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Schüler aus China absolvieren Pflege-Ausbildung in Eggolsheim

Das Pflegesystem und Landeskunde kennen sowie im Seniorenheim arbeiten - 26.05.2019 07:56 Uhr

Chang Wang (links) stützt Rudolf Kuhn im SeniVita-Seniorenhaus St. Vitus in Hirschaid. Das gehört zur Ausbildung des 25-Jährigen aus China. © Foto: Roland Huber


Kleine Trippelschritte sind es, die Rudolf Kuhn macht. Manchmal schlurfen die Schuhe des 87-Jährigen über den gelben Linoleumboden im SeniVita-Seniorenhaus St. Vitus in Hirschaid. Aber er geht aufrecht und läuft weiter, Schritt für Schritt, mit einem Lächeln auf den Lippen – mit Azubi Chang Wang an seiner Seite. Der 25-Jährige stützt den 87-Jährigen und hält seine Hand. "Wir arbeiten hier mit ganz viel Liebe", sagt Wang.

Erst vor ein paar Tagen hat ihm eine ältere Dame einen Kuss auf die Wange gedrückt, als er ihr beim Gehen geholfen hat. "Das hat mich so glücklich gemacht. Das gibt mir das Gefühl, dass ich etwas Gutes tue", sagt Wang stolz. Seine beiden Großeltern sind früh verstorben, das hat den 25-Jährigen geprägt, der als Einzelkind in der Liaoning-Provinz im Nordosten Chinas aufgewachsen ist. Zunächst hat er Labormedizin studiert, doch da hat ihm der Kontakt zu Menschen gefehlt.

Waschen, Anziehen und Kämmen

Im Seniorenhaus St. Vitus übernimmt er die tägliche Grundpflege. Er hilft den Senioren beim Aufstehen, Waschen und Anziehen, begleitet sie auf die Toilette oder kämmt ihnen die Haare. Das Waschen hat er in der Schule mit Puppen geübt und im Heim bei Kollegen zugeschaut.

Als er von der Möglichkeit hörte, in Deutschland eine Ausbildung zu absolvieren, dachte er: "Ich habe Lust auf die deutsche Kultur." Das liegt auch an seinem Idol: "Ich liebe besonders die klassische Musik von Bach, spiele seit zwei Jahren Geige und gehe in Forchheim zum Geigenunterricht." Als Ausgleich zur Arbeit macht er dreimal pro Woche Taekwondo. Außerdem paukt er, um den deutschen Führerschein zu machen.

Seit September 2018 lernt er an der Berufsfachschule für Altenpflege der Dr.-Wiesent-Schule in Eggolsheim. Drei Jahre dauert die Ausbildung. Je nach Vorkenntnissen steigen die Chinesen im ersten oder zweiten Ausbildungsjahr ein. "Die Sprache zu können, ist entscheidend", sagt Wang. Manche Schüler hätten durchaus Schwierigkeiten, im Unterricht mitzukommen.

Den Dialekt der Senioren verstehen

"Möchten Sie etwas trinken, Wasser oder Saft?", fragt er Rudolf Kuhn. "Am liebsten hätte ich ein Gläschen Sekt", antwortet der 87-Jährige und grinst keck. "Ich hole mal Saft", entgegnet Wang freundlich. Bevor er nach Eggolsheim kam, hat er zwei Jahre lang Deutsch in Peking gelernt.

Dennoch blieben Sprachprobleme anfangs nicht aus. "Die Senioren sprechen Dialekt, manchmal undeutlich." Manche tun sich nach einem Schlaganfall schwer zu sprechen, weiß Wang. "Wörter wie freilich, servus und ade hatte ich in China nicht gelernt, aber hier schnell aufgeschnappt und lerne immer weiter."

Disziplin und Hygiene

Am meisten haben ihn das deutsche Essen, Disziplin und Hygiene überrascht. "In China ist das Essen ganz anders, wir essen viel öfter warm", sagt er. Brötchen mit Wurst und Käse kannte er nicht. "Mein Hausmeister betont immer, wie sauber alles sein muss. Die Deutschen legen viel Wert auf Hygiene und Disziplin", ist Wangs Wahrnehmung.

Die Kooperation der Dr.-Wiesent-Schule mit chinesischen Partnern zur Pflegeausbildung gibt es seit 2015. Neben speziellem Unterricht haben die Schüler Praxiswochen in SeniVita-Einrichtungen in Waischenfeld, Pottenstein, Hummeltal, Pegnitz, Baiersdorf, Hirschaid und Sassanfahrt.

