Samstag, 18.01.2020

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Der Schüleraustausch fällt immer öfter aus

Fahrten sind mit großem Aufwand verbunden - Einige Schulen nehmen das gerne in Kauf - 12.12.2019 15:58 Uhr

27 Schülerinnen und Schüler aus China waren 2017 im Rahmen eines Austauschprogramms an der Hans-Böckler-Schule zu Gast in Fürth – und statteten auch dem Rathaus und dessen Turm einen Besuch ab. Die Nachfrage nach dem Austausch ist so groß, dass nicht alle Interessierten mitfahren können. © Hans-Joachim Winckler


Schüleraustausch, das ist für Thomas Bedall "das Salz in der Suppe" des Schulalltags. "Daran werden Sie sich Ihr Leben lang erinnern, wenn Sie an die Schullaufbahn zurückdenken", ist sich der Schulleiter der Hans-Böckler-Realschule (HBS) sicher. Sehr bedauern würde er es deshalb, ihn abzuschaffen.

Wie eine parlamentarische Anfrage der SPD-Landtagsfraktion vor kurzem zeigte, haben genau dies aber etliche Schulen getan. Seit dem Schuljahr 2013/14 ist die Zahl der Teilnehmer an solchen Programmen in Bayern von rund 34 000 auf 30 500 gesunken. Über die Gründe kann man nur spekulieren. Zu wenig Zeit beim achtstufigen Gymnasium, zu hohe Kosten für Familien und niemand, der die Organisation übernehmen will – so lauten die Argumente, die gegen solche Kooperationen sprechen.

An der HBS sieht das anders aus: Seit rund 15 Jahren gibt einen Austausch mit Schottland, 2012 kam China dazu. Außerdem können Neuntklässler ein Praktikum in einem Unternehmen in Südtirol machen und in dieser Zeit bei Gastfamilien wohnen. Verständigen müssen sich alle Teilnehmer auf Englisch – wobei der Fokus für Bedall nicht unbedingt auf dem Spracherwerb liegt. Er sieht den Mehrwert beim Schüleraustausch vor allem in der Persönlichkeitsentwicklung durch den Aufenthalt in einer fremden Familie. Das sei ein enormer Gewinn für die Schüler, der sich in Noten nicht messen lasse.

Doch damit so ein Austausch gut funktioniert, ist auch ein nicht unerheblicher Einsatz der Schule nötig. Mit viel Engagement sei das verbunden, räumt Bedall ein, und natürlich bräuchte man passende Kollegen, die Freude am Organisieren haben. "Aber wenn der Austausch einmal stattgefunden hat, wird auch die Arbeit weniger."

Auch am Oberasbacher Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium funktionieren die Kooperationen nur dank des Einsatzes der beteiligten Lehrer. Schulleiter Uwe Laux ist zwar erst seit September im Amt, hat aber durchaus schon Einblicke in das Thema Schüleraustausche bekommen. Nach Frankreich und Spanien führen diese interessierte Schüler derzeit; außerdem gibt es ein Programm mit Jerusalem, das momentan allerdings wegen der Sicherheitslage ausgesetzt ist. Auch die Fahrt nach Polen findet erst kommendes Jahr wieder statt.

"Die Nachfrage ist groß", sagt Laux, der sich neben der bestehenden Kooperation noch eine weitere mit einem englischsprachigen Land wünschen würde. Die Suche nach einer geeigneten Schule blieb bislang jedoch erfolglos. "Es wird allgemein weniger Deutsch gelernt",sagt Laux. Diese Tendenz beobachten auch andere Schulen, mancherorts wurde der Austausch deshalb beendet.

Unterricht fällt aus

Laux will sich davon nicht abhalten lassen. Und er findet auch nicht, dass im achtstufigen Gymnasium während des Austausches zu viel Unterricht verpasst wird. "In der Mittelstufe ist das kaum ein Problem", sagt er. Zudem käme der Aufenthalt ja der Fremdsprache zugute. "Es wäre eine Katastrophe, wenn er wegfiele."

Ganz anders sieht es an den Mittelschulen aus. Dort gibt es von Haus aus seltener Schüleraustauschprogramme – auch weil bis zur neunten Klasse weniger Zeit bleibt, die Englischkenntnisse zu vertiefen. In Zirndorf wird sich das nun ändern. Entgegen dem Trend startete dort das Programm "Erasmus+".

Als eine von acht bayerischen Mittelschulen nimmt Zirndorf an dem zweijährigen Projekt "Perspectives4 Democracy" teil, das sich mit dem demokratischen Handeln von Jugendlichen aus unterschiedlichen Kulturkreisen befasst. 24 Schüler und drei Lehrer arbeiten daran, im Januar geht die erste Reise zu Gastfamilien in Finnland, weitere Reisen in die ebenfalls beteiligten Länder Slowenien oder Spanien sind geplant. Schulleiter Helge Kuch sieht darin jede Menge positive Aspekte. "Wir machen das nicht, weil es so schön ist, fremde Länder zu besuchen", sagt er. Vielmehr geht es ihm um das kulturelle Miteinander, die Sprachförderung und den Erfahrungsaustausch mit anderen europäischen Ländern.

Gwendolyn Kuhn

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