Donnerstag, 29.10.2020

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Jahn-Halle ade: Gerhard Erlwein war immer nah dran

Urgestein engagierte sich beim Tischtennis und Fußball, war Stadionsprecher und Konzertveranstalter - 03.08.2020 17:08 Uhr

Ein Höhepunkt: Im Sommer 2003 war die Sportvereinigung Jahn Forchheim nach ihrem Rückzug wieder zurück auf der größeren Fußball-Bühne – hier feiert man mit einem Autokorso die Bezirksligameisterschaft und den damit verbundenen BOL-Aufstieg.


Wer den kleinen Saal der Jahn-Halle kennt, der kann sich kaum vorstellen, dass darin sogar Tischtennis-Punktspiele über die Bühne gingen: "Das war nichts für extreme Abwehrspieler, die sonst einen Meter hinter der Platte stehen." Gerhard Erlwein hielt einst als Jugendlicher in der Oberfranken-Liga selbst den Schläger in der Hand "Der große Saal, in dem wir normalerweise spielten, war von einem Bockbierfest am Vortag noch verwüstet", erinnert er sich.

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Die SpVgg Jahn Forchheim - von den Turnvätern bis heute

Der Turnverein 1904 Forchheim war die Keimzelle, die 1924 gegründete Sportvereinigung Forchheim dann das Sammelbecken der von den Turnern verschmähten Fußballer. 1947 fusionierte man zur Sportvereinigung Jahn Forchheim, in der seither viele Sportarten betrieben wurden. Manche sind in der Versenkung verschwunden, andere neu dazu gekommen.


Seine sportlichen Ausflüge auf das Fußball- und Faustball-Feld endeten schon nach kurzer Zeit, "obwohl die Kameradschaft dort sehr gut war", die grüne Platte aber ließ ihn nicht los. Seinerzeit standen sechs Platten in der Jahn-Halle. "Es gab sehr viel Tischtennis in der Stadt, unter anderem beim Kolpingverein, beim FC Burk, beim SV Buckenhofen und nicht zuletzt beim VfB Forchheim", so Erlwein.

30 Jahre lang kümmerte sich Gerhard Erlwein als Abteilungs- und Spielleiter um das runde Leder. Dabei hatte er wie sein Vorgänger Erwin Dörfler nur kurze Zeit selbst gegen den Ball getreten. Selbstkritisch sagt er: "Wie mein Vater hätte ich höchstens als Platzwalze auflaufen können". Georg Erlwein hatte in den 1960er und 70er Jahren als Betreuer der ersten Mannschaft für den reibungslosen Ablauf des Spielbetriebs gesorgt. Sein Sohn Gerhard tat es ihm später gleich.

Trikotwaschen war "Ehrensache"

Gerhards Schwester Christine wusch sogar die Spielertrikots: "Das war damals Ehrensache", sagt ihr Bruder. Als Spielleiter versuchte er, den Wunschkader des Trainers zusammen zu bekommen. Das kostete Zeit und Nerven.

Mit Gerhard Erlwein verbinden die Fußballanhänger in Forchheim ihre schönsten Erlebnisse, aber auch ihre dunkelsten Stunden. Es gab die Höhenflüge in die Bayernliga. Da sahen dann regelmäßig 1500 Leute zu. Erlwein: "Das war ein Geschrei. Wenn du heute brüllst, schauen dich alle komisch an".

Nur 20000 Mark für Christian Springer

Es gab die großen Talente wie Christian Springer (heute Trainer des Landesligateams), der in der Saison 1994/95 an den Zweitligisten FC St. Pauli verkauft wurde. "Das waren meiner Erinnerung nach nur 20 000 Mark. Damals waren die Summen noch gedeckelt", so der 60-Jährige.

Ein Tiefpunkt: Nach einem Sponsoren-Rückzug kurz vor der Jahrtausendwende mussten die Jahn-Fußballer fast ganz unten anfangen.


Es gab aber auch den Absturz in die unterste Liga, nachdem der Hauptsponsor, eine Brauerei aus der Region, den Geldhahn zugedreht hatte. Plötzlich saß der Jahn auf dem Trockenen. Für Erlwein als "Fußballbesessenen" eine ganz harte Zeit, wie er zugibt.

Und es gab die kuriosen Geschichten. Etwa dass der Stürmer Mahmut Bulut eine ganze Saison über in einem Zimmerchen im ersten Stock der Jahn-Halle hauste, das eigentlich für Schulungen vorgesehen war.

