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Montag, 10.08.2020

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Die Bahn treibt Anwohner zur Verzweiflung

Rigide Vorgehensweise beim S-Bahn-Bau sorgt für Ärger - Selbst Gütetermin brachte keine Einigung - 31.08.2009

Peter Schweiger und Gabriele Hrodek-Schweiger, Anwohner der Fürther Wilhelmstraße, liegen mit der Bahn im Clinch und haben ein Protest-Transparent an ihrem Haus befestigt.

© Hans-Joachim Winckler


Das Transparent am Haus spricht Bände: «Beton statt Bäume, Danke DB!» steht dort geschrieben. Ein Satz, der allerdings nur einen Teil des Ärgers und der Hilflosigkeit der Familie Schweiger widerspiegelt, die in der Wilhelmstraße eine Doppelhaushälfte bewohnt.

Da das Grundstück unmittelbar an die Böschung zu den Gleisen grenzt, benötigt die Bahn - wie bei vielen anderen, die im so genannten Fürther Bogen zu Hause sind - einen Teil des Gartens, um die zusätzlichen S-Bahn-Gleise verlegen und eine Lärmschutz- bzw. Stützwand errichten zu können. Genau 33 Quadratmeter sind es. «Zum Glück nicht dauerhaft, sondern nur vorübergehend», sagt Gabriele Hrodek-Schweiger. Dennoch hat die Familie reichlich Ärger.

Seltsamer Besuch

2007 schickte die DB eine Gutachterin vorbei, um eine Entschädigungssumme festzulegen. «Aber offenbar hielt sie es nicht für nötig, einen Termin mit uns zu vereinbaren», erzählt Peter Schweiger. Als er zufällig nach Hause kam, fotografierte die Frau das Grundstück vom Garten der Nachbarn aus. Gegen das Ergebnis legte die Familie Widerspruch ein. «Die Bewertung der Pflanzen und die Wiederherstellungskosten haben in keinem Fall den Tatsachen entsprochen», sagen die Schweigers.

Sie haben vielmehr den Eindruck, der Konzern lasse gezielt «bahnfreundliche Gutachten» erstellen, um möglich wenig Entschädigung zahlen zu müssen. Als Folge der Gegenwehr leitete die Bahn 2008 ein Besitzeinweisungsverfahren zur Enteignung ein. Es kam zu einem Gütetermin im Rechtsamt der Stadt Fürth.

Das Ergebnis: Die Stadt beauftragte einen amtlich bestellten Gutachter, der das Grundstück erneut unter die Lupe nehmen sollte. Zudem wurde eine weitere Begutachtung hinsichtlich Schallschutzfenstern vereinbart, der Baubeginn auf Oktober 2008 terminiert und außerdem festgelegt, dass die Bahn das Grundstück nicht länger als vier Monate (plus drei Monate, falls etwas Unvorhergesehenes passieren sollte) für die Bauarbeiten nutzen darf.

Und siehe da: Der neue Gutachter setzte die Entschädigungssumme vier Mal so hoch an wie die DB-Gutachterin. Daraufhin räumten die Schweigers pünktlich zum 1. Oktober ihr Gartenhäuschen und entfernten erhaltenswerte Pflanzen - doch bis heute ist nichts geschehen. Informationen? Fehlanzeige. In der Zwischenzeit mussten sie sich über ein anderes Bahngutachten ärgern: Die Schallschutzfenster wurden ihnen versagt. «Obwohl wir laut Planfeststellungsbeschluss», so Peter Schweiger, «genau in der Zone liegen, in der passiver Schallschutz gegeben ist.» Die Bahn habe nicht einmal die Lautstärke gemessen. Der Widerspruch läuft bereits. Zu allem Überfluss erkenne der Konzern das Ergebnis des von der Stadt bestellten Gutachters nicht an.

Vor einigen Tagen habe die Bahn nun über das Rechtsamt der Stadt Fürth mitteilen lassen, dass der Baubeginn auf Dezember 2009 verschoben worden ist. Die Baumaßnahmen sollen eineinhalb Jahre dauern statt der vereinbarten vier Monate. «Wir selbst wurden bis heute nicht persönlich informiert», wundern sich die Schweigers. Im Oktober wird es zu einem weiteren Gütetermin mit der Bahn im Rechtsamt der Stadt kommen. «Wir rechnen mit dem Schlimmsten», sagt Gabriele Hrodek-Schweiger.

Fest steht nach ihren Worten aber schon eines: «Unser Grundstück, und das gilt auch für den Wert, wird nach den Baumaßnahmen nicht mehr so sein wie zuvor.» Deswegen auch das Transparent. Statt ins Grüne werden sie künftig auf eine 1,80 Meter hohe Schallschutzwand schauen.

Johannes Alles

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