Donnerstag, 24.10.2019

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Der Hase

VON MATTHIAS KRÖNER - 11.08.2009

Vom Fiasko eines deutschen Riesen erzählt Matthias Kröner. © De Geare


Meine Großeltern gehörten nicht zu den Menschen, die bis acht Uhr liegen blieben. Nie nahmen sie ihre Marmeladenbrote und ihren Kaffee – Gott bewahre! – im Bett ein. Neben den praktischen Überlegungen (wohin mit den Krümeln?) gehörte es sich einfach nicht, in den Matratzen, die doch zum Schlafen bereitet waren, zu frühstücken.

Gegen die Gleichzeitigkeit von Ereignissen konnten aber selbst sie wenig ausrichten. So begab es sich, dass der klobige Wecker – einer mit zwei großen Schellen, die man heute nur noch auf dem Flohmarkt findet – in stiller Übereinkunft mit der Welt kaputtging und sich auch noch der Stallhase ihres erwachsenen Sohns aus einer Unachtsamkeit heraus an der Käfigtür ein Bein brach.

Von beiden Geschehnissen bekamen die zwei nicht das Geringste mit. Sie schliefen ihren gerechten Schlaf und rissen, so schilderte es meine Oma, um 7.58 Uhr erschreckt die Augen auf.

Aufgeregt griff meine Großmutter nach dem Wecker, schlug die Bettdecke zur Seite und weckte schüttelnd und rüttelnd ihren schnarchenden Mann. «Heinrich, Heinrich, haid is wos bassierd! Mir hamm verschloofm.»

Natürlich hatten sie nichts verpasst. Sie waren seit über zehn Jahren Rentner. Doch auch mein Opa war sofort wach. Gerade heute galt es, einen Radioapparat von einem stadtbekannten Elektrohändler zu kaufen. - Damals gab es noch keine Großkonzerne, die durch provokante Werbung auffielen. Damals gab es noch Händler, die einen berieten und aus riesigen Katalogen, scheinbar aus Übersee, wunderliche Gerätschaften in ihre Läden kommen ließen. – Freilich war es kein großes Unglück, dass mein Opa verspätet eintraf. Eine Zeit hatte er mit dem Fachmann ja nicht vereinbart. Trotzdem begab er sich ohne Frühstück nach einer Katzenwäsche und einer Schnellrasur aus dem Haus. Mein Großvater musste die verlorene Zeit einholen – und zwar schnell.

Der Elektrohändler empfing ihn leutselig. «Grod woar Ihr Sohn bei mir. Dä Hoos hodd si gesdern sei Bein brochn.»

Mein Opa war ein charmanter Redner: Er hätte von den Vorteilen der Kleintierzucht sprechen und von einem Hasen erzählen können, den sie damals im Krieg erlegt hatten. Das beste Fleisch, das er je gegessen hatte (wie er gern bei Familienfeiern, wenn es einen schmackhaften Hasen mit Klößen gab, nach mindestens einem Bier erzählte). Allerdings gab es jemanden in der Familie, der sehr ähnlich hieß, nämlich «Haas» – und das Verhängnis nahm seinen Lauf.

«Wos, dä Hoos hodd si äs Bein brochn? Allmächd, des is ja mein Sohn sei Schwiechervadder.»

Der Fachmann für Elektronik reagierte ausweichend.

Als Großvater nach Hause kam, erzählte er seiner Frau die Neuigkeit. «Schdell dä vor», sagte er aufgebracht. «Da Hoos hodd si gesdern sei Bein brochn.»

«Wos, dä Hoos? Wie issn des bassiert? Doo moui glei amol oorufm. Brichd der sich midden im Sommer än Fouß!»

Frau Haas zeigte sich sehr erstaunt. «Also, mei Moo is gsund. Obber, ward amol, der is grod im Keller. Doo schaui edz soford nooch!» Es dauerte eine geraume Zeit, bis Frau Haas an den Apparat zurückkehrte. «Alles in Ordnung!», sagte sie leise aufseufzend. «Obber vielleicht hodd si anner vo unsere Bubm äs Bein brochn», mutmaßte Frau Haas – und meine Oma hörte, wie der Mutmaßerin Atem schneller ging.

«Saggsd mä Bscheid, wennsd wos wassd!», rief sie noch in den Hörer, bevor die besorgte Mutter wenig aufgeräumt auflegte.

Im Prinzip hätten sich meine Großeltern jetzt dem Frühstück widmen können. Der Kaffeeduft zog durch die warme Küche, die selbstgemachte Marmelade lag, schön anzusehen, in einem kleinen Schüsselchen und der Tisch war mit dem feinen Goldrandgeschirr gedeckt (das man, seit Opa in Rente war, auch unter der Woche verwendete, man hatte schließlich «gnouch gärberd äs ganze Lebm»). Doch die abenteuerlichen Spekulationen machten den Genuss der Morgenmahlzeit zunichte. Immer wieder blickte meine Oma in Richtung Telefon, und auch mein Opa sprach von diversen Möglichkeiten, sich ein Bein zu brechen – was übrigens nicht nur im Krieg geschehen konnte.

Endlich klingelte der vorsintflutliche Apparat, einer mit Wahlscheibe und Riesenhörer.

«Wos erzähldn der Fachhändler!», schimpfte Frau Haas ins Telefon. «Also an Fridz hobbi im Büro erreichd. Er hodd zwor Kobfwäih wecher dem gesdrichn Föhn, obber mied seine Baaner is alles besdens. Und an Heinz hammer im Urlaub in Idolien vom Schdrand an di Rezebdion herghold. Mehr als an Sunnerbrand hamms obber fei ned fesdschdelln könner.»

Jetzt hielt es meine Großmutter nicht mehr aus. Sie wählte die Nummer ihres Sohnes, der aus dem Lachen nicht mehr herauskam. «Dä Hoos, ned dä Haas», japste er. «Iich schdell mä immer des Gsichd vo dem Elekdrohändler vur. Der wärd dachd habm: Edz bauder ab! Edz gäihds dahii mied dem aldn Moo!»

Meine Oma fiel in das Lachen ein, doch stellte sie sich nach dem Telefonat vor meinem Opa hin. Mit ernster Miene sah sie ihn an und hob einen Zeigefinger: «Des woar blouß, wallsd vurm Frühschdügg ausm Haus ganger bisd. Des machd mä ned. Des müssersd edz mied deine fasd achzg Joahr obber langsam wissn.»

Immerhin, das neue Radio funktionierte und der Kaffee schmeckte so gut wie immer. Trotz, ja trotz des traurigen Unfalls des deutschen Riesen, der sich nach einigen Wochen wieder erholte und – vielleicht wegen der ganzen Aufregung – bei keinem Familienfest unter die gierigen Messer und Gabeln meiner wahnsinnigen Verwandtschaft kam.

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