu bauen, halten wir für ökologisch vertretbar“. Doch die FGL-Rätin weiß: „Es gibt ständig Anfragen nach neuen Gewerbeflächen und auch weiterhin solche, die das Biotop im Süden betreffen“. Das allerdings, so Prechtel im Namen ihrer Fraktion, „ist mit uns nicht zu machen“. Man müsse beim Thema Gewerbeflächen „schauen, was geht – aber nicht um jeden Preis“. Für sie sind die Wiese und der Ameisenbläuling ein Sinnbild: „Artenschutz findet hier direkt vor unserer Haustür statt“, sagt Prechtel. „Er betrifft nicht nur irgendwelche fernen Korallenriffe und Regenwälder, sondern uns vor Ort!“

Bei der Verwaltung bedient man sich ordnungsgemäß einer weniger blumigen Sprache. Auf der Liste der Stadt stehen nach Rathausangaben weiterhin gut 80 Unternehmen „mit aktiven Anfragen“, ihre Firmen nach Forchheim zu verlagern beziehungsweise in Forchheim neu zu errichten. „Unsere Wirtschaftsförderung arbeitet hier intensiv an maßgeschneiderten, individuellen Lösungen“, teilt Stadtsprecherin Britta Kurth mit.

OB: Kritik läuft "vollkommen ins Leere"

Oberbürgermeister Uwe Kirschstein (SPD) zeigt sich wiederum erstaunt von der Kritik Prechtels. „Das vorgeschlagene Gebiet südlich der Sandäcker bekräftigt das Biotop und sichert es sogar noch zusätzlich ab, wenn es Bestandteil des Planungsumgriffs geworden wäre“, erklärt er. Die Kritik der Stadträtin laufe daher „vollkommen ins Leere und offenbart ihre Unwissenheit“.

Kirschstein meint: „Das wäre eine Sicherungsmaßnahme aus ökologischer Sicht und gleichzeitig eine Verbesserung aus ökonomischer Sicht gewesen.“ Von seinem Standpunkt aus hätten hier „alle“ gewinnen können. „Das aber dieser Punkt, im Übrigen trotz Abstimmung in der Fraktionsvorsitzenden-Besprechung, nicht einmal mehr diskutiert werden konnte, war sehr irritierend“, so der OB.

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