Samstag, 31.10.2020

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Gößweinstein: Fulminante Klänge in der Basilika

4. Balthasar-Neumann- Musiktage boten nach der Coronapause exzellenten Hörgenuss - 18.10.2020 16:12 Uhr

Ein bisschen konnten sich die Besucher der Balthasar-Neumann-Musiktage in Gößweinstein fühlen wie die Fürsten, für die die Musik einst komponiert wurde.

© Foto: Udo Güldner


Überall zwischen dem Elsass und Mähren gibt es um das Jahr 1650 deutschsprachige Fürsten. Einige große, aber vor allem viele kleine. Und jeder dieser Herrscher hat eine Residenz. Für allerlei Lustbarkeiten, aber auch für Krönungen oder Hochzeiten braucht es Musik. Am besten noch prächtiger als beim benachbarten Schlossbesitzer. Im Barockschloss in Kremsier etwa unterhält der kunstsinnige Erzbischof Karl II. von Liechtenstein-Kastelkorn eine eigene Hofkapelle.

Einer der Musiker, der für seinen Auftraggeber in der mährischen Provinz nahe Olmütz auch komponiert, ist Heinrich Ignaz Franz Biber. Es gilt sowohl für die kirchlichen Anlässe als auch beim profanen Prunk den richtigen Ton zu treffen. Der Komponist orientiert sich an der italienischen Mode.

Spektakel mit Herausforderung

Wie bei freien Musikern heute auch, braucht es Mitte des 17. Jahrhunderts mehrere Mäzene, um sich und eine größere Kinderschar über Wasser zu halten. Weshalb Biber auch für die Einführung des Polykarp von Kuenburg als Bischof von Gurk in Kärnten zur Feder gegriffen hat. Beim Hören der für alle Musiker virtuosen Sonate dürfen sich die Besucher der heutigen Balthasar-Neumann-Musiktage für einige Minuten fühlen, wie die Adeligen, denen die Werke einst zugedacht waren.

Damals entwickelt sich die Trompete gerade von einem reinen Signalinstrument hin zu einem Instrument für die musikalische Unterhaltung. Hatte sie mit ihren Begleitern, den Kesselpauken, bislang vor allem auf dem Schlachtfeld den Ton angegeben, so erklingt sie nun bei festlichen Serenaden unter freiem Himmel. Ähnlich ergeht es den Posaunen. Freilich handelt es sich damals noch nicht um die heute geläufigen, kompakten Trompeten mit Ventilen, die ein umfangreiches Tonspektrum ermöglichen. Vielmehr sind es deutlich größere Metallrohre, auf denen man – mit einiger Anstrengung – nur die Naturtöne spielen kann.

Das "Trompetenspektakel" unter Leitung von Moritz Görg aus Würzburg nimmt die Herausforderung der historischen Instrumente an. Sind die Musiker, die bereits mit legendären Dirigenten wie Phillippe Herreweghe, Thomas Hengelbrock oder Gottfried von der Goltz auf der Bühne standen, doch erstklassige Solisten: Die Trompeter Rudolf Lörinc (Bremen), Tibor Mészáros (Ungarn), Björn Kadenbach (Dresden), Lukas Reiß (Baden-Baden) und Emilia Suchlich (Hamburg), sowie Tobias Hildebrandt (Wiesbaden) an der Bass-Posaune, Michael Juen (Österreich) an den Pauken und Michael Riedel (Frankfurt am Main) an der Truhenorgel und deren größeren Schwester auf der Empore der Basilika.

Anfang vom Ende

Wenn man Glück hat, dann darf man nicht nur für einen kleinen Großen arbeiten, sondern gleich für den Kaiser Leopold I. persönlich. So wie Johann Heinrich Schmelzer, der es als Sohn eines Bäckers Dank seiner Kunst ganz nach oben geschafft hat. Zu seinen Klängen feiert der Habsburger Hof fulminante Feste mit hunderten Gauklern, Musikern und Schauspielern. Sogar Pferde tanzen in den kuriosen "Ross-Balletten" in der Winterreitschule umher. Mit ihren Hufen traben sie lebhaft zur Courante, springen und tänzeln ausgelassen zur Follia und verlassen die Szenerie in eleganter Sarabande.

Während man in Wien und anderen katholischen Gebieten fürstlichen Ohren zu gefallen hat, ist es im protestantischen hohen Norden anders. In Lübeck etwa erfindet Dietrich Buxtehude seine Orgelmusik nicht für Herrscher, sondern für das aufstrebende Bürgertum. Es ist damals der Anfang vom Ende des feudalen Systems. 

Mit Aaron Coplands "Fanfare for a common man" von 1942 wendet sich das "Trompetenspektakel" schließlich ganz dem einfachen Mann zu. Immerhin ist er es, der gerade im Zweiten Weltkrieg seinen Kopf hinhalten muss. Nicht nur auf amerikanischer Seite. So ändern sich die Zeiten. Nur bei den Balthasar Neumann-Musiktagen bleibt alles beim Alten: Hochklassige Musik in den hochbarocken Mauern der weithin bekannten Kirche.

Neue Wege in der Kirche

Aus der Not hat der musikalische Leiter der Balthasar-Neumann-Musiktage, Georg Schäffner, eine Tugend gemacht: Wenn man coronabedingt auf ein größeres Orchester und den Basilika-Chor verzichten muss, dann kann man auch gleich ganz neue Wege gehen. 
Warum also nicht eine A-capella-Messe aufführen, die zwar aus der Barockzeit stammt, ihre Wurzeln in der Renaissance jedoch nicht verleugnen kann? So singen sich drei Stimmen aus der Region durch Claudio Casciolinis "Missa Brevis", die sehr an Palestrinas Werke erinnert: Julia Bogner aus Schammelsdorf, Susanne Dallhammer und Michaela Horn aus Forchheim.

Nur ein Heizstrahler und Tee in Thermoskannen stehen ihnen bei herbstlichen Temperaturen bei. Georg Schäffner aus Gößweinstein an der Orgel und Bavarian Brass-Mitglied Florian Zeh aus Bamberg mit der Trompete bleiben während des Kyrie ebenso stumm wie beim Gloria und beim Agnus Dei. 

Unten im Kirchenschiff lauschen die zulässigen 100 Zuhörer, die erst zum Gottesdienst vorgelassen wurden, nachdem die ehrenamtlichen Helfer die Kirchenbänke desinfiziert hatten. Die Kommunion findet ohne Warteschlangen am Platz statt, die Solisten stehen zwei Meter voneinander entfernt und der Friedensgruß der Gläubigen untereinander besteht statt eines Händedrucks oder einer Umarmung nur aus einem kurzen Kopfnicken.

Doch trotz dieser Einschränkungen, die möglicherweise auch im nächsten Jahr die Kirchenkonzerte beeinträchtigen könnten, sollen auch die 5. Balthasar-Neumann-Musiktage an gewohnter Stelle stattfinden. Darauf haben sich das Kuratorium zur Förderung von Kunst und Kultur im Forchheimer Land und der Hausherr, Pater Ludwig Mazur, geeinigt.

 

UDO GÜLDNER E-Mail

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