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Der Mann im Fürther Rathaus-Hintergrund

Die rechte Hand für zwei OB und fast 50 Jahre Teil der Verwaltung: Werner Kalb geht in den Ruhestand - 06.07.2020 11:00 Uhr

Rund 1200 Bitt- und Beschwerdebriefe pro Jahr: Werner Kalb konnte über mangelnde Abwechslung in seinem Job nicht klagen.

© Foto: Hans-Joachim Winckler


Öffentlich in Erscheinung getreten ist Oberbürgermeister Thomas Jungs persönlicher Mitarbeiter an sich nie. Und doch dürften viele Fürther seinen Namen kennen. Denn seit Jungs Amtsantritt 2002 hat oft er im Namen des Rathauschefs ihre Bitt- und Beschwerdebriefe beantwortet. Um die 1200 Eingaben pro Jahr waren es, meist Klagen über Parksituationen, Lärm, die Müllabfuhr, aber auch Kurioses.

So hielt eine Dame im Jubiläumsjahr 2007 Blütenbomben des Marketingvereins Vision Fürth für Trüffelpralinen. Sie habe drei der hübsch verpackten und beschrifteten Samenpäckchen verspeist und sich dann erbost, weil ihr übel wurde, berichtet Kalb belustigt.

Über seinen Vorgesetzten könnte er sicher viel erzählen ("In 18 Jahren weiß man, was er denkt"); er sagt aber nur, dass Jung "fast jede" Bürgermail auch selbst liest und oft blitzschnell: "Er kann einen vierseitigen Brief in ein paar Sekunden erfassen und aus dem Stegreif beantworten."

Werner Kalb, zweifacher Vater und dreifacher Großvater, ist ein gewinnender Mensch mit diplomatischen Qualitäten. In der Stadtverwaltung gilt er als fleißig, gewissenhaft und flexibel. Sein Berufsleben, in dem dicke Akten, lange Projektlisten und immer neue Wiedervorlagen keine unwesentliche Rolle spielten, begann 1971.

Der gebürtige Nürnberger lebt damals mit seiner Familie in Stadeln, das noch zum Landkreis Fürth gehört. Er ist 16, hat nach dem Besuch der Hans-Böckler-Realschule die Mittlere Reife in der Tasche und träumt von einer Karriere bei der Kripo. Seine Eltern jedoch – der Vater Bahnbeamter, die Mutter im Chefsekretariat des Kaufhauses Hertie – drängen: "Geh lieber zur Stadt." Ihr Sohn bewirbt sich hier wie dort.

Er erhält erst grünes Licht für den Vorbereitungsdienst bei der Polizei und dann, als Nachrücker, die Zusage der Stadt Fürth für eine Ausbildung im gehobenen Verwaltungsdienst. Er hat so gar keine Lust auf Ärmelschoner und Büro – fügt sich aber dem elterlichen Wunsch.

 

Belustigung und Schaudern

 

Mit zwei Dutzend jungen Leuten wird er am 1. September 1971 im Sitzungssaal des Rathauses von Bürgermeister Heinrich Stranka (OB ist damals Kurt Scherzer) begrüßt. Los geht es für ihn als Dienstanfänger in der Schlachthof-Verwaltung im heutigen Kulturforum. Seine Erinnerungen daran schwanken zwischen Belustigung ("Im Schlachthof gab es auch noch einen zweiten Herrn Kalb . . .") und Schaudern ("Beim Blick aus dem Fenster hab’ ich hinunter geschaut in die Schlachthalle, wo Rinder- und Schweinehälften am Haken hingen").

Doch das Hadern mit der Berufswahl legt sich. 1976 hat Kalb seine Ausbildung beendet und landet als Sachbearbeiter im Sozialamt. Er ist mit schwierigen Schicksalen konfrontiert, mit Kriegerwitwen und Frauen, die vor ihren Männern Schutz suchen, freut sich aber über ein "super Team". 1982 wird er Ausbildungsbeamter und 1985 persönlicher Mitarbeiter des neuen Oberbürgermeisters Uwe Lichtenberg. Werner Kalb ist Ende 20 und "stolz, Teil der Führungsebene zu sein".

Er baut sich ein Aufgabenfeld auf, das es noch gar nicht gibt, organisiert Bürgerversammlungen, installiert ein Beschwerdemanagement, schreibt manche Rede für seinen Chef. Unter dem Motto "Stadt Fürth geht auf Reisen" stellt er Sonderzugfahrten auf die Beine. Bis zu tausend Menschen nehmen an den musikalisch begleiteten Tagesausflügen nach Lindau, Kufstein oder Karlsbad teil.

Kalb organisiert die Besuche früherer jüdischer Mitbürger von Fürth aus aller Welt – und er findet es "umwerfend, wie liebenswürdig und offen uns diese Menschen begegnen, die in der Nazi-Zeit so unaussprechliches Leid erfahren haben".

Kalbs Familie stammt aus dem Sudetenland. Sein Großvater war "strammer Sozialdemokrat", und auch der Enkel tritt, fasziniert von Willy Brandt und Helmut Schmidt, Ende der 70er Jahre der SPD bei. Dass 1985 CSU-Mann Wilhelm Wenning Stadtoberhaupt wird, betrachtet er als Abwahl Lichtenbergs. Der war seines Erachtens zwar zwölf Jahre "der richtige Mann am richtigen Platz", baute aber im Debakel um die Schwelbrennanlage am Hafen "zu viel innere Distanz zu den Bürgern auf".

Unter dem neuen OB wechselt Kalb ins damalige Schul-, Sozial- und Kulturreferat und wird dort die rechte Hand von Chef Gerd Fleischmann. "Wieder ein Glücksfall, denn das war ein hochkünstlerischer Mensch, ehrlich und immer souverän." Als eine Art kommissarischer Leiter koordiniert er nach Fleischmanns Tod 1999 vorübergehend das Referat, 2002 holt OB Jung Werner Kalb zu sich.

Dass er elf Jahre an der Seite des einen und 18 Jahre an der Seite des anderen Rathauschefs stand, ohne je selbst die Nummer eins gewesen zu sein – das findet der Pensionär, dessen Job jetzt eine Frau macht, alles andere als schlimm. "Ich bin gern der Mann im Hintergrund, und ich habe in meinem Berufsleben die Abwechslung gefunden, die ich mir gewünscht hatte", versichert er. Und klingt dabei rundum zufrieden.

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