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Abruptes Aus für Fürths Gewerkschaftshaus

Nach dem Umzug von ver.di steht das Gebäude seit dem Jahresende leer - 25.01.2017 21:00 Uhr

Ende einer langen Tradition: Über Jahrzehnte war das Haus in der Königswarterstraße eng mit der organisierten Arbeitnehmerschaft verbunden. © Foto: Hans-Joachim Winckler


Schon als Sechsjähriger kam Hans-Stefan Schuber häufig ins Gewerkschaftshaus, um seinen Onkel zu besuchen. Der leitete damals den Ortsverband des DGB. Im Büro faszinierte den kleinen Stefan vor allem das Regal mit den Ansichtsbänden der Büchergilde Gutenberg.

Schuber wurde selbst Gewerkschaftsfunktionär, ging auch als Erwachsener in dem Gebäude mit der Adresse Königswarterstraße 16 ein und aus. „Da habe ich schon eine emotionale Bindung“, sagt der 68-Jährige, der seit 2001 ehrenamtlich den Ortsverein von ver.di führt. Der Abschied falle ihm nicht leicht: Zum Jahresende hat die Dienstleistungsgewerkschaft ihr Büro geräumt und als letzter die Lichter ausgeknipst. Damit endete eine jahrzehntelange Episode, in der das Haus eng mit der organisierten Arbeitnehmerschaft verknüpft gewesen ist.

Den Anfang vom Ende markierte im Sommer 2015 der Wechsel der IG Metall von Fürth nach Ansbach. Im vergangenen Jahr zog dann auch die Biko (Bildungs- und Beratungsgenossenschaft eG) aus. Von einem "Gewerkschaftshaus" konnte nun keine Rede mehr sein. Als letzter Mieter zog schließlich ver.di die Konsequenzen und verließ das Gebäude, das sich seit vielen Jahren im privaten Eigentum einer Fürther Familie befindet. Für die Dienstleistungsgewerkschaft waren die Räume zu groß geworden, weil schrittweise das hauptamtliche Personal aus Fürth abgezogen worden war. Seit Januar 2016 gab es hier keine Geschäftsstelle mehr, die ver.di-Zentrale findet sich in Nürnberg.

Der ehrenamtlich geführte Fürther Ortsverein wird nach dem Auszug voraussichtlich einen Raum im neuen „Welthaus“ in der Gustavstraße belegen. Dort will man weiterhin die Lohnsteuer- und die Mobbingberatung anbieten sowie den „Mitgliedervorteilsservice“.

Auch Gerd Axmann schmerzt der Gedanke an das verwaiste Gewerkschaftshaus, er hatte die damalige Fürther Geschäftsstelle bis zum Jahr 2009 geleitet. „Es tut fürchterlich weh“, sagt Axmann, „eine Stadt wie Fürth lebt davon, dass die Gewerkschaften sichtbar sind.“

„Höchst bedauerlich“

Thomas Händel, Europaabgeordneter der Linkspartei, kennt das Fürther Gewerkschaftshaus wie kaum ein anderer: Er ist dort aufgewachsen. Als Kind lebte er jahrelang in der Hausmeisterwohnung, hat beim Fußballspielen, wie er schmunzelnd sagt, so manche Fensterscheibe zerschossen. Bis 2012 hatte er in seiner Funktion als Erster Bevollmächtigter der IG Metall sein Büro in der Königswarterstraße 16, bis vor ein paar Monaten dann noch als Abgeordneter sein Wahlkreisbüro.

Das Ende des Gewerkschaftshauses nennt er „höchst bedauerlich“. Als traditionelle Arbeiterstadt, aber auch als Industrie- und Handelszentrum habe Fürth eine stärkere Präsenz der Gewerkschaften verdient. Den Wegzug der IG Metall hat er nach eigenen Worten nicht befürwortet. „Das haben die Delegierten beschlossen, das muss man akzeptieren.“ Die Mehrheit sei der Meinung gewesen, Westmittelfranken lasse sich von Ansbach aus besser beackern als von Fürth.

Die Eigentümerfamilie, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, macht sich nun Gedanken über die künftige Nutzung; vermutlich laufe es wieder auf Büroräume hinaus, heißt es, man wolle aber erst den Markt sondieren. Den Umbau plant ein Architekt, der bereits vor einigen Jahren das Nachbargebäude mit dem italienischen Restaurant im Erdgeschoss auf Vordermann gebracht hat.

Johannes Alles

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