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Balanceakt mit Gänsehaut

„Tannöd“ als Lesung und Spiel auf Fränkisch in der Löhekirche - 08.11.2013 10:00 Uhr

Als Schwester der ermordeten Magd macht sich Christine Kubens schwere Selbstvorwürfe. Im Hintergrund sind maskierte Gestalten für das Atmosphärische zuständig.

07.11.2013 © Bartmann


Das ist der Stoff, aus dem Legenden und Literatur gedeihen: Eine ganze Familie wird auf einem Einödhof brutal ermordet; selbst die Kinder und eine erst vor wenigen Stunden zugezogene Magd werden nicht verschont. Nichts deutet auf einen Einbruch hin, dafür hat der Mörder noch tagelang mit den Toten unter einem Dach gehaust, die Speisekammer geplündert, und sogar das Vieh versorgt. Ein Raubmörder hätte längst das Weite gesucht. Der Täter müsste also aus der Nachbarschaft stammen, doch wer im Dorf ist zu so etwas fähig? Und dann gibt es noch Gerüchte um inzestuöse Verbindungen zwischen dem Bauern und seiner Tochter...


Die Bluttat von Hinterkaifeck bei Schrobenhausen liegt zwar 91 Jahre zurück, doch erhitzt sie immer noch die Gemüter. Umso mehr, als der Mörder nie ermittelt wurde, die Spekulationen ins Kraut schossen. Nun erschöpft sich die verfränkelte Version nicht unbedingt in Stoßseufzern wie "Allmächd na!" angesichts der Untat; es darf reichlich und nach Herzenslust gefränkelt werden, und so gesehen ist "Tannöd" in jedem ländlichen Milieu denkbar..


Die Regensburger Autorin Andrea Maria Schenkel griff in ihrem Debütroman „Tannöd“ auf den historischen Fall zurück, versetzte den Schauplatz unter anderem Namen in die Oberpfalz und in die Fünfziger Jahre. Ihre Mischung aus Heimatroman und Psychohorror, Dokustudie und freier Spekulation war die Krimisensation des Jahres 2006, verkaufte sich rasant und zog wie zu erwarten Adaptionen für Kino und Theater nach sich. Maya Fanke und Doris Happl dramatisierten den Roman zu einem Stück, das erst in Innsbruck, dann im Stadttheater Fürth Gänsehaut erzeugte.

Nun tritt die Version des Theaters Löhekirche mit einer überarbeiteten Version dieses Stücks an. Das Ensemble um den Spielleiter Heinz Siebenkäß versetzt das Geschehen aus der katholischen Oberpfalz ins protestantische Franken, wobei das katholische Milieu in seiner bigotten Spielart dennoch erhalten bleibt. Nun erschöpft sich die verfränkelte Version nicht unbedingt in Stoßseufzern wie "Allmächd na!" angesichts der Untat; es darf reichlich und nach Herzenslust gefränkelt werden, und so gesehen ist "Tannöd" in jedem ländlichen Milieu denkbar.
 

Blick in die Abgrüne


Doch „Tannöd“ will mehr als ein Krimi oder eine Moritat oder düsteres Bauerntheater sein, eher eine Bußpredigt und eine Innenschau in die Abgründe des Menschlichen bieten. Hierfür passt der Rahmen der Wilhelm-Löhe-Gedächtniskirche in seiner nüchternen Sakralität zur schlichten Bühne, die sich in Sekundenschnelle von der Wohnküche zum Büro oder in eine Betstube verwandelt. Sybille Just untermalt das Geschehen unaufdringlich aber unbehaglich auf der Orgel und setzt nur bei Morden grelle Akzente, während ein maskierter Chor stumm zusieht.

Darüberhinaus vollführt das Ensemble einen Balanceakt zwischen szenischer Lesung und dramatischem Agieren. Der Ablauf des Stückes bleibt gleich: jedes der sechs Mordopfer erlebt der Reihe nach seinen letzten Lebenstag, bis im Stall — also hinter der Bühne — das Verhängnis zuschlägt. Dabei schillert das Erleben dieser letzten Stunden zwischen verschiedenen Perspektiven: Das Kind (Leonie Kämpfer) sieht das Geschehen als Märchen von der „Wilden Jagd“, der machtbesessene Bauer (Jochen Fuchs) wittert einen Einbrecher oder Rivalen, die Mutter (Claudia Lindenmaier) eine Heimsuchung Gottes. Das heimliche Zentrum und der Schlüssel zur Mordtat bildet der Inzest zwischen dem Bauern Danner und seiner Tochter. Während die Mutter Passagen aus ihrem inneren Erleben vorliest, konterkariert die Tochter (Ruth Himmelstoß) ihre Sätze vom Küchentisch mit bissigen Bemerkungen — und umgekehrt.

Auch ein Hinweis auf das Dritte Reich darf nicht fehlen. Die Spekulation einer Rachetat überträgt die Autorin Schenkel vom gehörnten Ehemann, der angeblich im ersten Weltkrieg gefallen sein soll, auf den Bruder einer ausgebeuteten und vergewaltigten polnischen Fremdarbeiterin. Eine Spur, die ermittlungstechnisch zwar ins Nichts führt, dafür einen Einblick auf Ausbeutung, Vertuschung und Stillschweigen in der heilen Welt der Heimat bietet.
Und wer war es nun? Die Autorin Schenkel wie die Dramatikerinnen Fanke und Happl bieten schließlich einen Verbrecher aus Leidenschaft und zurückgewiesener Liebe an, der sich am Ende selbst richtet. Vielleicht hätte ein offenes Ende ein noch größeres Unbehagen hinterlassen.

Weitere Vorstellungen am 8. und 9. November je 20 Uhr, sowie am 10. November um 17 Uhr, und am 13. und 15. November, je 20 Uhr, in der Wilhelm-Löhe-Gedächtniskirche, Kronacher Str. 27 . Karten unter Tel. (0170)185 74 36.
 

REINHARD KALB

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