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"Gedankenblitz" für Arnd Rühlmann

Der Schauspieler, Theaterchef und Sänger wurde mit dem Bayerischen Kulturpreis ausgezeichnet - 16.11.2020 18:15 Uhr

„Die Sternstunde des Josef Bieder!“: Arnd Rühlmann in der Rolle des Theaterrequisiteurs, der zunächst widerwillig, dann mit immer mehr Energie Anekdoten aus seinem langjährigen Theaterleben zum Besten gibt.

16.11.2020 © Foto: privat


Wir haben mit dem etwas erschöpften Preisträger, der in Heroldsbach aufgewachsen ist, über seine aktuelle Situation als Schauspieler, Theaterchef und Sänger gesprochen. Lange ist es her, dass Arnd Rühlmann einen Preis gewonnen hat. Genauer gesagt 37 Jahre. Damals gab es noch Vorlese-Wettbewerbe bei der Oberfranken-Ausstellung (Ofra). Vielleicht hat der Gutschein für die Bücherstube an der Martinskirche seine literarische Leidenschaft noch mehr entfacht. Sicher ist, dass der Schüler damals bereits Bühnenerfahrung gesammelt hatte. Zuerst im Kindergarten, dann in der Grundschule. Eine Zeitlang kennt man Rühlmann in Heroldsbach auch als Puppenspieler. Dabei stammt er ursprünglich aus Gießen, wurde aber "als zweijähriges Kind nach Franken verschleppt".

Schon auf der Schulbühne aktiv

Mit dem Wechsel auf das Herder-Gymnasium Forchheim werden die künstlerischen Ambitionen konkreter. Nicht nur weil Rühlmann sich in den schuleigenen Theatergruppen sehr wohlfühlt. Auch weil er mit seiner Schüler-Theatergruppe "Sargnagel" etwa bei den "Forchheimer Theatertagen" im Klostersaal St. Anton das Publikum begeistert. Mit seinem Freund Chris Müller an der Gitarre bildet er das "Duo Eulenspiegel" und tritt auf der legendären Miniatur-Bühne im Weiß-Tauben-Keller auf. "Da kam der Gedanke, so etwas auch beruflich zu machen." Doch erst einmal redet man ihm das Dasein als freischaffender Künstler aus.

Rühlmann beginnt ein Germanistik-Studium in Bamberg, das er nie zu Ende bringen wird. "Als ich mein Studium hinwarf, dachte ich, alle seien entsetzt, aber selbst meine Eltern meinten, es sei eine gute Idee." Schon während der Lehrjahre probiert er sich im Studentenkabarett mit Freund Sebastian Domsch als "Die phümph lustigen Schizophrenen" aus. Der ist heute übrigens eher ernst unterwegs als Professor für englische Literatur.

Arnd Rühlmann (li.) erhielt in München den Bayerischen Kulturpreis überreicht, der mit 5000 Euro dotiert ist.

16.11.2020 © Foto: Simon Leibl


Dann beginnt Rühlmann beim Kindertheater "Chapeau Claque", erst als Schauspieler, dann als Regisseur. Schließlich wird er auch noch Veranstalter des wahrscheinlich kleinsten Kleinkunst-Festivals unter freiem Himmel. Die "Fischerei-Festspiele" locken seit 13 Jahren Besucher an. Es folgen Engagements am Jungen Theater Hameln, dem Theater in der List Hannover und dem Dehnberger Hof Theater. Es ist ein anstrengendes Dasein, aber eines, das Rühlmann nicht missen möchte.

Immer wieder findet Rühlmann im "nana theater im Club Kaulberg" zwischen den Buchdeckeln irgendwelche "Leichen im Keller". Mit nunmehr 21 Jahren Laufzeit ist es ein bundesweit einmaliges Projekt, das mit einem 72 Stunden-Lesemarathon auch schon Rekorde gebrochen hat. Auf dieser Kleinkunstbühne unter den Domterrassen hat er viele Pächter kommen und gehen sehen.

Vor neun Jahren wird er selbst Herr des unterirdischen Hauses mit seinen nur rund 60 Plätzen. Hier kann er immer dann auf die Bühne, wenn es ihm gefällt. Mit Kabarett-Programmen wie "Nicht nur sauber, sondern rein" oder eigenen Inszenierungen von "Bring mir den Kopf vom Nikolaus." Und er kann Künstler einladen, die er selbst gerne live erleben möchte. Den Liedermacher Roger Stein, die Volxmusik-Kombo Boxgalopp mit dem Heroldsbacher Nachbarn David Saam, die Kabarettistin Annette von Bamberg oder die Weltmusikerin Andrea Pancur.

Kuriose Gestalt

Als sich Rühlmann den Traum vom eigenen Theater erfüllt, da taucht aus den Untiefen des Kleiderschranks eine kuriose Gestalt auf. Bei näherem Hinsehen – und Hinhören – entpuppt sich Hanuta Gonzalez als "Mischung aus Caterina Valente, Saddam Hussein und dem Urmel aus dem Eis". Die "Meise von Gaustadt" ist nicht die erste Travestie-Rolle, die Rühlmann spielt. Begonnen hat es bereits in der Grundschule, als er eine "kluge Gretel" gibt. Später wird er Charleys Tante sein. Hanuta Gonzalez ist das weibliche Alter Ego Rühlmanns, der schon seit 25 Jahren Chansons aus eigener Feder ins Mikrofon säuselt. Zuerst mit Matthias Feser am Klavier, später an der Seite Jürgen Heimüllers. Mit dem Nürnberger steht Rühlmann allerdings immer seltener im Scheinwerferlicht. Denn der hat eine weithin beachtete Karriere als Filmemacher angefangen, die ihm 2019 den Deutschen Kurzfilmpreis eingebracht hat.

Derzeit hat Rühlmann wegen der Corona-Krise viel Zeit – und sehr wenig Geld. Sein nana theater kann er aktuell nicht betreiben. Die Bühnenauftritte sind komplett weggefallen. Und sein drittes Standbein als Kellner in der Wirtschaft "Fischerei" am Bamberger Kranen droht ihm auch wegzubrechen. "Ohne die Unterstützung meines Publikums hätte ich nicht überlebt", ist er sich sicher.

Die dreimonatige Corona-Soforthilfe sei jedenfalls nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein gewesen. "Es wird ganz viel erzählt, es kommt bei den Künstlern aber nichts an." Da kommt so ein Preisgeld von 5000 Euro genau richtig. Die Zeit hat Rühlmann genutzt, um mit seiner Hanuta Gonzalez deren erste CD "Die unerträgliche Knusprigkeit des Seins" aufzunehmen. Die Scheibe ist ab Anfang Dezember für 15 Euro online und in einigen Bamberger Geschäften zu bekommen. Wann man Rühlmann wieder live erleben kann, steht indes noch in den Sternen.

Das nana theater hat eine Homepage und einen eigenen Youtube-Channel: https: //clubkaulberg.jimdofree.com/

https://www.youtube.com/channel/UC0t0zKuu52IQFlSOCT2l8vA

 

PAULINE LINDNERUND UDO GÜLDNER

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