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NN-Serie zu 650 Jahre Gräfenberg

Teil 1: Als Napoleons Soldaten in der Stadt wüteten - 13.04.2021 08:00 Uhr

Das frühere Badhaus in Gräfenberg existiert heute nicht mehr. Der Weißenoher Abt lag hier gerade in der Wanne, als er den Gesprächen französischer Offiziere entnahm, wie sie sich für das Benehmen ihrer Soldaten schämten.

12.04.2021 © Foto: Stadtchronik von G. Gundelfinger/Repro: privat


Für die Verleihung der Stadtrechte gab es wohl zwei Gründe, weiß Hans-Peter Reck, der Vorstand der Altstadtfreunde. Zum einen hatte Gräfenberg um die Stadtrechte gebeten. Der andere Grund lag am Kaiser selbst. Wenn der Kaiser, der in Prag residierte, mit seinem Gefolge durch die Lande zog, geschah das in Tagesetappen. Sie mussten in verschiedenen Orten übernachten und suchten Orte, die gesichert waren. Oft war Kaiser Karl IV. in Lauf, in der Wenzelsburg.

Eine Durchgangsstation

Auf dem Weg von Prag dorthin kam er auch durch Gräfenberg. Wichtig für den Kaiser und sein Gefolge war es nicht nur, sicher zu übernachten, sondern auch sauberen Fußes durch die Lande zu gelangen. Gräfenberg, Sitz der Landpfleger, hatte eine bessere Bebauung, was die Unterkünfte betraf.

"Ob der Kaiser hier im Ort je übernachtet hat, ist nicht überliefert", sagt Reck. Aber durchgezogen ist er. Mit den Stadtrechten erfuhr Gräfenberg nicht nur eine Aufwertung – es durften mehr Märkte abgehalten werden –, sondern auch die Auflage, eine Stadtmauer zu errichten, mit Toren, die schließen, einen Nachtwächter, der nach dem Rechten schaute und gepflasterten Straßen.

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In dieses Leben der 650-jährigen Stadtgeschichte tauchen die Altstadtfreunde ein, wenn sie den Besuchern das Leben der früheren Gräfenberger schildern. Wie die Geschichte vom Weißenoher Abt Willibald Schrettinger und Napoleons Offizieren im Badhaus in Gräfenberg. 


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Man schrieb das Jahr 1800 in der kleinen Bergstadt, als Napoleons Truppen auch durch Gräfenberg zogen, dort wüteten, die Häuser plünderten und deren Bewohner misshandelten. Neben der heutigen Metzgerei Förster befand sich das Badhaus. "Dort waren Steinwannen wie in einem Thermalbad", sagt Hans-Peter Reck. Wie und in welcher Aufmachung dort genau gebadet wurde, ist nicht überliefert und eigentlich auch egal. Jedenfalls lag der Weißenoher Abt Willibald Schrettinger gerade in der Steinwanne, als zwei französische Offiziere ins Badhaus kamen, um sich ebenfalls zu kultivieren.

Von draußen drang plötzlich Lärm ins Haus. Betrunkene französische Soldaten liefen nämlich die heutige Bahnhofsstraße hoch, krakeelten, randalierten und schikanierten die Leute. Ob das den beiden Offizieren ein wenig unangenehm war? "Was müssen die Deutschen denken, welche Rabauken die Franzosen sind. Da muss man sich ja schämen", sagte einer der Offiziere zum anderen, wie Schrettinger später erzählte. "Die Offiziere wussten nicht, dass der Abt der französischen Sprache mächtig war und jedes Wort verstand", erzählt Reck.

An der Stelle des früheren Badhauses, wie es um 1800 existierte, wurde dieses Haus neu gebaut.

12.04.2021 © Foto: Stadtchronik von Gerhard Gundelfinger, Repro: Petra Malbrich


Und der Abt hütete sich, dies vor den Offizieren zu gestehen. "Er hatte Angst, dass man ihn für einen Spitzel hielt", erklärt Reck die Haltung des Weißenoher Klostervorstehers. Französisch sprach damals in erster Linie die Bildungsschicht.

Dass er ein Abt ist, war dem Mann ohne seine Kutte nicht anzusehen. Also tat er, als verstünde er nichts. Zu Hause jedoch zeichnete er seine Erlebnisse in seinem Tagebuch auf.

Das wurde nach der Klosterauflösung gefunden. Josef Pöppel aus Weißenohe übertrug die Tagebucheinträge aus der Kurrentschrift und brachte diese Anekdoten auch in seinem Buch über das Weißenoher Kloster. "Von den Franzosen war länger die Rede", weiß Hans-Peter Reck. In Gräfenberg zeigten sich diese nicht von ihrer besten Seite, wie bereits die Offiziere bemerkt hatten.

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So auch am Marktplatz 5, dem heutigen Stadtcafé. Damals war dort die Bäckerei Kunzmann, als die Franzosen unbedingt in das Gebäude eindringen wollten. Der Bäcker war davon natürlich wenig begeistert und sperrte die Türe zu, um vor den Soldaten sicher zu sein. "Die französischen Soldaten haben die Außentür aufgebrochen", erzählt Reck.

Links, wo heute der Gastwirtschaftsraum ist, verschanzte sich der Bäcker Kunzmann und verbarrikadierte die Tür, um vor den Franzosen sicher zu sein. "Die französischen Soldaten haben mit dem Gewehr gegen die Tür gestoßen. Dabei löste sich aus einem Gewehr ein Schuss, der durch die Tür drang und den Wirt im Knie traf", sagt Reck.

Eine Woche später ist Bäcker Kunzmann an der Verletzung gestorben. Am 17. Dezember 1800 war von 900 Franzosen die Rede, die durch Gräfenberg zogen, die Rede.

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PETRA MALBRICH

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