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Mittwoch, 28.10.2020

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Das Spiel des Lebens

Infernalischer Fürther Auftakt des 18. internationalen Figurentheater-Festivals - 06.05.2013 12:30 Uhr

Auflösungserscheinungen: Iris Meinhardt macht bei „R.O.O.M“ Wandlungen durch. Die Realität verliert ihre Sicherheit, der Raum gerät ins Wanken.

© Veranstalter


Szenen aus dem echten Leben: Der eine versauert vor dem Fernseher, der andere stieren Blickes auf dem Balkon. Der eine scheffelt Geld, die andere schuftet sich zu Tode. Und wieder andere wissen nichts mehr mit ihrem Leben anzufangen. Am Ende aber sind sie alle tot.

„Clown’s Houses“ heißt der tiefschwarze Fünf-Akter des Merlin Puppet Theaters. Zu jedem Akt deklamiert ein unsichtbarer Sprecher mit Grabesstimme einen englischen Prolog, als wäre es von Shakespeare. Was dann folgt, hat zwar nicht die Wucht eines Königsdramas, dafür den Wahnwitz des Learschen Irrsinns.

Wir erhalten Einblick in die schummrigen Stuben eines Hauses, dessen Bewohner mit melancholischen Hängebacken und trübsinnigem Dackelblick ihr Leben in der Warteschleife vor der Endstation Friedhof fristen. Diese Bewohner sind Tischpuppen, im Hintergrund bewegt durch die Puppenspieler Demy Papada und Dimitris Stamou. Die Spieler sind aus optisch-technischen Gründen in schwarze Gewänder und Kapuzen gehüllt, was ihrem Aussehen den Habitus von Henkern verleiht.

Wo aber findet das wahre Leben statt? Hier nicht, sondern woanders. Im Fernsehen, im Hintergrund, an der Börse, oder nur akustisch. Gerade aus dem Kontrast zwischen statischer Puppenmimik und turbulenter Geräuschkulisse schlägt das Merlin Puppet Theater seine Funken. Da sehen wir zwar nicht, was im Fernseher läuft, können es allerdings anhand der Tonspur und dem Verhalten des Zuschauers erraten. Da kontrastiert der stiere Blick des Opas mit dem chaotischen Familienzwist im Hintergrund, den wir als Schattentheater verfolgen — oder sind dies die Erinnerungen der Figur?

Am Ende befällt jeden Akteur ein Moment der Erkenntnis — versinnbildlicht durch blaues Licht und Glockenspielmelodie —, damit zugleich entwickeln die Gegenstände ein mörderisches Eigenleben. Der Fernseher bringt den Kopf des Konsumenten zur Explosion, der Staubsauger verwandelt sich in einen elektrischen Stuhl, die Geldpakete schwirren davon, und die Mondsichel verwandelt sich zur Guillotine. Selbst den Außenseitern auf dem Dach, ein traurigromantisches Paar wie die „Liebenden vom Pont Neuf“, ist kein Happy End beschert.

Zuvor durfte das Publikum über die Bedeutung des „R.O.O.M.“ rätseln. Room bedeutet Raum, steht als Abkürzung aber auch für „Re Organisation of Material“, so sagt es jedenfalls das Ensemble Meinhardt & Krauss aus Stuttgart. Szene: ein quadratischer Raum, mit der Ecke zum Publikum. Ein Tisch, ein Stuhl, eine Frau, eine Gliederpuppe. Die Wände bestehen aus Leinwand, auf denen vielfältige schwarzweiße Projektionen von Michael Krauss stattfinden. Aus der Dunkelheit ins Licht; erst Türen und Fenster, dann wechselnde Landschaften. Der Raum erfährt Verwandlung, Zerstörung und Neuerschaffung, mal brennen die Wände nieder, mal fällt Schnee und füllt die dunkle Kammer mit Licht. Unvermittelt öffnen sich Luken, alles droht in seine Bestandteile zu zerfallen, am Ende dreht sich alles im Kreis. Auch die Frau (Iris Meinhardt) macht Wandlungen durch: Sie erkundet den Raum, spielt mit der Gliederpuppe, öffnet Türen und Fenster — ohne den Raum zu verlassen —, wirft Tisch und Stuhl von sich und guckt ratlos in die Gegend.

