Stolpersteine

Antisemitismus: Fürth sucht nach sinnvollen Gegenmaßnahmen

20.6.2021, 16:00 Uhr
Ein Gedenkstein vor dem ehemaligen Haus der Familie Höchster in der Maxstraße 5 erinnert an deren Schicksal. 1942 wurde sie nach Polen deportiert und dort ermordet.

Ein Gedenkstein vor dem ehemaligen Haus der Familie Höchster in der Maxstraße 5 erinnert an deren Schicksal. 1942 wurde sie nach Polen deportiert und dort ermordet. © Foto: Wolfgang Händel

Fürth soll ein klares Zeichen gegen Antisemitismus setzen: „Wir fordern die Errichtung individueller Gedenkstätten an den ehemaligen Wohnhäusern von Opfern des Holocaust. Dies könnte beispielsweise in Form von so genannten Stolpersteinen oder Gedenktafeln geschehen", heißt es in einer Erklärung der Jungen Union Fürth.

Begründet wird das "mit alarmierenden antisemitischen Vorfällen weltweit". So sei in New York ein israelischer Jude krankenhausreif geschlagen worden. In manchen Ländern des Nahen Ostens werde mit antisemitischen Sprechchören gegen Israel Stimmung gemacht.

"Auch in Deutschland sieht man Menschen, die den Konflikt im Gazastreifen für antisemitische Äußerungen missbrauchen", so der JU-Vorsitzende Michael Hofmann. Das sei gerade hierzulande weder menschlich, noch gesellschaftlich zu akzeptieren.

In Stolpersteinen oder Gedenktafeln sieht er ein gutes Mittel, die lokale Geschichte aufzuarbeiten, Menschen für Antisemitismus zu sensibilisieren und zu betonen, wie wichtig eine offene, tolerante Gesellschaft ist.

Helfen Stolpersteine?

Bei Daniela Eisenstein, Leiterin des Jüdischen Museums in Fürth, stößt das Engagement auf großes Wohlwollen. "Ich verstehe, dass die Leute etwas tun möchten und begrüße das sehr." Allerdings hält sie es nicht für den richtigen Weg, reflexartig nach Stolpersteinen zu rufen.

Damit bezeichnet man kleine Messingtafeln, die in den Boden vor Häusern ehemaliger jüdischer Mitbürger eingelassen werden. Ihre Inschrift erinnert an die Deportation oder Ermordung dieser Menschen in der NS-Zeit. Mit solchen Steinen allein habe man den Antisemitismus noch lange nicht bekämpft, so Eisenstein.


Akribische Arbeit: Das Gedächtnis des Fürther Judentums


Viel wichtiger findet sie nachhaltige Aktionen, die etwas vom jüdischen Leben heute vermitteln, Möglichkeiten zur Begegnung bieten und vor allem junge Menschen erreichen. "Wer will, kann mit uns gerne ins Gespräch kommen, damit wir darüber nachdenken, wie man kluge, durchdachte Projekte ins Leben ruft, die zum Diskurs anregen."

Zur Erinnerung: Der Ältestenrat in Fürth hat sich vor Jahren gegen "Stolpersteine" ausgesprochen, viele anderen Kommunen aber machen mit ihnen auf die Gräueltaten der Nationalsozialisten aufmerksam. In Nürnberg zum Beispiel wurden seit 2004 112 Stolpersteine verlegt, erst kürzlich kamen 17 neue dazu.

Doch die Leiterin des Jüdischen Museums sieht im Bezug auf Fürth keine Defizite bei der Erinnerungskultur. Im Gegenteil: "Es ist klasse, was die Stadt hier macht – sehr vielfältig", sagt Eisenstein.

So hat man vor einigen Wohnhäusern Metallplatten in den Boden eingelassen. Diese erinnern an frühere Bewohner, die während der Nazi-Herrschaft verfolgt und umgebracht wurden. Die Tafeln werden aber nur angebracht, wenn die Nachfahren es ausdrücklich wünschen.


Nie wieder Auschwitz!


Eine Plakette befindet sich in der Maxstraße 5. Darauf sind die Lebensdaten von Mitgliedern der Familie Höchster verewigt, die am 24. März 1942 nach Izbica in Polen deportiert und dort getötet wurden. Zwei weitere gibt es in der Königswarterstraße 64 und am Marktplatz 10.

Sie sind dem Andenken von Angehörigen der Familie Mandel gewidmet. "Für die Nachfahren ist das oft sehr wichtig, sie haben das dringende Bedürfnis, Trauerarbeit zu leisten. Aber oft gibt es keine Gräber", sagt Eisenstein.

Nicht immer sind es Angehörige, die sich eine Gedenktafel wünschten. Stadtsprecherin Susanne Kramer berichtet von einem berührenden Fall: Eine 96-jährige Fürtherin erinnerte sich noch lebhaft an den Rabbiner Leo Breslauer, der im Haus Theaterstraße 54 lebte. "Überaus freundlich" sei sie von ihm behandelt worden. Die Seniorin war damals zwölf Jahre alt und zu Besuch bei ihren Großeltern, denen das Haus gehörte.

Zwei Jahre später hörte sie die erschütternde Nachricht, dass die Nazis Breslauer mitten in der Nacht aus der Wohnung geholt hatten, nur mit einem Nachthemd bekleidet. Das hat sie nie wieder losgelassen. Nun, im hohen Alter, wollte die Zeitzeugin dem misshandelten Rabbi ein Denkmal setzen – eine Tafel für ihn wurde vergangenes Jahr angebracht.

Erinnerung an Pogromnacht

Neben besagten Inschriften und dem zentralen Synagogendenkmal in der Geleitsgasse wurden in Fürth auch "Orte des Gedenkens und der Erinnerung" geschaffen. Sie gehen auf Stationen zurück, die die Kuratorin des Jüdischen Museums, Monika Berthold-Hilpert, zum Thema jüdisches Leben in Fürth zusammengestellt hat und die auch bei Stadtführungen oft angesteuert werden.

An der Fürther Freiheit etwa wird an die Pogromnacht vom 9. November 1938 erinnert, als jüdische Frauen, Kinder, Männer aus ihren Häusern getrieben, gedemütigt, geschlagen und zum Teil deportiert wurden. Am Rathaus wird die "Arisierung" jüdischen Besitzes thematisiert, bei deren Umsetzung die damalige Stadtverwaltung beteiligt war.

Eine besonders eindrucksvolle Säule des Gedenkens bildet eine Liste, die die ehemalige Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde in Fürth, Gisela Naomi Blume, zusammengestellt hat und die man unter www.juedische-fuerther.de aufrufen kann. Sie enthält Daten aller jüdischen NS-Opfer aus der Kleeblattstadt: wo sie lebten, wer ihre Eltern, Partner und Kinder waren und wo sie gewaltsam zu Tode kamen. Aus Namen und Zahlen werden Schicksale.

2 Kommentare