Angebot für Trauernde: Trost am Stammtisch

12.3.2019, 21:00 Uhr
Die Teddys als Grabschmuck zeugen vom Verlust eines Kindes. Besonders hart trifft das die Angehörigen. Da ist es gut, wenn sie von Menschen unterstützt werden, die das Gefühl der Verlorenheit kennen.

© Foto: Nestor Bachmann/dpa Die Teddys als Grabschmuck zeugen vom Verlust eines Kindes. Besonders hart trifft das die Angehörigen. Da ist es gut, wenn sie von Menschen unterstützt werden, die das Gefühl der Verlorenheit kennen.

Vor einem Jahr hat sich der Stammtisch Trauernder etabliert. "Trauergruppen und Therapiekreise gibt es schon genug. Was fehlt, sind niederschwellige Angebote, die Angehörigen von Verstorbenen ganz normal helfen", sagt Alexander Diehl. Der Sozialpädagoge ist beim Fürther Bestattungsunternehmen Burger zuständig für neue Wege der Trauerbegleitung. Er hat das Projekt bei seinen Trauergesprächen angestoßen und betreut es auch.

Nur gelegentlich gibt er allerdings noch Impulse, indem er Themen wie den Suizid anspricht. Denn der Stammtisch hat längst seine eigene Dynamik. Mangel an Gesprächsstoff gibt es nicht. Die Teilnehmer kennen sich inzwischen und die Probleme, mit denen jeder kämpft. Sie unterstützen sich, wenn nötig, auch im Alltag. Etwa bei Krankheit, Reparaturen im Haushalt oder Umzügen.

"Weihnachten musste niemand allein feiern. Silvester auch nicht", berichtet eine Mutter, die ihren Sohn verloren hat. Regelmäßig verabrede man sich für familienfreundliche Unternehmungen. Das könne ein Besuch im Tiergarten sein, ein Grillausflug oder ein Restaurantbesuch. Es ist gerade dieser gesellschaftliche Normalzustand, den die Teilnehmer schätzen. Denn viele haben es erfahren müssen, wie schnell sicher geglaubte soziale Kontakte nach dem Todesfall brüchig geworden sind.

"Viele Menschen wissen nicht, wie sie mit Trauernden in so einer Situation umgehen sollen und reagieren im Gespräch mit wenig hilfreichen Floskeln", sagt Diehl. Am Trauerstammtisch haben solche Allerweltsplätze nicht verloren. Hier wird schon mal Tacheles geredet, aber auch viel gelacht. Eine Art Tagebuch, in dem die Teilnehmer persönliche Eindrücke festhalten, spiegelt das kontrastreich wider. Ein Poesiealbum sieht anders aus.

Henriette mahnt

Wem es im Stammtischgespräch zu nervig wird, weil eine Schmerzgrenze überschritten wird, kann "Henriette" in die Runde schmeißen, ein kleines Plüschküken, das den anderen bedeutet: Themenwechsel. Zum Erste-Hilfe-Set der Runde gehört auch ein hübsch dekorierter Schuhkarton mitten auf dem Tisch. Gefüllt mit allerlei putzigen Dingen und Süßigkeiten. Im Notfall darf man hineingreifen, um sich oder einem Tischgenossen eine kleine Freude zu machen.

Mehr noch als das sind es jedoch herzliche Gesten und launige Bemerkungen, die am Stammtisch neue Perspektiven eröffnen. Ehrliche Wohlfühlatmosphäre für Menschen, die Schicksalsschläge verarbeiten, ist es, die den Stammtisch von Trauerarbeitskreisen unterscheidet. "Ich möchte mich nicht jedesmal bei Treffen neu vorstellen müssen", erläutert eine Teilnehmerin, weshalb sie lieber zum Stammtisch geht als in eine Therapiegruppe.

Auch Tränen fließen gelegentlich

Es wird viel gelacht am Stammtisch. Doch auch Tränen fließen gelegentlich. "Es kommt nicht darauf an, wer wen verloren hat, sondern auf den Umgang mit der Trauer", sagt Diehl. Der Stammtisch Gleichgesinnter trage zum Abbau von Vorbehalten bei. Das Gefühl, dazuzugehören, stelle sich rasch ein. Die Teilnehmer kommen aus der Stadt und dem Landkreis, aber auch aus der weiteren Umgebung. Es gibt keinen Zwang zur Anwesenheit. Neue sind in der Runde jederzeit willkommen. Es muss sich nicht einmal um Kunden des Bestattungsinstituts Burger handeln.

Den Kontakt vermittelt Alexander Diehl. Er wünscht sich, dass das Beispiel Schule macht und auch andernorts Trauerstammtische entstehen. Auch ein gemeinsamer Urlaub wäre in den Augen des Sozialpädagogen eine tolle Sache. Doch das übersteigt seine Möglichkeiten. Schließlich kann er sich für das kostenlose Angebot im Rahmen seiner Berufstätigkeit nur begrenzt engagieren. Ganz uneigennützig ist er freilich nicht am Werk, denn der Stammtisch gehört zu den sogenannten Soft Skills, den sozialen Kompetenzen, die dem Unternehmen Sympathiepunkte einbringen. Ausdruck dafür sind die von Stammtischteilnehmern liebevoll dekorierten Schaufenster der Trauerhalle in der Schwabacher Straße. Und einen Flyer mit praxiserprobten Vorschlägen Betroffener für den Umgang mit Trauernden hat die Stammtischrunde ebenfalls erstellt.

Nähere Information zum Trauerstammtisch bei Alexander Diehl unter Telefon (09 11) 7 41 99 43

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