12°

Mittwoch, 23.10.2019

|

Alkohol: Roßtaler Gruppe kämpft gegen den Suchtdruck

Gerhard Roth bietet Alkoholkranken Unterstützung an - Zwei des "Blauen Kreuzes" - 12.04.2019 21:00 Uhr

Verführerische kleine Fläschchen: Bevor Alkoholkranke sich Hilfe suchen, durchleben sie meist eine lange Leidenszeit. Sie greifen währenddessen nicht selten zu den schnellen Suchtmitteln, die es fast neben jeder Supermarktkasse gibt.


Heißt "jederzeit zur Verfügung stehen" wirklich, dass man sich rund um die Uhr bei Ihnen melden darf?

Ja, das ist wörtlich zu verstehen. Ich gehe auch nachts ans Telefon und wenn jemand an meiner Haustür klingelt, dann bin ich für ihn da.

 

Gerhard Roth (65) ist seit dem Jahr 2000 beim Blauen Kreuz engagiert. Dazu hat der gelernte Handwerksmeister für Maschinenbau, der selbst suchtkrank ist, Lehrgänge in der Suchtkrankenhilfe absolviert. Inzwischen ist Roth Rentner und hat noch mehr Zeit für sein Engagement.


Welche Unterstützung können Sie denn konkret geben?

Das ist ganz unterschiedlich. Wenn jemand sich zum ersten Mal meldet, dann erklären wir erst einmal, wie und wo er Hilfe bei der körperlichen Entgiftung bekommt. Ich persönlich rate jedem, im Anschluss daran eine Therapie zu machen. In unserer Selbsthilfegruppe ist grundsätzlich jeder willkommen, ganz gleich, ob er am Beginn der Abstinenz steht oder schon jahrelang trocken lebt. Wir sprechen miteinander, reden offen über Probleme und Sorgen, geben Hilfestellung bei Konflikten. Mein erster Satz an Neue ist immer die Versicherung, dass alles, was hier besprochen wird, ausschließlich in diesem Kreis bleibt.

 

Sie gehen ganz offen damit um, dass Sie selbst vor 19 Jahren erkrankt sind und seither trocken leben. Wie schwer ist es, über das Tabu Alkoholismus zu sprechen?

Es besteht eine riesengroße Hemmschwelle in diesem Punkt. Das Verschweigen und Verharmlosen beginnt ja schon früh. Zunächst will man sich nicht eingestehen, dass der eigene Alkoholkonsum längst eine kritische Grenze überschritten hat. In den weitaus meisten Fällen, das heißt bei mehr als 90 Prozent, fällt die Entscheidung, etwas zu unternehmen, erst wenn in Beziehung, Job oder Umfeld bereits vieles kaputt gegangen ist. Persönlich habe ich gute Erfahrungen damit gemacht, mich meiner Krankheit zu stellen und klipp und klar zu sagen: Ich bin alkoholkrank und darf nie wieder einen Tropfen anrühren. Das erspart mir unter anderem, in geselligen Runden irgendwelche Ausflüchte dafür finden zu müssen, dass ich nicht mit zu Bier, Sekt oder Wein greife.

 

Wie sieht die Zukunft aus für Menschen, die sich zur Abstinenz entschlossen haben? Ist man irgendwann geheilt?

Nein. Alkoholkranke werden nie mehr gesund. Aber man kann die Krankheit mit absolutem Verzicht stoppen. Das ist niemals einfach, denn jeder Tropfen könnte den Willen zur Enthaltsamkeit brechen. Höchste Vorsicht ist also geboten, denn Alkohol steckt eben nicht nur im Feierabendbier, sondern zum Beispiel auch in Hustensaft. Im Grunde haben fast alle flüssigen Arzneien einen Alkoholanteil. Aber auch das Essen und manche Süßigkeiten sind betroffen. Da muss man immer ganz genau nachfragen, denn wer denkt denn auf Anhieb daran, dass in dem "Granatsplitter"- Gebäck jede Menge Schnaps steckt? Dazu kommt natürlich, dass der innerliche Druck, also das Verlangen, Alkohol zu konsumieren, immer wieder aufflammt. Der Suchtstoff ist ja auch allgegenwärtig. Man muss sich doch nur im Fernsehen ein Fußballspiel oder ein Autorennen ansehen, dann wird man schon mit der entsprechenden Werbung konfrontiert.

 

Welche Strategie hilft, dem Suchtdruck zu widerstehen?

Ich rate in der Gruppe immer: Wenn du spürst, dass ein Rückfall naht, ruf’ mich an. Der Betroffene muss in diesem Moment aktiv werden, dann kann ich zum Beispiel versuchen, ihn auf ganz andere Gedanken zu bringen. Aber, keine Frage, es ist schwer. Viele, die in so einer Situation wieder getrunken haben, trauen sich nicht zurück in die Selbsthilfegruppe. Wir wollen aber vermitteln, dass es einen Rückweg gibt und, dass das Angebot zur Teilnahme weiter besteht. Wir können nämlich nur denen helfen, die sich helfen lassen.

 

Wie haben Sie es ganz persönlich bis heute geschafft?

Ich sage mir immer, dass ich entscheiden kann, was ich tue. Mir hilft auch die Einsicht, dass ich nicht auf Alkohol verzichte, sondern dass ich ihn in meinem Leben nicht brauche.

Blaues Kreuz, Selbsthilfe für Suchtkranke in Roßtal, Ansprechpartner: Gerhard Roth, Tel. (0 91 05) 3 13 00 92 oder (01 79) 1 12 57 69.

 

Interview: Sabine Rempe

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Roßtal