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Serie Jahn-Halle ade: Als Faustball noch groß war

Einst war es eine blühende Abteilung, heute leben nur noch die Erinnerungen bei einigen alten Hasen - 04.07.2020 08:31 Uhr

((Platzhalter)Heute liegt der Rasenplatz zwischen der Jahn-Halle und dem ATSV-Sportheim verlassen. Hätte man in den 1960er und 70er Jahren vorbeigeschaut, hätte das ganz anders ausgesehen. Fünf junge Männer auf der einen Seite einer schmalen, über Kopfhöhe gespannten Schnur, die versuchen, fünf andere auszumanövrieren. Ein bisschen wie Volleyball, nur dass hier der schwerere Lederball einmal aufspringen darf. Bei der Annahme sind nur die Unterarme, beim Angriff nur Fäuste erlaubt.

Edi Kern am Schlag bei einem Turnier auf dem heimischen Jahn-Platz. Bis in die 1960er Jahre war Faustball ein sehr beliebt, dann wurde es nach und nach vom Volleyball verdrängt.

© Foto: Archiv Peter Greif


Wäre man noch einmal 20 Jahre früher auf der Bildfläche erschienen, gleich fünf Mannschaften hätten unter freiem Himmel trainiert. Bisweilen flog der Ball bis Anfang der 80er Jahre aber auch in der Jahn-Halle selbst. Im Winter hielt man sich mit Fußball oder Volleyball fit. "Das ging, weil die Jahn-Halle einst deutlich höher war", so die alten Haudegen. Heute verhindern abgehängte Elemente, die der Akustik dienen sollen, hohe Bälle.

Turnier in Österreich

 

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Von der Turnhalle zum Kulturtempel: Die Jahn-Halle Forchheim

Mit dem geplanten Umzug und dem Geländeverkauf der SpVgg Jahn ist ihr Schicksal besiegelt. Die Forchheimer Jahn-Kulturhalle wurde zwischen 1924 und 1926 gebaut. Tag für Tag arbeiteten an die 100 Mitglieder ehrenamtlich auf der Baustelle mit. Bereits in den ersten Jahren wurde sie nicht nur als reine Turnhalle genutzt, sondern auch als Veranstaltungsort. Wir blicken in Bildern zurück.


Für Klaus Hampel, inzwischen Ehrenmitglied der SpVgg Jahn Forchheim, begann alles im Jahre 1962 unter Abteilungsleiter Konrad Dötzer. Die Rasensportler waren ungemein aktiv. Sommerturniere führten sie bis nach Linz, der inoffiziellen Hauptstadt des Faustballs zu dieser Zeit. Immerhin fand hier 1963 erstmals der Europapokal der Landesmeister statt. So hoch freilich kamen die Jahn-Sportler nie. Bis in die dritthöchste bayerische Liga, die Bezirksliga, schaffte man es. "Wir spielten in Mittelfranken mit. Da hießen die Gegner Siemens Erlangen, Ottensoos, Lauf, Herzogenaurach und TV 1848 Erlangen."

Sein Sportsfreund Erwin Lorenz stieß 1973 zu den Faustballern, die auf eine lange Tradition seit den 1930er Jahren zurückblicken konnten. Nicht so lange wie die Konkurrenten beim VfB Forchheim, die schon 1911 diesem uralten Spiel frönten. Dafür hielten die Jahnler deutlich länger durch. Erwin Lorenz kann sich noch erinnern, dass er zuletzt auf der Sportinsel trainiert hat. "Damals waren auch Fußballer wie Theo Wetzel oder Leichtathleten wie die Malzer-Brüder bei uns," so der frühere Abteilungsleiter.

Kernige Kerle (von vorne): Erich Brandner, Sebastian Rösch, H. Lang, Arnold und Georg Greif bildeten ein Team in den Vorkriegsjahren.

© Foto: Archiv Peter Greif


In den 90er Jahren war die Faustball-Ära dann langsam aber sicher zu Ende. Daran änderte auch ein Freundschaftsturnier nach der Grenzöffnung in Rochlitz bei Chemnitz nichts mehr. Die Sportart war etwas aus der Mode gekommen, Volleyball lief ihr den Rang ab. Der Nachwuchs fehlte. Zumal man sich stets auf die Herren konzentriert hatte. Ein Frauen-Team gab es nicht. Die jüngeren Aktivposten zog es zum Studium. Die älteren kamen langsam in die Jahre, in denen man jeden Ballkontakt noch Stunden später spürte.

"Wir und unsere Ehefrauen haben uns dann lange Zeit ehrenamtlich für den Hauptverein engagiert." Egal ob die Jahn-Halle für den Fasching festlich geschmückt werden musste; ob während eines Tanzballs die Bar zu besetzen war; ob Wanderungen zu organisieren waren. "Wenn wir gebraucht wurden, haben wir geholfen." Mitunter nahmen Elektro-Techniker Klaus Hampel und Maschinenbau-Meister Erwin Lorenz sogar Urlaub bei ihren Arbeitgebern Siemens Nürnberg und Lösch Forchheim, um am Ausschank den Lumpenball nüchtern zu überstehen. "Wir mussten zeitweise sogar zusperren und durften keinen mehr reinlassen, so haben die Leute uns die Bude eingerannt."

Da hatte man den Faschingsball des Hauptvereins und den eigenen Rosenmontagsball, sowie den Kinderfasching noch in den Knochen. "Das war alles an einem einzigen Wochenende." Nachdem die VfB-Halle nebenan abgerissen worden war und der Kolpingssaal nicht mehr zur Verfügung gestanden hatte, kamen der Handballer- und der Metzgerball in die Jahn-Halle.

Das unentgeltliche Engagement zeigte sich insbesondere beim aufwendigen Umbau der Sport- in eine Veranstaltungshalle 1980/81. "Wir haben damals nach Feierabend und am Wochenende mit Presslufthämmern die Heizungsnischen im kleinen Saal herausgebrochen und mit anderen Sportsfreunden den Putz von den Wänden geklopft." Hinzu kam der Einbau je einer Theke im großen und kleinen Saal. Der technisch begabte Hans Giehl zäunte die Plätze komplett neu ein, Hans Lang flieste die Umkleidekabinen. Zusammen habe man einen Geräteschuppen am Allwetter-Platz errichtet.

 

Einsatz am Annafest

 

Hinzu kamen die freiwilligen Dienste am Schäffbräu-Keller. Zwei Tage während des Annafestes bewirtschafteten die Faustballer das Gelände, damit die Jahn-Kasse von all den Profi-Fußball-Abenteuern nicht zu leer wurde. Langweilig wurde den Faustballern nie.

Nach den sportlichen Erfolgen kamen die gemütlichen Höchstleistungen. Anfangs noch in Form mehrtägiger Radtouren, die etwa 2003 bis nach Wien führten. Allwöchentlich saßen sie dann in der Jahn-Gaststätte beim Stammtisch und fachsimpelten. Freitag für Freitag erfreute man sich an den Dingen, die "unsere Lieblingswirtin Traudl Kraus" aus der Küche hervorbrachte. Allerdings wurde die Runde immer kleiner. Der Tod riss Lücken in die Reihen der Faustballer. Hampel und Lorenz etwas sentimental: "Inzwischen sind wir mit zwei Dutzend Mitgliedern die kleinste Abteilung."

UDO GÜLDNER

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