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Dienstag, 29.09.2020

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Begegnungen mit 75 vergessenen Kunstwerken

Stadt rückt ab 2009 Wandgemälde aus den Nachkriegsjahren ins Blickfeld - Neue Broschüren sind in Arbeit - 12.11.2008

Schauplatz Eigenes Heim: Die Fürther Künstler Georg Weidenbacher und Hans Langhojer schufen 1953 im Hof der Dr.-Schumacher-Straße 2-6 die Wandreliefs «Die vier Jahreszeiten» - oben der «Herbst», unten der «Winter».

© Scherer


75 Objekte haben sie gefunden, fotografiert und akribisch dokumentiert, 75 Blickfänge, an denen beinah jeder anno 2008 achtlos vorüberläuft - aber nicht sie: Die drei Ruheständler Bernd Kaag, Gerhard Ritter und Wilfried Höfler machten sich auf die Socken, nachdem sie im Herbst vorigen Jahres in der Zeitung erfahren mussten, was ihrer Meinung nach nicht sein darf: In der Leyher Straße verschwand bei Sanierungsarbeiten ein Wandgemälde aus der Nachkriegszeit.

Idyllen des Aufbruchs

«Die Frage stellt sich für uns, welchen Stellenwert nimmt die Kunst im öffentlichen Leben ein? Darf Kunst so leicht vergessen werden?» Das Trio gründete einen Arbeitskreis - und stieß auf Schätze in ungeahnter Menge. Die «Jagdgründe»: größtenteils Eigenes Heim, Hardhöhe, Südstadt. Meist handelt es sich um Wandgemälde und -reliefs, zuzuordnen jener so genannten «Nachkriegskunst», die Szenen vom Wiederaufbau zeigt; Männer, Frauen, Kinder, die kräftig anpacken, Idyllen des Aufbruchs nach Jahren des Zusammenbruchs. Die Baugenossenschaften zeigten sich seinerzeit spendabel und ließen namhafte Fürther Künstler wie Georg Weidenbacher, Gudrun Kunstmann und Hans Langhojer ran an den Bau.

«Vier Jahreszeiten» ist etwa der Titel der beiden Wandgemälde-Paare, die Langhojer und Weidenbacher 1953 gemeinsam im Innenhof des Ensembles Dr.-Schumacher-Straße 2-6 im Eigenen Heim schufen. Dort überreichten gestern die Mitglieder des Arbeitskreises ihre Dokumentenmappe an einen gründlich verblüfften Oberbürgermeister. «Da haben Sie ja großartige Pionierarbeit geleistet!», befand Thomas Jung. Der Denkanstoß der drei umtriebigen Herren komme zur rechten Zeit, da im Zuge großflächiger Renovierungs- und Wärmedämmungsmaßnahmen der Baugesellschaften das schrittweise Verschwinden dieser Kunstwerke drohe.

Ralph Roeder, Leiter des städtischen Amtes für Gebäudewirtschaft: «Es handelt hier sich um ein Stück Nachkriegsbaugeschichte. Ein Riesenverdienst, dass der Arbeitskreis dieses Thema ins Bewusstsein gerückt hat.» Die Stadt werde nun das Landesamt für Denkmalpflege kontaktieren; bescheinige diese Behörde den öffentlichen Fürther Kunstwerken Denkmalqualität, dann seien Sanierer in Zukunft zu ihrem Erhalt verpflichtet. Putz drüber und fertig, wie mancherorts bereits geschehen - das ginge dann nicht mehr. Jung: «Wir werden nicht jedes einzelne Werk retten können. Aber keines wird mehr einfach so verschwinden.»

Die Dokumentation des Arbeitskreises will die Stadt zum Anlass nehmen, das Augenmerk der Fürther auf ihre vergessenen Kunstwerke zu richten. Jung zufolge soll im kommenden Jahr eine Broschüre herauskommen, auch Führungen durch jeweils ein Stadtviertel zu ausgewählten Objekten seien vorstellbar.

Matthias Boll

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