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Auszeichnung für Gerhard Roth

Österreichischer Autor erhält im April den Fürther Jakob-Wassermann-Preis - 22.12.2011 10:02 Uhr

Mit den Schattenseiten der Geschichte, menschlichen Tragödien, beschäftigt sich der österreichische Schriftsteller Gerhard Roth. © Isolde Ohlbaum


In seiner gestrigen Jahresabschluss-Sitzung ist der Stadtrat der Empfehlung des Kuratoriums zur Auszeichnung Roths gefolgt. Die Nachricht war für den Schriftsteller eine unerwartete Freude. Derzeit ist er allerdings durch einen Beinbruch etwas behindert. Bis zur Preisverleihung am 22. April dürfte dieser jedoch wieder verheilt sein. Der Jakob-Wassermann-Literaturpreis ist eine Auszeichnung, die von Fürth als Geburtsstadt Jakob Wassermann in Erinnerung an den großen jüdischen Schriftsteller (1873—1934) gestiftet wurde und seit 1996 verliehen wird. Nach Edgar Hilsenrath, Hilde Domin, Dagmar Nick, Sten Nadolny, Uwe Timm, Robert Schindel, Roberto Schopflocher und Feridun Zaimoglu wird Roth der neunte Preisträger Bis 2002 wurde der Preis alle drei Jahre vergeben, danach (mit Ausnahme 2007) alle zwei Jahre.

„Die Erinnerung ist eine Fata Morgana in der Wüste des Vergessens.“ Dieser Satz stammt von dem Österreicher, der sich intensiv dem Erinnern gewidmet hat. Mit seinem umfangreichen Werk schuf Roth einen literarischen Gegenentwurf zur offiziellen Geschichte Österreichs. Dabei widmete er sich insbesondere dem Verdrängten und Verschwiegenen.

Was das Kuratorium beeindruckte, war die Tatsache, dass Roth die NS-Barbarei als Fratze der Menschheit und Österreich als ein Zentrum der Menschheitskatastrophe im 20. Jahrhundert aufgezeigt hat, dass er Mitläufer, Täter, Wahnsinnige erforschte und den Opfern des Nationalsozialismus eine Stimme gab. Seine zwischen 1980 und 1991 erschienenen sieben Bände „Die Archive des Schweigens“ führen, so das Kuratorium zur Begründung der Entscheidung, an Abgründe der Seele, zu den Wurzeln des Bösen, des Unmenschlichen, das in Auschwitz mündete.

Roths Schreiben sei eine Suchbewegung, heißt es in der Begründung weiter. Damit folge es den Anliegen von Jakob Wassermann: Wahrhaftigkeit und Humanität. Die Bücher des Österreichers seien ebenso tiefgründige wie anrührende Befunde im Dienste von Erinnerung und Erkenntnis.

Im achtbändigen Zyklus „Orkus“ erzählt Roth seit 1995 vom Leben als Schriftsteller und schreibt österreichische Zeitgeschichte bis in die Gegenwart fort. Neben Peter Handke und Elfriede Jelinek gehört er zu Österreichs großen Romanciers der Gegenwart.

Literatur statt Medizin

Eigentlich wollte der gebürtige Grazer wie sein Vater Medizin studieren. Doch die Literatur faszinierte ihn bald mehr als die Physik des menschlichen Körpers. So brach er sein Studium ab und schlug sich zunächst als Programmierer in einem Rechenzentrum durchs Leben, bevor er 1976 den Schritt zum freien Schriftsteller wagte. Im selben Jahr erhielt er den Literaturpreis der Steiermark. Es folgten der Alfred-Döblin-Preis, der Literaturpreis der Stadt Wien, der Marie-Luise Kaschnitz-Preis, der Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz im Denken und Handeln und der Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch.

Die Fürther Auszeichnung wird erstmals im Rahmen der neuen, zehntägigen Veranstaltungsreihe „Lesen!“ verliehen, die – wie berichtet – nach dem Ausstieg der Stadt aus den Großraum-Literaturtagen „LesArt“ etabliert worden ist. Damit rückt man auch von der bisherigen Praxis der Preisverleihung an Wassermanns Geburtstag, 10. März, ab. „Lesen!“ ist stärker auf Fürther Verhältnisse zugeschnitten und soll mit niederschwelligen Angeboten breitere Bevölkerungsschichten ansprechen.

 

Volker Dittmar

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