Gute Tat: MS-Kranker Forchheimer fährt mit dem Rad an die Ostsee

15.6.2021, 11:54 Uhr
„Ich wollte immer schon auf dem Jakobsweg pilgern“, sagt Christian Beyer. Nur macht ihm die Multiple Sklerose einen Strich durch die Rechnung. Längere Strecken zu Fuß sind nicht mehr möglich. Beyer steigt um auf das Rad - und geht nun damit auf Tour.

„Ich wollte immer schon auf dem Jakobsweg pilgern“, sagt Christian Beyer. Nur macht ihm die Multiple Sklerose einen Strich durch die Rechnung. Längere Strecken zu Fuß sind nicht mehr möglich. Beyer steigt um auf das Rad - und geht nun damit auf Tour. © Foto: Udo Güldner

Wenn alles gut geht, dann wird Christian Beyer Mitte August am Ostseestrand auf Rügen stehen. Erschöpft, aber glücklich. Dann wird er den Fluten eine ganz besondere Flaschenpost übergeben. Die Kinder der Frühförderung der Lebenshilfe Forchheim nämlich haben mit ihren Betreuerinnen Christine Nägel und Ricarda Horn ihre Wünsche aufgeschrieben und gezeichnet. "Im Gegenzug bringe ich ihnen eine Schaufel Sand mit". Als kleines Souvenir an ein Abenteuer.

Nur Schwimmen wird Beyer nicht. Obwohl er früher einmal begeisterter Rettungsschwimmer der DLRG Forchheim gewesen ist, sogar an Wettkämpfen teilgenommen hat. Eine körperliche Beeinträchtigung verhindert das. 

Eine Mini-Luftpumpe hilft Christian Beyer, wenn die Luft mal ausgeht.

Eine Mini-Luftpumpe hilft Christian Beyer, wenn die Luft mal ausgeht. © Foto: Udo Güldner

"Ich wollte immer schon auf dem Jakobsweg pilgern". Nur macht ihm vor 26 Jahren die Multiple Sklerose einen dicken Strich durch die Rechnung. Längere Strecken zu Fuß sind nicht mehr möglich. Beyer steigt um auf das Zweirad. Anfangs noch ohne, später mit Hilfsmotor. Vor einigen Jahren entdeckt er seine Liebe zum Cargo-Bike.

Isomatte, Regenplane und etwas zum Kochen: 15 Kilo Gepäck nimmt er mit.

Isomatte, Regenplane und etwas zum Kochen: 15 Kilo Gepäck nimmt er mit. © Foto: Udo Güldner

Wenn man eine linksseitige Lähmung hat, ist alles ein bisschen schwieriger. "Mein Mund dient dann als Ersatzhand". So banale Dinge wie das Aufpumpen eines Reifens kann Beyer nicht mit handelsüblichem Gerät erledigen. Dafür hat er eine Miniatur-Version, die mit einer CO2-Kapsel betrieben wird. "Die verwendet man auch in Sahnespendern".

Früher am Tresen im Hauscafé

Auf dem Weg in den Norden wird ihn niemand begleiten. "Wenn ich so etwas mache, dann will ich alleine sein". Dafür hat der ehemalige Betreiber des "Hauscafés" in der Apothekenstraße im Vorfeld viele Unterstützer gefunden. Nicht alle wollen ihren Namen in der Zeitung lesen. Iris Schmitt aus Weigelshofen, hat als "Iris Glücksgekritzel" ein farbenfrohes Logo entworfen. "Damit beflockt Lydia Eickels ein T-Shirt, das ich während der Handicap-Tour tragen werde".

Die Bremsen seines Cargo-Bikes wurden allesamt rechts montiert.

