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Klimawandel machte 2018 vor Kreis Forchheim nicht Halt

Jahresrückblick zum Wetter: Der Supersommer 2018 hatte seine Schattenseiten - 29.12.2018 15:29 Uhr

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Viele Äcker waren staubtrocken: In Hiltpoltstein fielen zwischen Januar und September nur 389 Liter Regen, der Durchschnitt liegt bei rund 800 Litern. © Roland Huber


Strickjacke und gar Socken? Die blieben gefühlt ein halbes Jahr lang im hintersten Fach des Kleiderschrankes verstaut. Der Schirm? Ein von Aussterben bedrohtes Accessoire, das monatelang niemand brauchte. Von April bis Oktober war bestes Kellerwetter, das Leben fand draußen statt, wir saßen uns die Hintern platt auf Bierbänken, auf Freiluftveranstaltungen und Konzerten. Ein Rückblick auf den Landkreis in Schlaglichtern:

Wetter

Meteorologisch gesehen war der Sommer (also die Monate Juni, Juli und August) der zweitwärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Wärmer war es nur im Jahr 2003. Die Durchschnittstemperatur lag bei 19,3 Grad.

Freibäder

Nach Egloffstein oder lieber nach Streitberg? Das war die Frage, die spätestens am Freitagabend die Wochenendplanung einläutete. Die Gräfenberger konnten jubilieren, weil pünktlich zum Supersommer ihr Freibad wieder öffnen konnte. Vor dem Freibadbesuch in Egloffstein war erstmal Rechnen angesagt: Dort animierte der Bademeister die Gäste zum Gehirnzellen-Jogging, um die aktuelle Wassertemperatur auszurechnen.

Tiere

Auch Tiere schwitzen, habe ich gelernt: Im Wildpark Hundshaupten haben die Alpakas ihre Wasserstelle als Swimmingpool umfunktioniert, während andere tierische Mitbewohner gut mit der Hitze klar kamen. Was den Zweibeinern in der Hitze schmeckt, das mögen auch die Vierbeiner: Auf der Speisekarte des Wildparks gab’s an den Nachmittagen Eis für die Bewohner: In Blöcken tiefgefroren mit Obst.

Pflanzen

NN-Redakteurin Birgit Herrnleben. © Roland Huber


500 Liter Wasser braucht ein neu gepflanzter Baum regelmäßig. Die Mitarbeiter der Stadtgärtnerei waren quasi rund um die Uhr mit "Löschwagen" im Einsatz, am Wochenende wurde in den Gewächshäusern ein Wochenend-Gießdienst eingesetzt. Die Lkw der Stadtgärtnerei haben dabei riesige Wasserfässer geladen: 4000 Liter auf einem Lkw, 6000 Liter auf einem Bulldog aus dem Gärtnerei-Fuhrpark. Im Juli war das Regenrückhaltebecken in der Dechant-Reuder-Straße leer, die Brunnen am Friedhof trocken. Die Stadtgärtnerei musste auf Leitungswasser der Stadtwerke umstellen.

Bäume

Die Hitze machte auch vor dem Wald nicht Halt: An der Straße zwischen Kersbach und nach Honings wurden 70 Jahre alte Bäume gefällt. "Die Kiefern sind tot", sagte Matthias Kraft, Geschäftsführer der Waldbesitzervereinigung Fränkische Schweiz. Geschädigt durch den heißen und trockenen Sommer 2015, die Baumkronen durch Hagel verletzt, der Stamm von Pilzen befallen, gab der Supersommer 2018 den Baumriesen den Rest. Im Kellerwald macht der Eichenprozessionsspinner mächtig Ärger.

Der fiese Falter verbreitet sich rasend schnell: "So viel Befall wie in diesem Jahr hatten wir noch nie", sagt Stadtförster Stefan Distler. Seilkletterer hangeln sich im Kellerwald in den Baumkronen, Arbeitsbühnen fahren bis auf 63 Meter Höhe. Die Hitze ist auch ein prächtiges Gedeihklima für den Borkenkäfer. Alle sechs bis acht Wochen bildet sich eine neue Population, der Einsatz gegen den Käfer ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Im Bayerischen Wald ist die Situation noch dramatischer: Fünf Forstwirte aus Forchheim werden nach Neureichenau zum Arbeitseinsatz entsendet, um dem Käfer Paroli zu bieten.

