Sonntag, 17.11.2019

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Religionen einig: Allah/Gott will mehr Umweltschutz

Forchheim: Beim interreligiösen Gottesdienst wurde viel Verbindendes sichtbar - 05.10.2019 08:00 Uhr

Imam Ibrahim Eker (li.) im Gespräch mit dem Vorsitzenden des Moscheevereins, Ekrem Akyol und dem Pastoralreferenten von Verklärung Christi, Dietmar Denzler (re.).


"Unheil ist auf dem Festland und im Meer erschienen wegen dem, was die Hände der Menschen erworben haben, damit Er sie einiges von dem kosten lässt, was sie getan haben, auf dass sie umkehren mögen." So steht es im 41. Vers der 30. Sure. Es sind diese prophetischen Worte, mit denen der Imam seine Lesung aus dem Koran beginnt. Da sitzt er gerade an einem Pult, das Kürsi heißt.

Wäre man bei einem normalen Freitagsgebet mit 300 bis 400 Besuchern, dann könnte man den Schriftgelehrten durch Handzeichen auch ansprechen und befragen. Heute aber traut sich niemand, etwas zur Auslegung der Textstelle wissen zu wollen. Denn erst einmal wird gemeinsam ein christliches Schöpfungslied gesungen. "Wir müssen mehr das Gemeinsame betonen," meint Atila Karabag. Denn nur so ließen sich die Probleme lösen, auf die Populisten gar keine Antwort hätten – außer der, alle gegeneinander auszuspielen.

Dann lauschen die Besucher, die in Socken und Strümpfen auf dem Teppich sitzen, den mahnenden Worten des Imam, auf Türkisch: "Der Mensch hat sich egoistisch, unachtsam und gleichgültig gegenüber der Umwelt verhalten. Folglich haben die zugefügten Schäden einen besorgniserregenden Zustand erreicht." Der Mensch habe das Gleichgewicht missachtet. Er habe gegen den Geist der Natur und Umwelt gehandelt. Aus diesem Grund werde der Mensch von Ereignissen und Katastrophen heimgesucht.

"Ohne Zweifel gebietet uns der Islam, sensibel gegenüber der Umwelt zu sein. Aus diesem Grund sollte sich jeder Muslim stets über folgendes bewusst sein: Der Islam hat jeden damit beauftragt, die Umwelt zu bewahren. Aufgabe ist, die Umwelt aufzubauen, und gerade nicht der lebendigen oder leblosen Umwelt Schaden zuzufügen." Und dann erscheint ein Satz, den man in ähnlicher Form auch dem christlichen Reformator Martin Luther zuschreibt: "Wenn jemand von euch einen Setzling in der Hand hält und der Jüngste Tag beginnt einzubrechen, soll dieser den Setzling noch einpflanzen, bevor der Jüngste Tag vollzogen ist."

Bunte Blumen und Kräuter

"Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, Mutter Erde, die uns erhält und lenkt und vielfältige Früchte hervorbringt und bunte Blumen und Kräuter." Nicht ohne Grund kommen einem die Sätze aus dem Sonnengesang des Franz von Assisi in den Sinn, als Denzler seine Fürbitten an "Allah", den einen und einzigen Gott aller drei monotheistischen Religionen spricht. Der Heilige, der den Katholiken als erster Umweltschützer gilt, hatte die Brüder Sonne und Luft sowie die Schwestern Erde und Wasser gepriesen, die dem Menschen Unterhalt gäben. Auf ihn berief sich der Theologe und auf jenen Yunus Emre, der wenige Jahre nach Franziskus lebte und der die Schönheit der Natur in mannigfachen Gedichten ausgedrückt hatte. Denzler wird noch deutlicher. Die Klimaerwärmung und das Aussterben der Tiere und Pflanzen sei vom Menschen verschuldet: "Die Ursache ist der grenzenlose wirtschaftliche Egoismus vieler Großbetriebe." Das Geld sei der neue Gott: "Viele Jugendliche und mehr und mehr Erwachsene gehen auf die Straße dieser einen Erde und sagen: Nein – nicht weiter so! Die Natur, unsere Erde, ist wertvoller als alles Geld."

Dann kommt ein anderer Franziskus, nämlich der derzeitige Papst zu Wort, dessen Brief "Laudato si" sich an alle Menschen richte: "Der Papst spricht von einer radikalen Verhaltensänderung in Lifestyle, Produktion und Verbrauch. Die korrupte Wegwerfkultur muss aufhören."

Im Konsum suche man nach Erfüllung und Orientierung. Dabei kennt man in allen großen Religionen das Prinzip des Fastens und Verzichtens. "Wir müssen erkennen, dass weniger mehr ist."

Die Idee zu einem gemeinsamen Gebet hatte Denzler, der in Nürnberg lebt, nachdem er immer wieder auf dem Weg vom Bahnhof zur Kirche Verklärung Christi an der Moschee vorbeigeradelt war. Beim neuen Vorsitzenden des Moschee-Vereins, Ekrem Akyol, habe er ein offenes Ohr gefunden: "Ich war überrascht, welch hohen Stellenwert der Umweltschutz im Koran hat," so Denzler.

Wie als Beweis heißt es in der Predigt des Imam: "Kommen Sie und lassen Sie uns als Muslime uns für die uns anvertrauten Güter einsetzen. Kommen Sie und lassen Sie uns als Muslime uns für die Welt einsetzen. Lassen Sie uns jederzeit unsere Umwelt bewahren. Wir haben Verantwortung beim Kampf gegen dieses kollektive Problem der Umweltverschmutzung. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir als Muslime Verantwortung hierfür haben."

UDO GÜLDNER

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