Die Bremsen seines Cargo-Bikes wurden allesamt rechts montiert. © Foto: Udo Güldner

Um zumindest einiges an Kraft aufbringen zu können, trainiert Beyer hart. Nicht nur alle zwei Tage im Fitness-Studio, um seine Muskeln zu stärken. Mehrmals in der Woche radelt er zwischen 20 und 50 Kilometern durch die Gegend, um auszutesten, wo seine körperlichen Grenzen liegen. Nur bei schlechtem Wetter bringt ihn niemand auf die Straße – aus Sicherheitsgründen. Das will er auch auf seiner Handicap-Tour so beibehalten.

Iris Gluechs hat den Sinn der Tour bildlich festgehalten.

Iris Gluechs hat den Sinn der Tour bildlich festgehalten. © Foto: Udo Güldner

Die Strecke folgt Regnitz, Main und Saale, macht dann einen Abstecher zur Mecklenburgischen Seenplatte und bis Rostock, dann an der Ostseeküste entlang bis Rügen. "Die beiden Akkus reichen zusammen für knapp 130 Kilometer". Das 30 Kilo leichte Aluminium-Gefährt hat Volker Brandt unentgeltlich umgerüstet. Der Maschinenbau-Ingenieur aus Forchheim hat beispielsweise sämtliche Brems-Griffe auf die rechte Lenkerseite gelegt. "Da kann ich ordentlich zupacken". Die Pedale sind mit Spikes versehen, damit Beyer vor allem mit dem schwächeren linken Fuß nicht abrutscht. Immerhin ist das Lastenrad mehr als 2,20 Meter lang und hat einen Wendekreis von vier Metern.

15 Kilo Gepäck

"Ich bin ein genügsamer Mensch. Mir reichen Wasser, Müsli und Bananen. Vielleicht einmal eine Dose Ravioli". Für den gelernten Koch ist es ein leichtes, aus einfachsten Zutaten etwas Essbares zu zaubern. Dafür hat Beyer in seinem Gepäck auch Campingkocher und spezielle Töpfe und Teller, die wenig Platz brauchen. "Ich nehme nur etwa 15 Kilogramm Material mit, darunter Kleidung und Werkzeug, aber auch ein Campingzelt, eine aufblasbare Isomatte und eine Regenplane". Auch einige Ketten sind darunter, um das Lastenrad, das als "Neuwagen" immerhin rund 6500 Euro kosten würde, vor Dieben zu schützen. Beyer hat sich mit einer kleinen Rente freilich nur einen "Gebrauchtwagen" leisten können.

Möglichst viel Geld sammeln

Die Zeichnungen und Wünsche der Lebenshilfe-Kinder nimmt er mit.

Die Zeichnungen und Wünsche der Lebenshilfe-Kinder nimmt er mit. © Foto: Udo Güldner

Fünf Wochen Urlaub hat er sich genommen, um die 22 Etappen zu bewältigen. Übernachten wird er aus Kostengründen auf Campingplätzen und in Jugendherbergen. "Vielleicht reicht es auch einmal für ein echtes Zimmer". Denn jeder Euro der Spendenaktion, übrigens eine Idee des Lebenshilfe-Werkstattleiters Thomas Bätz, soll dem guten Zweck zufließen. Seine Auslagen wird Beyer selbst stemmen. Obwohl er nur einen kleinen Zuverdienst in der Küche der Lebenshilfe-Werkstatt in Weilersbach hat.

Die Radtour nötigt Beyer doch einigen Respekt ab. Auch ein bisschen Angst schwingt mit, es wegen der Behinderung nicht schaffen zu können. Aufgeben will er aber nicht. "Ich werde fluchen, heulen und mich freuen. Den Kindern habe ich es versprochen".

Wer die Benefiz-Aktion unterstützen möchte, kann einen Betrag seiner Wahl auf das Konto der Lebenshilfe Werkstätten gGmbH bei der Volksbank Forchheim, IBAN DE19 7639 1000 0000 0186 35, überweisen. Verwendungszweck "Handicap-Tour". Wer mitverfolgen möchte, was Christian Beyer so erlebt. Er wird auf seiner Facebook-Seite ein Reisetagebuch mit Fotos führen.

1 Kommentar