"Vor Roland Seitz ziehe ich den Hut"

"Mit den Trainern hatten wir fast immer Glück", merkt Erlwein an. Roland Seitz etwa habe es geschafft, aus elf Einzelspielern eine tolle Mannschaft zu formen: "Vor dem ziehe ich heute noch meinen Hut." Seine schönste Zeit sei aber die mit Abteilungsleiter Herbert "Poldi" Wiatkowski gewesen. Früher habe es auf der Tribüne gebrodelt. Die Gäste hatten immer etwas Angst, nach Forchheim zu kommen. "Beim Duell mit dem VfB Forchheim etwa musste man als Fan aufpassen, dass man von den gegnerischen Anhängern keine Schellen bekam", weiß er noch.

Knapp vier Jahre blieb Gerhard Erlwein für die Zuschauer auf dem Jahngelände später dann unsichtbar. In einem kleinen Zimmerchen linkerhand der Bühne stand er am Fenster, um einen Blick auf die Rückennummern zu erhaschen. Der Stadionsprecher musste unter erschwerten Bedingungen Torschützen und Auswechslungen verkünden. Denn in dem Raum war zu weit weg vom Geschehen. Erlwein: "Ich bin bisweilen mit dem Funkmikro herumgelaufen, um bei den Zuschauern zu sein."

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Von der Turnhalle zum Kulturtempel: Die Jahn-Halle Forchheim

Mit dem geplanten Umzug und dem Geländeverkauf der SpVgg Jahn ist ihr Schicksal besiegelt. Die Forchheimer Jahn-Kulturhalle wurde zwischen 1924 und 1926 gebaut. Tag für Tag arbeiteten an die 100 Mitglieder ehrenamtlich auf der Baustelle mit. Bereits in den ersten Jahren wurde sie nicht nur als reine Turnhalle genutzt, sondern auch als Veranstaltungsort. Wir blicken in Bildern zurück.


Mit Manfred Malzer wechselte er sich am Mikrofon ab. Insgesamt sei das eine eher nüchterne Angelegenheit gewesen, "als Animateur habe ich mich nie verstanden". Auch Irrtümer habe es gegeben: "Einmal habe ich bei einem Jahn-Spieler statt Selmani versehentlich Salami vorgelesen. Das hält man mir heute noch vor."

Der Mann in der Garderobe

Selbst wer mit dem Jahn nichts zu tun hatte, der kennt Gerhard Erlwein. Drei Jahrzehnte lang stand er im Garderobenraum, um bei Konzerten oder Kongressen den Besucher Mäntel und Jacken abzunehmen. "Da habe ich mich oft genug gestritten", erzählt er. Einige Male standen die Streithähne schon auf dem Tisch und wollten schlägern. Obwohl es nur um 1,50 Mark und später einen Euro gegangen sei. An seiner Seite hatten Ehefrau Gerlinde, die Kinder Christian und Nicole und später seine Lebensgefährtin Erika viel zu tun.

Immer mit viel „Herzblut“ war Gerhard Erlwein für den Jahn im Einsatz.


Liegengeblieben sei öfter etwas, meist bei Faschingsbällen. "Das haben die Leute tags drauf wieder geholt, so bald sie nüchtern waren." Nur einmal blieb eine Jacke hängen, über ein Jahr lang – in den Taschen befanden sich Drogen.

Mitunter war Gerhard Erlwein sogar selbst Veranstalter. Sein Steckenpferd waren der volkstümliche Schlager, Comedy-Auftritte und Mundarttheater. Marianne und Michael, das Naabtal-Duo, Die Schäfer, Florian Silbereisen, Die Peterlesboum, Fredl Fesl und Bata Illic – alle sangen hier.

"Jahn-Halle wurde nie geschätzt"

Heute sagt er: "Mich hat immer frustriert, dass man die Jahn-Halle nicht geschätzt hat. Dabei wird doch jetzt schon deutlich, wie wichtig sie war." Auch dort suchte er – wie beim Sport – die Nähe und durfte als einziger in die Künstlerkabine rechterhand der Bühne zu Lisa Fitz. "Für Stars wie Sebastian Reich und Amanda ist die Halle heute viel zu klein", räumt er aber ein.

In diesem Jahr war Gerhard Erlwein noch nicht in der Jahn-Halle. Für ihn eine schmerzhafte Sache. "Es war nicht nur meine zweite, es war meine echte Heimat."

 

UDO GÜLDNER

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