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Die Bahn steht am Pranger

Kommunalpolitiker lassen kein gutes Haar am Vorgehen des Unternehmens - 18.12.2010 13:00 Uhr

Fürther Ärgernisse: Der Bahnsteig in Vach ist zu niedrig für die neuen Züge. © Winckler


So sieht es aus, wenn jemand am Pranger steht. Das Volk zieht vorbei, und jeder hat noch schlimmere Beschimpfungen auf Lager. Die Palette im Fürther Stadtrat reichte am Mittwoch von „befremdlich“ (Jung) über „unverschämt“ (SPD-Fraktionschef Sepp Körbl) bis hin zu „unglaublich“ (Harald Riedel/Grüne).

In den Augen von Kommunalpolitikern aller Couleur ist es einfach zu viel, was in letzter Zeit zusammenkam. Beispiel S-Bahn-Verschwenk. Ein – allerdings vom Freistaat in Auftrag gegebenes — Gutachten hatte ergeben: Der von der Stadt gewünschte Verlauf des neuen S-Bahn-Gleises entlang der bestehenden Strecke nach Erlangen verfehlt knapp den notwendigen Nutzen-Kosten-Indikator von 1,0, sei also, einfach ausgedrückt, nicht rentabel. Deshalb müsse zwingend der von Staat und DB favorisierte Verschwenk durchs Knoblauchsland gebaut werden — Verlust von wertvollem Acker- und Grünland inklusive.

Die Stadt und hartnäckige Verschwenk-Kritiker zweifeln allerdings, wie berichtet, energisch an den Zahlen der Studie, die bislang nur in einer Kurzfassung vorliegt. Zu viel sei unklar, einige Posten halten sie schlichtweg für nicht nachvollziehbar – etwa die Millionenkosten für Lärmschutz in einem Bereich, in dem eigentlich kaum noch Menschen nahe an der Zugstrecke leben, oder aber eine Kostenstelle in Höhe von fünf Prozent für „Unvorhergesehenes“.

Nicht nachvollziehbar

„Seit Wochen“ schon versuche das Rathaus ohne Erfolg, Unterlagen und das komplette Gutachten vom Wirtschaftsministerium zu bekommen, berichtete Thomas Jung dem Stadtrat. Der bestärkte die Stadtspitze nun im Bemühen um Aufklärung. Beschlossen wurde, hartnäckig weiterzubohren und das Zahlenmaterial akkurat zu überprüfen. „Dieses Gutachten ist nicht das Ende, sondern der Anfang der Diskussionen“, prophezeit Grünen-Politiker Riedel.

Die Unterführung am Scherbsgraben harrt noch immer der versprochenen Öffnung für den Verkehr. © Pfrogner


Von der zuständigen DB ProjektBau wiederum fordert der Stadtrat, am Bahnhof Vach „in kürzester Frist“ nachzubessern. Gänzlich unverständlich sei die Ankündigung des Unternehmens, die nötige Erhöhung des Bahnsteigs per Holzkonstruktion sei nicht vor dem Sommer möglich und der Haltepunkt deshalb vorerst für die S-Bahn unbrauchbar.

Andernorts werde so etwas in vier Wochen erledigt, lästert das Stadtoberhaupt. Von einem „Wink mit dem Zaunpfahl“ spricht SPD-Mann Körbl; der Bürger solle sich „wohl schon mal daran gewöhnen“, dass es die Station Vach nicht mehr geben wird, wenn der Verschwenk gebaut wird.

In Rage bringen die Fürther aber auch Straßenbaustellen im Zusammenhang mit dem Bahnprojekt, die längst fertig sein sollen, es aber nach wie vor nicht sind. So ist die Unterführung am Scherbsgraben noch immer nicht passierbar, weil — so der OB — „50 Quadratmeter Platten auf dem Fußgängerweg fehlen“. Nun befürchtet er, dass sich bis zum Frühjahr nichts mehr tut. Und die neue Brücke im Verlauf der Hardstraße, sekundiert sein Parteifreund Körbl, sei doch „schon seit dem Sommer fertig“, werde aber von der Bahn offenbar als Lagerplatz für Baumaterial genutzt.

„Es ist schon eine Zumutung, was wir hier an vielen Fronten erleben“, so das bittere Resümee eines zunehmend frustrierten Rathauschefs. Und dabei war im Stadtrat vom pannenbelasteten Start des S-Bahn-Betriebs am vergangenen Sonntag noch gar nicht die Rede. 

Wolfgang Händel

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