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Ein Euro fürs Essen: Tafel in Langenzenn ist unverzichtbar

Seit zehn Jahren werden in Langenzenn bedürftige Menschen unterstützt - 10.01.2020 11:00 Uhr

Sie räumen für ihre Kunden bei der Langenzenner Tafel unter anderem Kartoffeln, Tomaten und Pilze ins Gemüseregal: Christa Rückel (rechts) ist Gründungsmitglied des Vereins, den es seit 2009 gibt. Roswitha Fahn (links) arbeitet seit einigen Jahren mit, unter anderem im Vorstand.

09.01.2020 © Thomas Scherer


Ein Backsteinhaus am Bahnhof ist das Domizil der Langenzenner Tafel. Jeden Samstag können weniger begüterte Bürger dort für einen Euro Lebensmittel bekommen. Für die Organisation und die Verteilung ist ein engagiertes Team aus ehrenamtlichen Helfern wie Christa Rückel und Roswitha Fahn verantwortlich.

Zehn Jahre Tafel Langenzenn – ist das ein Grund zum Feiern, oder muss man nicht eher nachdenklich werden, weil es die Tafeln in einem wohlhabenden Land wie Deutschland überhaupt braucht?

Christa Rückel: Natürlich gibt es diese beiden Seiten. Aber wenn ich es einmal positiv beschreibe: Ich finde es sehr schön, dass über diese lange Zeit hinweg sich so viele Ehrenamtliche – wir sind mit den Fahrern knapp 60 Personen – engagieren und bedürftigen Langenzennern helfen.

 

Bei Großstädten denkt man eher an Menschen in Not als bei einer Kommune von der Größe Langenzenns.

Roswitha Fahn: In Langenzenn braucht es aber die Tafel. Wir haben regelmäßig 40 bis 50 Kunden . . .

Bei der Tafelgründung ging man sogar von einem Kreis von bis zu 200 Menschen aus.

Fahn: Bestimmt gibt es in Langenzenn noch weitere Bedürftige. Aber speziell bei den Rentnern, unserer kleinsten Beziehergruppe, kommen eben manche nicht, gerade Frauen. Da spielt Scham eine Rolle, weil es nicht ins Weltbild passt, irgendwohin zu gehen und um etwas zu bitten.

Langenzenn und Veitsbronn sind als einzige Tafeln im Landkreis selbstständig und keine Ausgabestelle der Fürther Tafel, warum?

Rückel: Uns war es von Anfang an wichtig, eigenständig zu bleiben. Vor allen Dingen, wenn es darum geht, wer von uns einen Tafelausweis bekommt. Berechtigt sind neben Menschen, die Arbeitslosengeld II beziehen, auch Rentner und Geringverdiener. Die Einkommensgrenze liegt monatlich bei 900 Euro plus Zuschläge für jedes Kind. Wir wollten aber keine Leute abweisen, die vielleicht zehn Euro mehr im Monat haben als erlaubt. Wir kennen die Langenzenner und wissen, wer dennoch auf die Tafel angewiesen ist.

Wie viele Ausweise haben Sie denn ausgegeben?

Fahn: Aktuell sind es 103 Ausweise, die regelmäßig überprüft werden, aber deutlich mehr Personen. Denn da zählen auch 60 Kinder dazu.

Haben Sie für die Ausgabe genügend Spender?

Rückel: Auf jeden Fall. Ob Vollsortimenter, Discounter oder Familienbetriebe wie Metzger und Bäcker, die Langenzenner sind wirklich sehr großzügig. Wir sind gerade mit Brot gut bestückt, Wurstwaren bekommen wir am Samstag immer frisch. Wir erhalten auch noch Spenden von Privatpersonen. Wir haben etwa eine Dame aus Cadolzburg, die schaut gezielt nach Sonderangeboten und bringt uns dann zum Beispiel 50 Stück Butter, Kaffee oder auch flaschenweise Essig und Öl vorbei.

Gibt es Sachen, an denen es Ihnen mangelt?

Fahn: Milchprodukte, wie Joghurt oder Käse. Die lassen die Geschäfte natürlich auch bis kurz vor dem Ablauf der Mindesthaltbarkeit im Regal. Dann bekommen wir sie. Wir haben offizielle Listen der Hersteller, wie lange die Sachen noch gegessen werden können. Für diese Produkte gibt es bei uns spezielle Aufkleber. ,Schnell verbrauchen‘ steht da drauf.

Was mögen Ihre Kunden eigentlich am liebsten?

Fahn: Alles, was schnell geht und wenig Arbeit macht. Vorgekochte Kartoffeln zum Beispiel. Manchmal fragen sie nach Sachen, die wir gar nicht kennen. Ältere Frauen greifen aber auch gerne zu Gemüse.

Apropos Gemüse: Ist aus der Idee eines Tafel-Gartens etwas geworden?

Fahn: Anfangs hatten wir zwei Kunden, die uns geholfen haben. Eine Zeitlang haben wir selbst Kartoffeln angebaut. Was schön wäre, wenn wir, vielleicht mit der Pfann-Stiftung, zwei oder drei Obstbäume mit alten Sorten pflanzen könnten. Da müssen wir einmal mit der Stadt reden.

Baut man eine Beziehung zu den Menschen auf, die sich Lebensmittel holen?

Rückel: Wir haben Bürger, die kommen von Anfang an. Da entsteht ein recht vertrauliches Verhältnis, große und kleine Sorgen kommen hier zur Sprache.

Auch wenn alles gut läuft, seit einigen Monaten steht Ihr Verein ohne Vorstand da, nachdem die gerade installierte Führung sich recht plötzlich wieder verabschiedet hat. Wie geht es weiter?

Rückel: Eine gute Frage. Wir sind 115 Mitglieder, davon aber sehr viele schon über 60 Jahre alt. Die tägliche Arbeit läuft zwar, aber natürlich brauchen wir eine Vorstandschaft.

Fahn: Die nächste etatmäßige Hauptversammlung wäre erst im April. Aber so lange können wir nicht warten. Schließlich ist eine ordentliche Führung auch wichtig für das Bild nach außen.

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