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Hinter dem Altar steht der Prediger aus Indien

Kirche im Wandel: Weniger Gläubige und mangelnder Priesternachwuchs verändern auch die Seelsorgearbeit - 05.03.2015 19:10 Uhr

Die Zahlen verheißen nichts Gutes. Immer weniger Menschen sind Teil der Kirche. Der demographische Wandel und Austritte führen zu einer schrumpfenden Glaubensgemeinschaft. Auch an Priesternachwuchs mangelt es. © Archivfoto: Hofmann


Seit Jahren schon hält der Negativtrend an: Die zwei großen Kirchen, die katholische und evangelische Glaubensgemeinschaft, vermelden mehr Aus- als Eintritte. Worin liegen die Ursachen, dass immer mehr Menschen den Kirchen den Rücken kehren? Sind es alleine die Skandale in den vergangenen Jahren, die vor allem die katholische Kirche erschütterten?

„Die Bereitschaft, regelmäßig eine Aufgabe zu erfüllen, ist in der Gesellschaft allgemein am Schwinden“, sagt der katholische Priester Oliver Schütz. „Das spürt nicht nur die Kirche, das spüren auch Vereine.“ Seine Schäfchen betreut Schütz in den Gemeinden Kirchehrenbach und Weilersbach mit dem Ortsteil Reifenberg.

Nicht nur immer weniger Menschen finden den Weg in die Kirche, auch angehende Priester sind im Erzbistum Bamberg Mangelware. Die zwölf Jahre dauernde Ausbildung zum Geistlichen scheint jungen Männern unattraktiver als noch vor Jahren zu sein. Weil die Kirche nicht mit dem Geist der Zeit geht, sondern etwa auf ein enthaltsames Leben der Priester setzt? „Eine hohle Floskel“ für Schütz, denn auch die evangelische Kirche habe mit rückläufigen Gläubigen- und Pfarrerzahlen zu kämpfen und dort gilt die Ehelosigkeit nicht.

Priester aus Indien

Mit welchen Alternativen reagiert die katholische Kirche auf den Mangel? Der Blick in ferne Länder birgt auch für das Erzbistum Bamberg Potenzial. Von aktuell 217 aktiven Priestern im Bistum stammen 68 aus dem Ausland. Die Hauptherkunftsländern sind Polen und Indien.

Im Jargon der Protestanten gibt es keine Priester, sondern Pfarrer. Nachwuchsprobleme sind dort noch nicht bekannt. „Wir hatten in den vergangenen Jahren einen stabilen Zugang“, sagt Dorothea Greiner, Regionalbischöfin im Kirchenkreis Oberfranken. Die katholischen Sorgen kennen die Protestanten noch nicht. „Pfarrer aus dem Ausland brauchen wir nicht“, sagt Greiner. „Allerdings werden wir in den kommenden Jahren mit hohen Ruhestandszahlen in der Pfarrerschaft zu kämpfen haben.“

Die hiesigen Priester arbeiten oft an der Belastungsgrenze. Um halb acht Uhr morgens startet der Tag für Oliver Schütz. An die frühen Gottesdienste reihen sich Schulunterricht, Bürozeiten, Krankenbesuche, Sitzungen des Pfarrgemeinderats, Vorbereitung der nächsten Gottesdienste. Und das für jede einzelne Gemeinde. Auch Verwaltungs- und Finanzangelegenheiten zählen zum Aufgabenspektrum des Priesters. „Wir sind eigentlich für andere Aufgaben geweiht“, sagt Schütz und wünscht sich Unterstützung, um seinem seelsorgerischen Auftrag besser gerecht zu werden.

Die Zukunft ist in einigen Punkten gewiss. Eben weil es zu wenige Priester gibt, hat das Erzbistum eine Neueinteilung der Pfarreien angekündigt. Die Schäfchenherde, die Schütz betreut, wird sich vergrößern. Die Gemeinden Leutenbach und Mittelehrenbach kommen hinzu. Zeit für die Seelsorge wird dann noch weniger bleiben. Das Angebot an Sonntagsgottesdiensten gerade im weitläufigen ländlichen Gebiet aufrecht zu erhalten, gestaltet sich immer schwieriger, teilt die Pressestelle des Erzbistums mit.

Muslime haben Zulauf

„Bewusst erhalten“, will die evangelische Kirche die Pfarrstellen auf dem Land. „Wir legen auch keine Gemeinden zu großen Seelsorgeeinheiten zusammen“, sagt Bischöfin Greiner. Zumindest bis 2020. „Langfristig wird der Rückgang selbstverständlich Folgen für die Anzahl der Pfarrstellen, die unsere Landeskirche finanzieren kann, haben.“

„In der 2000 Jahre langen Kirchengeschichte hat es schon immer ein Auf und Ab gegeben“, ist Schütz gelassen. Vieles liege in Gottes Händen, darauf vertraue er.

Anders sieht die Situation unter den muslimisch Gläubigen im Landkreis aus. „Wenn auch im kleinen Umfang, hat die muslimische Gemeinschaft großen Zulauf in den letzten Jahren erfahren“, sagt Coskun Ilgar, Vorsitzender des Yunus-Emre- Moschee-Vereins. Seit zehn Jahren nimmt die Moschee an der Haidfeldstraße in Forchheim einen prominenten Platz ein. Nicht nur für das Praktizieren des Glaubens brachte der Neubau eine Verbesserung mit sich. „Gerade auch im sozialen Bereich findet mehr statt“, so Ilgar. Gut 1000 Vereinsmitglieder und 2000 Gläubige zählt er im Landkreis. „200, maximal 300 Personen kommen zum Freitagsgebet.“ Für 500 Personen ist die Moschee ausgelegt.

Es mutet wie ein Teufelskreis an: Weniger Geistliche, die gleichzeitig für größere Gebiete zuständig sind, können nur noch weniger Gottesdienste anbieten. Die katholischen Besucherzahlen sind stark rückläufig im Landkreis. Für die evangelische Kirche existieren hier keine Zahlen (siehe Infokasten). Dorothea Greiner sorgt sich: „Woher bekommen die Menschen Hilfe, Hoffnung und Orientierung, wenn sie in der Not nicht Vertrauen zu Gott haben?“

 

Die Zahlen geben nur wenig Hoffnung

Die katholische wie auch evangelische Kirche verzeichnen einen Rückgang an Gläubigen. Im Zeitraum 2010 bis 2013 sank die Zahl der Katholiken in den Dekanaten Ebermannstadt und Forchheim von 64 836 auf 63 409. Das entspricht 1427 Gläubigen oder einen Minus von 2,2 Prozent. Dramatischer die Lage bei den Gottesdienstbesuchern. Hier verzeichnet das Erzbistum einen Rückgang von durchschnittlich 19,5 Prozent oder 2547 Personen auf 10 670 Besuchern. Wurden im November 2010 noch 97 Sonntagsgottesdienste abgehalten, waren es drei Jahre später 85.

Ein wenig milder fällt der Rückgang bei der evangelischen Kirche aus. Im Dekanatsbezirk Forchheim, Pendant zu den katholischen Dekanaten, sind es im gleichen Zeitraum 241 Gläubige oder 1,5 Prozent weniger geworden. 2013 wurden 15 664 Mitglieder gezählt.

PATRICK SCHROLL

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