Montag, 11.11.2019

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Anekdoten der Heimat- und Heino-Schützer

Die Geschichte der Stadtpolizei nach dem Krieg beleuchtet ein neu erschienenes Buch - 22.08.2011 16:00 Uhr

Im Kriminalmuseum trug Autor Bernd Jesussek (rechts) Auszüge aus dem Buch vor. Gebannt lauschte Wilfried Dietz, Leiter a. D. der Polizeidirektion Fürth. © Michael Müller


Horst Sondershaus, der es bei den Schutzleuten vom Aushilfsangestellten bis zum Polizeiamtsrat brachte, war ein Anekdotensammler. Zum Glück für alle lokalhistorisch Interessierten übergab er seine Aufzeichnungen an Bernd Jesussek, dessen Vater seinerzeit ebenfalls Polizist war. Auf Basis der Sondershaus-Notate hat Jesussek Junior das Buch „Fürther Stadtpolizei — Erinnerungen 1945 bis 1974“ (Städtebilder-Verlag, 96 Seiten, 19,90 Euro) verfasst. Angereichert hat der Autor sein Werk mit dem, was weitere Zeitzeugen ihm berichteten, was er in Archiven fand und das Kriminalmuseum im Rathaus hergab. So entstand ein Buch voller menschlich anrührender Rückblicke.

Die Männer bekamen blau gefärbte Uniformjacken der Wehrmacht und graue Hosen verpasst. Dazu trugen sie zunächst Armbinden mit der Aufschrift „Hilfspolizist“. Die Amerikaner hatten sie von der Straße weg rekrutiert, weil es nach dem Krieg keine intakten Strukturen mehr gab. Eine Ausbildung erhielten sie nicht. Sondershaus und seine Kollegen wurden einfach ins kalte Wasser geworfen.

Mit Kissen auf Streife

Die Zuhörer der Lesung, mit der Jesussek im Kriminalmuseum das Buch vorstellte, amüsierten sich über die Schilderung, wie man gemeinsam mit den Amerikanern von der Militärpolizei Streife fuhr — die MP vorne, der deutsche Begleiter hinten auf einer Kiste. Weil die hart war, nahm man sich ein Kissen mit. Da gab es miesgelaunte Amis, aber auch nette wie jene, die Sondershaus mit zu einer Hochzeit nach Erlangen nahmen und dann rasend schnell zu einem Unfall nach Fürth zurückbrausten — um hinterher weiterzufeiern. Die Zeit war geprägt von Unsicherheit, Zigarettenhandel — auch Sondershaus organisierte amerikanische Glimmstängel für seine Kollegen – und munterem Schwarzmarkttreiben. Lebensmittel waren kurz nach dem Krieg ebenso knapp wie Brennmaterialien.

Das Buch berichtet von Schwarzschlachtungen, Hamsterei und anderen zeittypischen „Untaten“. Jesussek trug vor, wie die Polizisten in der Friedenstraße am Friedhof eine Mülldeponie der Amerikaner bewachen mussten, damit die Anwohner sich nicht mit Holz, Pappe und Konserven aus US-Beständen versorgten. Offizieller Grund: Die Konserven waren abgelaufen und konnten die Gesundheit gefährden. Doch wen kümmern Haltbarkeitsdaten, wenn man Hunger hat? Die Schutzleute saßen buchstäblich zwischen den Stühlen; sahen sie Amerikaner, verscheuchten sie die Anwohner, war die Luft rein, drehten sie sich diskret um.

Und dann waren da die Damen, die sich vor allem in der Gustavstraße herumtrieben und Kontakt zu den GIs suchten. In den Kneipen wie etwa dem Gelben Löwen ging es hoch her, es gab Örtlichkeiten, die für Deutsche verboten waren. Verhafteten die deutschen Polizisten eines der leichten Mädchen, kam es vor, dass Amerikaner die Wache stürmten, um sie zu „befreien“. Die Schichten waren lang und ereignisreich.

Später dann, 1966, riefen die Fürther Nachrichten die Aktion „Freundlichster Polizist gesucht“ ins Leben. 1972 kam Willy Brandt in die Grundig-Halle und musste geschützt werden. Kurz darauf erhielt Heino bei einem Konzert Morddrohungen und löste einen Großeinsatz aus. Eine neue Generation war am Ruder, als 1974 die Fürther Polizei verstaatlicht wurde. Das Kleeblatt auf dem Ärmelaufnäher wich dem Emblem mit den Bayern-Löwen.

CLAUDIA SCHULLER

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