Aggressive Bewohner

Wang begleitet Rudolf Kuhn Hand in Hand zu einem braunen Sessel in der Ecke des Aufenthaltsraums. Als der 87-Jährige sich langsam in den Sessel fallen lässt, hält Wang noch immer dessen Hand. Gebeugt steht Wang da, legt seine Linke schützend über die verbundenen Hände und drückt sie kurz. "Ich sage Danke", antwortet Kuhn anerkennend.

Nicht immer ist es so harmonisch. "Geh weg! Ich brauche nichts von dir", herrschte ihn letzte Woche eine ältere Dame an. Bewohner reagierten auch mal aggressiv. "Ich verstehen das", sagt der 25-Jährige. Schließlich sei es nicht einfach zu akzeptieren, wenn man sich nicht mehr wie früher selbst versorgen könne.

Heimweh und Herausforderungen

Immer wieder überkommt Wang Heimweh. "Ich bin Einzelkind und vermisse meine Eltern. Der Flug nach Hause dauert mehr als zehn Stunden. Vielleicht kann ich einmal im Jahr nach Hause fliegen." Mit seinen Mitschülerinnen und der chinesischen Betreuungslehrerin Chen Chen kommt er regelmäßig zusammen.

Trotz Heimweh und Herausforderungen ist Wang von seinem Weg überzeugt. Nach der Ausbildung könne er sich gut vorstellen, in Deutschland zu arbeiten. Er freue sich jeden Tag auf seine Arbeit und ist sich sicher: "Wenn wir Liebe geben, bekommen wir sie auch zurück."

Kooperation mit der Universität Shenyang

Im Jahr 2015 begannen die Dr.-Wiesent-Schule in Eggolsheim und die Senivita-Unternehmensgruppe mit der Medizinischen Universität Shenyang zu kooperieren. „Unsere chinesischen Partner treffen eine Vorauswahl und achten dabei auf die Leistungsfähigkeit der Bewerber“, erläutert Bernhard Haberl, Direktor der Berufsfachschule für Altenpflege. Die Interessenten müssen in Gesprächen zum Beispiel auf deutscher Sprache ihre Beweggründe darlegen. „Altenpflege ist in China nur ein kleiner Teil der Pflegeausbildung. Bei uns bekommen die Auszubildenden viel Praxis und die Bezahlung ist in Deutschland besser als in China“, sagt er.

Bevor die Schüler nach Deutschland kommen, absolvieren sie Sprachkurse in China. Erst wenn die Prüfung bestanden und das Sprachniveau B2 erreicht ist, könne das Visum beantragt werden. „Das ist eine Herausforderung für uns, weil wir erst kurz vorher wissen, wer es schafft“, erläutert der Schulleiter. Wenn die Chinesen ankommen, ginge es sofort los. „Wir hoffen, dass es beim nächsten Jahrgang klappt, dass sie nicht so ins kalte Wasser geworfen werden“, sagt Haberl.

Zusätzlicher Unterricht und Rollenspiele

Alle drei bis vier Wochen wechseln sich Schulunterricht und Praxis ab. Die chinesischen Schüler sind in den Senivita-Einrichtungen in Waischenfeld, Pottenstein, Hummeltal, Pegnitz, Baiersdorf, Hirschaid und Sassanfahrt im Einsatz. Da die Schüler nur den chinesischen Führerschein haben, sind sie in Deutschland auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen. „Wir überlegen, künftig mit einer Fahrschule zusammenzuarbeiten.“

Die Chinesen haben anders als deutsche Auszubildende zusätzlich Unterricht in Sprache und Fachsprache, lernen etwas über das deutsche Pflegesystem, Landeskunde und Recht. Gerade lateinisches Fachvokabular sei neu für die ausländischen Auszubildenden. „In Rollenspielen wird zum Beispiel auch geübt, wie Angehörige und Arzt miteinander sprechen“, erläutert Haberl.

Zuletzt machten elf Absolventinnen vergangenen Herbst ihren Abschluss. „Eine Chinesin ist zurück nach China gegangen, die anderen arbeiten alle in Senivita-Einrichtungen.“ Die bisherige Kooperation soll noch ausgebaut werden. „Geplant ist, eine deutsch-chinesische Berufsfachschule im Nordosten Chinas zu errichten“, sagt Haberl. 

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