Der Bus, der niemals fährt

25.5.2010, 00:00 Uhr
Die Täuschung vor dem Heimeingang ist nahezu perfekt: ein Halteschild, ein Fahrplan, dazu eine Bank und eine gelbe Telefonzelle, die der Telekom ausgemustert und kostenlos zur Verfügung gestellt wurde.

Die Täuschung vor dem Heimeingang ist nahezu perfekt: ein Halteschild, ein Fahrplan, dazu eine Bank und eine gelbe Telefonzelle, die der Telekom ausgemustert und kostenlos zur Verfügung gestellt wurde. © Hans-Joachim Winckler

Erst kürzlich ist es wieder passiert, erzählt Sonja Zill. Die dunkelhaarige Frau betreibt neben dem Eingang des Fritz-Rupprecht-Heims ein Café. Aus dem Fenster beobachtete sie, wie eine – manchmal verwirrte – Bewohnerin an der Haltestelle auf einer Bank saß. Sie wartete.

Als der Bus partout nicht erschien, tippelte sie ins Café. »Wann fährt der eigentlich?« wollte die alte Dame wissen. »Der letzte ist schon weg, der kommt erst morgen wieder«, entgegnete Zill. Und als die Seniorin fragte, wie sie dann nach Fürth gelange, schlug Zill vor: »Bleiben’S doch einfach noch eine Nacht.« Die alte Frau nickte. »Ja, wenn die hier ein Zimmer für mich haben.«

Es sind Begegnungen wie diese, die Awo-Heimleiter Udo Weißfloch darin bestärken, mit der Installation der Schein-Bushaltestelle die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Die Täuschung ist nahezu perfekt: ein – leicht nostalgisches – Halteschild, ein Fahrplan, dazu eine Bank und eine gelbe Telefonzelle, von der Telekom ausgemustert und kostenlos zur Verfügung gestellt.

Die Attrappe soll verhindern, was früher immer wieder vorkam: dass sich verwirrte Heimbewohner auf eigene Faust aufmachen, um ein Zuhause anzusteuern, das sie nicht mehr haben. Im vergangenen Sommer etwa musste die Polizei mit Hubschraubern und Hunden nach einer 95-Jährigen suchen. Am dritten Tag wurde sie von einer Spaziergängerin gefunden, in einem Gebüsch kauernd und mit den Kräften am Ende.

Gefährliche »Blitzgedanken«

Weißfloch ist überzeugt, dass die Schein-Bushaltestelle hilft, so etwas zu vermeiden. Gedacht ist sie für noch nicht demente, aber altersverwirrte Menschen, die neben vielen lichten Momenten auch andere haben können. »Blitzgedanken« nennt es der Heimleiter, wenn ein Senior plötzlich meint, er wohne nicht hier und müsse nach Hause. »In der Regel reicht es, ihn ein wenig abzulenken, um ihn davon abzubringen.«

Die Bushaltestelle bietet dazu Gelegenheit. Wenn es den Pflegern auffällt, können sie den Bewohner noch auf der Bank ansprechen. Manchmal stapfen die Senioren auch in die Räume der Heimverwaltung – ungehalten darüber, dass der Bus nicht kommt oder die Telefonzelle zugesperrt ist. »Wo wollen’S denn hin«, fragt Weißfloch dann. »Trinken Sie doch erst mal einen Kaffee.«

Zwar gaukle man den Senioren mit der Haltestelle etwas vor, aber das sei doch besser, als die Menschen zu »gängeln oder einzuschränken«, wie es mit Demenzkranken passiert, die in einer beschützenden, sprich geschlossenen Station leben müssen. Nein, Weißfloch ist zufrieden mit der Haltestelle, die im Übrigen die Idee einer Pflegerin war, die sich damit im Rahmen einer gerontopsychiatrischen Zusatzausbildung beschäftigt hatte.

Nur manchmal, da kann sie auch anstrengend sein, die Haltestelle. Immer dann, wenn das Personal den Angehörigen von neuen Heimbewohnern erklären muss, dass es nichts bringe, hier auf den Bus zu warten.