Aber kreuzweise!

8.9.2009, 00:00 Uhr
In Liebe unversöhnt mit Fürth: Bildhauerin und Malerin Eva Hermann inmitten ihrer «Kunst-Ärsche».

In Liebe unversöhnt mit Fürth: Bildhauerin und Malerin Eva Hermann inmitten ihrer «Kunst-Ärsche». © Hans-Joachim Winckler

Es ist mehr Spaß als Provokation, doch ein bisschen Ernst ist natürlich auch im Spiel. Pralle Ärsche in sommersattem Farbanstrich zeigt Manfred Edlers Art-Kunstschaufenster auf der Schwabacher Ebene des City-Centers. Ärsche? Ja, Ärsche.

Ein Jux ist das, ein wenig «Ihr könnt mich alle mal . . .» und vor allem nicht mehr als eine Fingerübung für eine so Geübte wie Eva Hermann. Die wahren Kleinodien der zweigeteilten Schau - angeblich ihre letzte in Fürth - präsentiert Edler im kleinen Art-Laden auf der Theaterebene. Das City-Center war nie ein Eldorado für Kunst und wird auch keines mehr. Immerhin macht Edler aus dem kuriosen Ambiente das Beste - er holt, mit einem Mini-Querschnitt durch ihr bald 30-jähriges Schaffen, eine Künstlerin an Bord, aus deren Hand unter anderem die leidlich bekannte ErhardBüste am Wirtschaftsrathaus stammt.

Doch man hüte sich, Kratzbürste Hermann genau darauf anzusprechen. Dann kontert sie lang und laut und ohne Punkt und Komma, dafür berlinerisch durch und durch: «Ick bin festjeleecht uff Köppe.» Sie fühle sich schon wie Ingrid Steeger, sagt sie. Einmal Ulknudel, immer Ulknudel. Kommste nicht mehr raus aus der Nummer. Dabei war ihre Kieler Abschlussarbeit - 1984 war Hermann aus der DDR ausgereist - eine fotografische. «Ich hab’ noch tausend Sachen, die noch nie einer gesehen hat.» Denn außer Kunststoff tüftelt, experimentiert, verzaubert die impulsive Künstlerin «alles, was gut riecht».

Allein in Berlin hatte Hermann 43 Ausstellungen; das Brandenburger Arbeitsministerium hat Kunst von ihr gekauft, das Stadtmuseum Fürth ihre Büsten prominenter Fürther gezeigt. Doch mit Fürth ist sie durch - vorerst. Nach acht nervenaufreibenden Umzügen hat es sie vor geraumer Zeit in die Augsburger Straße nach Nürnberg (wer Interesse hat an ihren Kursen, wähle 01 77/4 55 84 35) verschlagen, «obwohl ich das weltoffene Fürth liebe. Doch wo wollen Sie denn hier ausstellen?»

Die kunst galerie - in Hermanns Augen ein Gastspielstandort auswärtiger Künstler. Seeling, das Kleine Atelier, gut ja, die gehen, doch da war sie schon. Aber sonst? Zurück nach Berlin will sie auf keinen Fall. «Wat soll ick in Berlin?» schnoddert sie zurück. Die Hauptstadt sei aktuell ein Magnet für Musiker; für Bildende Kunst hingegen ein noch schwierigeres Pflaster als der mittelfränkische Großraum.

Also kommen nicht die Berliner, sondern die Fürther in den Genuss ihrer haargenau gearbeiteten, organisch fließenden Bronze-Paarskulpturen, ihrer Ölgemälde auf, kein Witz, CDU–Wahlplakat-Papier (Hermann: «Die haben das allerbeste») und ihrer so genannten «Lebensbäume» in patiniertem Gips, knorpelige Gebilde, aus denen sich erst auf den zweiten Blick Figürliches herausschält. Eine Büste - von der weißen Stele durch ein Kreissägeblatt getrennt - zeigt den Ex-Kommunarden Fritz Teufel - wie fein sich die Parkinson-Krankheit Teufel ins Antlitz gräbt und dennoch eine menschlich-würdevolle Aura gewahrt bleibt, ist Meisterklasse.

Ihre sehr persönlichen Seiten zeigt Eva Hermann in einer Serie von «Briefen» mit Phantasieschrift, -datum und -ort, grafisch rhythmisierte, ästhetisch berückende Kunst-Stückchen. «Die Briefe sind Bilder», sagt sie - und Erinnerungen, Abgearbeitetes. «Ich weiß noch bei jedem Brief, was ich gesagt und gefühlt habe. Ich hab’ mir damit alles Mögliche von der Seele geschrieben.» Hoffentlich aber eines nicht: dass Fürth sie nun aber mal kreuzweise könne, und zwar sonstwo. MATTHIAS BOLL

«Wie se kehna kennt»: Art-Kunstschaufenster, Plattform für Kunst und Gestaltung, City-Center (Schwabacher und Theaterebene). Bis 25. September.