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Dienstag, 04.08.2020

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Alles unter Kontrolle

Ingrid Christies Köpfe in der Galerie in der Promenade - 02.08.2008

Beklemmend: Die qualvoll entstellte Kreatur einer schonungslosen Künstlerin. © Thomas Scherer


Das beginnt schon bei der Natur. In einer Fotocollage lässt die englische Künstlerin eine Kuh auf grüner Weide grasen. Doch die Kuh besteht nur aus ihrem Umriss. Ihr Körper wird ausgefüllt von einer Fotografie, die den Blick in ein kahles Labor zeigt. Eine Anspielung auf die Gentechnik? Es fällt auf, dass Christie in vielen Collagen Laboreinrichtungen und auch Computerinnereien verarbeitet.

Der Kontrollzwang macht auch vor dem Menschen nicht Halt. Ihre Arbeit «Experiment No. 1» zeigt in einem sterilen Raum, bestrahlt von kaltem Licht, ein Kopffragment, aus dessen Schädeldecke sich Kabel und Schläuche irgendwelcher Apparaturen schlängeln. All das lässt Assoziationen an Folter, Gehirnwäsche und andere Torturen aufkommen. Ein Auge zieht den Blick des Betrachters ins Bild, fast wie eine Bitte um Mitleid.

In der Ausstellung blicken einen immer wieder diese Augen an, meistens einzeln und als Fotocollagen. In einer Serie von vier Arbeiten in Öl auf Leinwand sprechen sie zum Betrachter und fordern ihn auf, genau hinzusehen. Auf schwarzem Hintergrund hat Ingrid Christie gekrümmte Gestalten dargestellt. Dabei arbeitet sie sehr flächig, mit trockenem Pinselstrich.

Die starren Augen in Collagetechnik wirken wie ein Hilferuf. Genauso beklemmend sind auch die immer wieder auftauchenden aufgerissenen Münder. Die Künstlerin hat sie manchmal mit breitem Strich übermalt und damit fast geknebelt. Christie geht Fragen nach Identität, Absurdität und Verlorensein nach. Wer sind wir? Dieses Thema scheint sie auch in einer Serie von Strichzeichnungen zu untersuchen. Verschiedene Figuren und Köpfe sind allesamt aus fahrigen, sparsam gesetzten Linien zusammengefügt. Christie ist Dozentin für Zeichnen nach dem lebenden Modell an der Universität von Central Lancashire. Manchmal kann der Betrachter ihre gezeichneten Gestalten nur erraten. Eine Folge, die - wie vor allem auch die Arbeiten in Öl - von hoher künstlerischer Qualität ist, einen aber mit einem unbehaglichen Gefühl zurücklässt. Denn die Künstlerin gibt keine Antworten, sie stellt nur unangenehme Fragen.

MARION REINHARDT

Ingrid Christie «Smart cookies - Kluge Köpfe» noch bis 10. Oktober, Galerie in der Promenade, Königswarterstraße 62, Öffnungszeiten: Montag, Mittwoch, Freitag, von 10 bis 17 Uhr oder nach Vereinbarung (Tel. 70 66 60).

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