Team fordert eine Strategie

Appell des Frauenhauses: "Zwei getötete Frauen in Fürth sind genug"

Claudia Ziob
Claudia Ziob

Lokalredaktion Fürth

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14.9.2022, 09:30 Uhr
Am 4. September eskalierte ein Streit in einem Haus in der Rosenstraße. Der Ehemann selbst rief schließlich den Notruf, die Polizei fand die Frau leblos vor.

© NEWS5 / Oßwald Am 4. September eskalierte ein Streit in einem Haus in der Rosenstraße. Der Ehemann selbst rief schließlich den Notruf, die Polizei fand die Frau leblos vor.

Der Appell beginnt mit einer Aufreihung von Zahlen: Im Jahr 2020 registrierte das Bundeskriminalamt (BKA) in Deutschland rund 146.000 Fälle von Gewalt in Partnerschaften. Die Fallzahlen steigen seit Jahren, die Dunkelziffer liegt noch höher. 80 Prozent der Opfer waren Frauen, fast 80 Prozent der Tatverdächtigen Männer.

139 Frauen starben 2020 dabei, schreibt das Team des Fürther Frauenhauses in einer eindringlich verfassten Pressemitteilung – wenige Tage nachdem eine 36-Jährige in einer Wohnung in der Rosenstraße ihr Leben verlor. Der Ehemann gilt als dringend tatverdächtig. Tief betroffen sei man von dem zweiten Fall eines solchen Tötungsdelikts in kurzer Zeit.

Die oben genannten Zahlen scheinen weit weg, heißt es weiter. „Wenn zweimal in weniger als neun Monaten in Fürth derartige Straftaten in der Nachbarschaft passieren, werden wir jedoch eingeholt von der schockierenden Realität.“ Im Dezember war in Burgfarrnbach eine Frau, ebenfalls 36 Jahre alt, mit Stichverletzungen aufgefunden worden; sie erlag wenig später im Krankenhaus ihren schweren Verletzungen. Oper und Täter sollen sich gekannt haben, der 44-jährige Tatverdächtige sitzt in Untersuchungshaft.

„Zwei getötete Frauen sind genug!“, betonen Vorstand, Geschäftsführung und Beschäftigte des Frauenhauses. Die beiden zerstörten Frauenleben in Fürth „sollten Grund genug sein, dass wir alle dieses Problem als ein gesamtgesellschaftliches begreifen und entsprechend handeln!“ Es brauche mehr Präventionsangebote zu häuslicher und sexualisierter Gewalt, mehr Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit.

Kinder früh sensibilisieren

So sei es zum einen wichtig, Kinder und Jugendliche früh für das Thema zu sensibilisieren. Denn die Ursachen von häuslicher Gewalt seien komplex. Gewalterlebnisse in der Kindheit, das zeigen Studien, können bei den Betroffenen zu einer Aggressionsspirale führen.

Deshalb müssten Präventionsangebote konsequent in Kitas, Schulen, Jugendhäusern und weiterführenden Bildungseinrichtungen angeboten werden, fordert Regina Vogt-Heeren, Vorsitzende des Trägervereins des Frauenhauses, sowohl für die Kinder und Jugendlichen als auch für die Fachkräfte und Eltern. Damit es gelingt, früh Strukturen zu verändern.

Zum anderen spiele die Nachbarschaft eine entscheidende Rolle. Weil Nachbarn oft etwas mitbekommen, sich aber scheuen, die Polizei zu rufen, hatte nach dem Verbrechen in der Rosenstraße bereits Präventionsbeamtin Annegret Steiger von der Kripo an die Bürgerinnen und Bürger appelliert, nicht wegzuschauen.

Oft habe das Opfer in einem eskalierenden Streit selbst keine Möglichkeit, den Notruf zu wählen. Wenn sich etwas nach einer gewaltsamen Auseinandersetzung anhört, wenn man Hilfeschreie hört: „Bitte nicht weghören und sagen, das ist eine Privatangelegenheit“, sagt Steiger. „Es ist die oberste Pflicht, da zu helfen.“ So schnell wie möglich solle man den Notruf wählen, damit die Polizei nach dem Rechten sehen kann.

Die wichtige Rolle der Nachbarn

Nicht wegschauen – darum bittet auch das Frauenhaus. Es verweist auf das bundesweite Konzept StoP (Stadtteil ohne Partnergewalt), das am Wohnort ansetzt: Sozialarbeiter informieren und schulen dabei in ausgewählten Stadtteilen die Bewohnerinnen und Bewohner zu den Hintergründen und Anzeichen häuslicher Gewalt.

Dieses Konzept, das bereits in einigen deutschen Großstädten erfolgreich umgesetzt werde, strebt auch das Fürther Frauenhaus an: „Wie wollen und müssen das Thema in die Mitte der Gesellschaft holen! Damit niemand in der Nachbarschaft den Fernseher lauter dreht, wenn er oder sie Schreie hört, sondern sich kümmert und die Polizei ruft!“

Lokale soziale Netze werden so zum „(Über-)Lebensmittel“. Daneben brauche es mehr Plätze in Frauenhäusern, eine bessere Finanzierung – und mehr bezahlbaren Wohnraum, damit Frauen in angemessener Zeit die Frauenhäuser auch wieder verlassen können.

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