-1°

Mittwoch, 11.12.2019

|

Die Depressionen nach dem Doppel-Tiefschlag

Wie Fürths Wahlleiter zur tragischen Figur wird und eine politische Karriere bizarr endet - 03.10.2008

Selters statt Sekt: Wahlleiter Christoph Maier und der Landtagsabgeordneten Petra Guttenberger verging am Wahlabend das Lachen. © Scherer


Am Sonntagabend um kurz nach sechs war so ein Moment. Auf dem Bildschirm des TV-Geräts im Technischen Rathaus poppte die erste Prognose des Landtagswahlergebnisses auf und sagte der CSU sensationell dürftige 43 Prozent Stimmenanteil voraus. Nun ist Christoph Maier zwar kraft seines Amtes Wahlleiter im Stimmkreis Fürth und als solcher zu Neutralität verpflichtet - aber er ist eben auch mit Leib und Seele Politiker der CSU. Deshalb umwölkte sich Maiers Blick schon zum zweiten Mal nach dem März dieses Jahres, als seine Partei bei der Kommunalwahl beispiellos Schiffbruch erlitten hatte, und Maier sprach: «Meine Auftritte hier sind regelmäßig mit depressiven Begleiterscheinungen verbunden.» Wir indes sind recht zuversichtlich: Maier ist bald wieder in Ordnung und erheitert seine Umwelt.

Doch der Wahlabend bot im Verborgenen weitere tragische Aspekte. Vorerst zu Ende ging beispielsweise die politische Karriere des einst hoffnungsvoll nach vorne preschenden Werner Scharl. Sie erinnern sich? Der rhetorisch begabte Gymnasiallehrer und beschlagene Umweltexperte wollte Ende der 90er Jahre gern Landtags-Direktkandidat der CSU werden, musste dann aber Petra Guttenberger den Vortritt lassen.

Auch Scharls Ambitionen im Stadtrat bremsten die christsozialen Parteifreunde 2007 jäh, als sie ihn auf der Kandidatenliste für die Kommunalwahl unter «ferner liefen» platzieren wollten. Scharl trat grollend aus der CSU aus - und hob zusammen mit Lehrerkollegin Heidi Lau von der abgewirtschafteten Bürgerliste den Fürther Ortsverband der Freien Wähler aus der Taufe.

Die Rechnung aber ging wieder nicht auf: Statt des von Scharl unter Hohngelächter anvisierten, zweistelligen Prozentanteils fuhren die FW beim kommunalen Urnengang gerade einmal 2,4 Prozent ein. Und Scharl schaute einmal mehr in die Röhre. Denn den einzigen Stadtratssitz, der für die FW heraussprang, jagte ihm Lau ab.

Dem Vernehmen nach haben sich die beiden zuvor in der Not Vereinten seitdem nicht mehr allzu viel zu sagen, doch bereits vereinbart war: Scharl wird als Direktkandidat der Freien bei der Landtagswahl fungieren - was der 57-Jährige auch tat. Allerdings offenbar völlig desillusioniert: Kaum ein Plakat mit seinem Konterfei wurde in den zurückliegenden Wochen gesichtet.

Das bizarre Ergebnis: Im Sog der bayernweiten CSU-Schlachtschüssel kreuzten Scharls Namen dennoch beachtliche 7,3 Prozent der Wähler an. Endlich ein Erfolg - aber wieder zu wenig für ein Mandat. So viel Talent zum Scheitern kennt man in Fürth sonst nur von Fußballern.

Unterdessen sorgt Scharls kurzzeitige Weggefährtin Heidi Lau im Kommunalparlament weiter für Aufsehen. Einer ihrer Nachbarn in der hintersten Bank, der erst seit Mai hier vertretene Linke Ulrich Schönweiß, unterbrach neulich seinen eigenen Debattenbeitrag, um Lau empört zur Ordnung zu rufen. Sie möge doch endlich aufhören zu reden, bat der hörbar entnervte Rechtsanwalt inständig und jammerte ins Mikrofon: «Dauernd ist sie so laut, die Frau Lau!» Man sieht: Der Mann ist noch neu im Stadtrat.

Wolfgang Händel

Seite drucken

Seite versenden


weitere Meldungen aus dem Ressort: Fürth