Das Ganze begleitet eine mal versponnene, mal sehr dynamische Musik (von Thorsten Meinhardt) und gelegentlich ein Kommentar, der allerdings nur verrät, was wir eh schon sehen. Mag sich so ein Demenzkranker fühlen, der sich im Pflegeheim nicht mehr zurechtfindet, dafür von Erinnerungen aus verschiedensten Zeitebenen heimgesucht wird? Befinden wir uns in einem Zwischenreich zwischen Diesseits und Jenseits, in dem wir Bilanz ziehen?

Die Orte mögen zwar wechseln, doch stets bleiben wir im Gehäuse unserer Persönlichkeit eingesperrt. Das Leben ist eine Gefangenschaft, bei Merlin wie bei Meinhardt & Krauss.

Alles andere als anheimelnd ist die Begegnung mit der Glücksgöttin in den Carmina Burana. Die Münchner Puppen laufen gleichwohl zur Hochform auf.


Und am Grill singt der Schwan sein Lied dazu... Im ausverkauften Kulturforum eröffnete das Münchner Marionettentheater mit seiner Version der Carmina Burana nach Carl Orffs Chorwerk das Festival in Fürth. Ein üppiger Ausflug in die Lust am Banalen.

Oh, Fortuna. In deine Arme möchte man wahrlich nicht sinken. Dafür ist der Panzer, der deine Brüste bedeckt viel zu spitz. Das Tuch, mit dem du deine blinden Augen verhüllt hast, leuchtet blutrot — aber hindert das die prächtig bekleidete Königs-Puppe daran, gierig in dein Füllhorn zu greifen? Selbstverständlich nicht.

In der kleinen Guckkastenbühne hat zusammengefunden, was unerhört perfekt zueinander passt: Carl Orffs Knüller von einem Chorwerk und die Puppenwelt des Münchner Marionettentheaters. Die Lieder, aus denen der Komponist sein Pseudo-Mittelalter baute, werden zu geschmeidig passenden Szenen gefügt, die ohne Scheu geschätzte Allgemeinplätze ansteuern und einer charmant simplen Philosophie huldigen. Da haben wir also Fortuna, dieses Biest, das sich Glück nennt. Die Inszenierung der Münchner taucht mit lebensgroßen Figuren ein, in die Welt, die Orffs Super-Hit wohl heraufbeschwören wollte. Die Glücksgöttin teilt aus, der Mensch steckt ein und lässt sich beuteln. Ein Gefühl, das fürs Publikum akustisch nachvollzogen werden kann. Die Ton-Aufnahme von 1990 scheppert im Kulturforum lautstark, aber nicht erfreulich in die Gehörgänge. Dafür gelingt es hübsch anschaulich und geschickt, in rund neunzig Minuten einen Blick auf mehrere Puppenspiel-Genres zu erlauben: Marionetten lassen sich von ihren Spielern vor die Bühne führen, Stabpuppen erscheinen als Schattenriss und dazu gesellen sich die großen Figuren, die von bis zu zwei Helfern bewegt werden. Die menschlichen Akteure sind trotz schwarzer Kleidung inklusive Kopfbedeckung immer wieder zu erkennen.

Höhepunkte hat die Aufführung, wenn die sehr triviale Auslegung mit sanfter Ironie gebrochen wird und sei es vom Schwan, der sich am Grill dreht und seinen schwärzer werdenden Hals ein letztes Mal hebt, um seinen Senf dazuzugeben.

Oberbürgermeister Thomas Jung, der den Fürther Part des Festivals kurz eröffnete, erinnerte daran, dass man sich in der Kleeblattstadt schon seit dreißig Jahren an dem Figurentheater-Ereignis in der Metropolregion beteiligt. Er ließ anklingen, dass dieses Miteinander bei den weithin beachtete Puppen-Festspielen vor drei Jahren bedroht war und sagte voraus: „Wer die harte Spar-Zeit 2009/2010 überstanden hat, der hat eine glänzende Zukunft vor sich.“

Oh, Fortuna, das ist jetzt mal ganz zweifellos ein großes Glück.

 

Reinhard Kalb/Sabine Rempe

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