Landwirtschaft

Bereits im Mai klagt Hermann Greif, Landwirt aus Pinzberg, der auch der Bezirksvorsitzende des Bayerischen Bauernverbandes ist, über die Trockenheit. Die Wiesen bereits abgeerntet, Mais und Getreide lechzen nach Wasser. Spitzenerträge? Davon können die Landwirte nur träumen. Bei vielen Landwirten wird außerdem das Futter für die Tiere knapp. Einige nutzen bereits im Herbst die Wintervorräte, andere kaufen teuer zu.

Waldbrandgefahr

Es erinnert ein wenig an Kalifornien. Wegen des anhaltend trockenen Wetters und der hohen Waldbrandgefahr hat die Regierung von Oberfranken und das Amt für Landwirtschaft und Forsten in Bayreuth Anfang August Luftbeobachter eingesetzt. Die Beobachtungsflüge gingen dabei auch über den Landkreis Forchheim. Dabei stellte die Luftrettungsstaffel Bayern Flugzeuge und Piloten. Stufe 5 meldete damals die Regierung an die Redaktion. Also, die höchste Waldbrandgefahrenstufe, feuerrot war der Landkreis auf der Karte eingezeichnet.

Wasser

"Im Jahr 2018 sind bis Ende November zehn Monate in Folge zu trocken und acht Monate aufeinanderfolgend zu warm ausgefallen." Das meldet der Niedrigwasser-Informationsdienst Bayern des Bayerischen Landesamtes für Umwelt. Auch im Landkreis Forchheim ist das offensichtlich: Der Brandbach in Neunkirchen ist ausgetrocknet, die Sinterstufen an der Lillach bei Weißenohe gleichen einem Trocken-Biotop.

Wiesent und die Aufseß führen Wasser, allerdings auf niedrigem Niveau. Kaltwasserfische wie Forelle oder Äsche vertragen Wassertemperaturen über 18 Grad nicht wirklich, auch heimische Krebsarten überleben die Trockenheit nicht. Im Dezember meldet Kirchehrenbach den niedrigsten Grundwasserstand seit 20 Jahren. In Hiltpoltstein sind zwischen Januar und September nur 389 Liter Regen gefallen, der normale Durchschnitt liegt bei 700 bis 800 Litern.

Tierische Saisonarbeiter

Auf tierische Saisonarbeiter setzen die Obstbauern in der Fränkischen Schweiz. Gerade in diesem Jahr, als auf den Schneefall im Frühjahr quasi über Nacht der unendliche Hochsommer folgte und die Blüten der Obstbäume nahezu alle auf einmal explodierten. Die Obstbauern, wie Biolandwirt Willi Schmidt aus Mittelehrenbach kaufen Hummeln zu, die den Bienen bei ihrer Arbeit unter die Flügel greifen und beim Bestäuben helfen.

Landwirtschaft im Klimawandel

Der Klimawandel macht auch vor dem Landkreis Forchheim nicht halt: Seit Oktober gibt es in Hiltpoltstein eine Forschungsstelle der bayerischen Landesanstalt für Wein- und Gartenbau Veitshöchheim, die vom Freistaat Bayern finanziert wird. Elias Schmitt leitet dort das dreijährige Forschungsprojekt "Süßkirschen-Anbau im Zeichen des Klimawandels".

Bilderstrecke zum Thema

Die Kirschenköniginnen des Landkreises Forchheim von 2002 bis 2018

Die süßen Früchtchen ins rechte Licht rücken: Etwa alle zwei Jahre sucht der Landkreis Forchheim eine neue Kirschenkönigin für die Fränkische Schweiz. Wir haben eine Übersicht über die Amtsinhaberinnen der vergangenen Jahre.


Denn die Fränkische Schweiz zählt zu den größten zusammenhängenden Kirschenanbaugebieten Deutschlands und das soll auch so bleiben. Lösungen und Maßnahmen gegen Spätfrost zählen zu Schmitts Aufgaben, Schaderregern wie der Kirschessigfliege, über die vor zehn Jahren noch niemand gesprochen hat, soll Einhalt geboten werden. Wird es in Folge der Klimaerwärmung bald Pfirsiche und Aprikosen in der Fränkischen Schweiz geben? So abwegig ist der Gedanke nicht: Denn genau dazu wird in der Obst-Versuchsanlage Dietzhof geforscht. 

Birgit Herrnleben Nordbayerische Nachrichten Forchheim E-Mail

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