Freitag, 28.02.2020

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Der Landkreis Fürth bekommt einen neuen Waldkindergarten

Zwei Fürtherinnen haben in Großhabersdorf ein passendes Grundstück gefunden - 20.01.2020 06:00 Uhr

Eine Erfahrung, die Kinder im Waldkindergarten ganz schnell machen, ist die, dass es kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung gibt. Unser Bild zeigt eine Gruppe der Allersberger Waldkindertagesstätte „Buchenzauber“. Im Fürther Raum bietet bisher der Verein „Moggerla“ in Oberfürberg und Zirndorf Betreuung im Wald an. © Foto: Tobias Tschapka


Fündig wurden die Erzieherinnen in Großhabersdorf. Es hat ein paar Anläufe gebraucht, um alle Auflagen für den Kindergarten unter freiem Himmel zu erfüllen – zum Beispiel ist die "Baumfallschutzgrenze" einzuhalten, Rettungskräfte müssen ungehindert Zugang zum Gelände haben, und ein Ausweichquartier bei Sturmwarnung muss in der Nähe liegen und zu Fuß erreichbar sein. Das Gelände in der Verlängerung der Straße "An der Klinge", das die Großhabersdorfer als "alte Quellfassung" kennen und das Bürgermeister Friedrich Biegel den beiden Erzieherinnen als dritte und letztmögliche Variante anbot, finden sie optimal. Ab September sollen vom morgendlichen Treffpunkt auf der Wiese 20 Kinder ab drei Jahren im Wolfsrudel durch den Wald streifen.

Bauwagen und Tipi-Zelt

Mit der Regierung von Mittelfranken klären die zwei Frauen derzeit die Bezuschussung. Der Bauantrag ist in Vorbereitung. Bei der Anschubfinanzierung ist die öffentliche Hand fein raus. Gemessen an der herkömmlichen Variante der Kita im gemauerten Gebäude ist der Finanzbedarf für den Waldkindergarten gering. Auf 200 000 Euro sind die Kosten für zwei Bauwägen und ein festes Tipi-Zelt kalkuliert.

Garderobe und Küchenzeile finden sich im einen, Büro, Lager und Schlafmöglichkeiten im anderen Wagen. Chemiefreie Toiletten werden etwas abseits platziert, keiner muss hinter den Baum. "Im Waldkindergarten ist alles vorhanden, nur eben etwas einfacher, abenteuerlicher", so Hirschmann – und unter freiem Himmel.

Allein aus Großhabersdorf und Umgebung haben schon 18 Familien Interesse an einem Platz angemeldet. Dass das waldpädagogische Konzept, das ursprünglich Großstadtkindern die Natur wieder näher bringen sollte, auch im ländlich gelegenen Großhabersdorf zieht, überrascht Schuh nicht: "Waldeltern sind anders", sagt sie. "Sie wollen, dass ihr Kind nicht nur am Wochenende, sondern auch unter der Woche, wenn sie selbst arbeiten, in die Natur kommt." Zumindest hat sie das mit Hirschmann im Waldkindergarten Moggerla in Oberfürberg beobachtet, in dem beide Waldpädagogik-Erfahrung sammelten.

Lava-Erde statt Seife

Jenny Hirschmann (li.) und Dani Schuh bereiten gerade Bau- und Zuschussantrag vor. Die Webseite für den Waldkindergarten steht schon länger. © Foto: André De Geare


Der mit der Minimalbesetzung von sieben Mitgliedern ausgestattete Verein "Wolfsrudel" sammelt auch Spenden; doch allzu viel ist noch nicht zusammengekommen. "Es war uns vorn vornherein klar, dass wir selbst einen Teil über einen Kredit stemmen müssen", sagt Schuh. Dafür spart sich der Verein im laufenden Betrieb Miete für ein Gebäude oder die Stromrechnungen. Das Gelände stellt die Gemeinde zur Verfügung. Es ist nicht erschlossen. Der Frischwasserbedarf wird über täglich neu aufzufüllende Kanister gesichert. "Hygieneauflagen müssen wir natürlich auch einhalten, nur waschen wir die Hände nicht mit Seife, sondern mit Lava-Erde", so Schuh.

Treffpunkt ist ab 8 Uhr auf der Wiese. Sind alle da, geht es zum Waldplatz, dort ist dann der Morgenkreis. Es gibt verschiedene Angebote, Freispielzeit und Unternehmungen. Nach dem Mittagessen ist Ruhezeit, bis 14.30 Uhr müssen die Kinder abgeholt werden. "Länger wollen wir nicht öffnen, den Kindern reicht das, sie sind dann erledigt", sagt Schuh.

Im Wechsel der Jahreszeiten

Gespielt wird mit dem, was der Wald im Wechsel der Jahreszeiten bietet. Und weil die Kinder nicht nur auf ein begrenztes Repertoire an Spielzeug zurückgreifen können, sei die Infektionsgefahr untereinander geringer als in einem Regelkindergarten. Widerstandsfähiger werde man sowieso, ist man dauernd im Freien: "Schnupfen gibt es überall, doch im Waldkindergarten wächst er sich nicht so aus. Vor allem Magen-Darm-Infekte, die sich in Regelkindergärten häufig epidemieartig ausbreiten, gehen rapide zurück", hat Hirschmann erlebt. Die zwei Erzieherinnen sind in Fürth aufgewachsen, doch als Kinder selbst "lieber draußen gewesen als vor dem Fernseher gesessen". Die Erinnerung, als sie "Gras- oder Gänseblümchensuppe im Sand kochte", gehört für Hirschmann zu den schönsten, die sie an ihre Kindheit hat. Ein Kind, das sich vor Schmutz ekle, sei freilich nichts für einen Waldkindergarten. Dazu gehöre Unternehmungslust und Neugierde – und Eltern, die dahinterstehen. Denn sie müssen schließlich akzeptieren, dass ihr Kind auch mal in von oben bis unten verdreckten Klamotten vom Kindergarten heimkommt.


Der Waldkindergarten in Gräfenberg


So weit es die Betreuerinnen betrifft, sagt Dani Schuh: "Einmal Wald, immer Wald." Gemessen an der Arbeit in geschlossenen Räumen sei es im Wald erheblich stressfreier: "Ich muss bei einem Konflikt nicht gleich eingreifen, weil es zu laut werden könnte. Die Kinder können sich mehr ausprobieren, sich selbst mehr erspüren." Den Erfahrungsraum dafür biete die Natur. Deren Ruhe übertrage sich über kurz oder lang auf alle, auch auf die Kinder. "Das erdet."

www.waldkindergarten-wolfsrudel.de

Sabine Dietz

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